11. März 2015

Digitale Kompetenz – wer übernimmt die Verantwortung? DOSSIER_BILDUNG #5 von

Lotte Krisper-Ullyett im Gespräch mit Dr. Johannes Kopf, LL.M., Mitglied des Vorstands des Arbeitsmarktservice Österreich, AMS; Twitter: @JohannesKopf

Welche Beobachtungen gibt es im Hinblick auf jugendliche Arbeitssuchende und deren digitale Kompetenzen?
Johannes Kopf: Jugendliche haben wenig Berührungsängste wenn es um digitale Medien geht. Unseren Kundinnen und Kunden mangelt es allerdings erschreckenderweise immer wieder an den nötigen Lese- und Schreibkompetenzen, die nötig sind um digitale Medien zielgerichtet und professionell einsetzen zu können.


Johannes Kopf wurde im Jahr 2011 binnen 2 Stunden unfreiwillig zum Twitter-Experten. Ein missglückter AMS-Werbespot wurde auf Facebook diskutiert, dann von Armin Wolf per Link in die Twitter-Welt katapultiert und dort mit viel Häme bedacht. Vom AMS-Vorstand kam der Anruf, dass es hier unmittelbaren Handlungsbedarf gäbe. Johannes Kopf schaffte es, den Cartoonisten ausfindig zu machen und den Spot umarbeiten zu lassen, um sich zwei Stunden später mit folgendem Tweet zurückzumelden:

Darauf hieß es „AMS hat gut reagiert“ und am Abend hatte Johannes Kopf die ersten 100 Follower. Mittlerweile sind es über 2500 Follower und 4700 Tweets.


Welche digitalen Kompetenzen sollte ein Kind, das die Pflichtschule absolviert hat, in jedem Fall mitbringen?
Johannes Kopf: Sehr wichtig ist das richtige Online-Recherchieren – also systematisches Suchen und nicht beliebiges Surfen! Dabei geht es darum unterschiedliche Quellen zu kennen, diese richtig zu nutzen und deren Informationsgehalt auch richtig einschätzen zu können. Also etwa Foren-Einträge kritisch zu hinterfragen, anerkannte Informationsseiten zur zielgerichteten Suche zu erkennen und auch zu verwenden oder etwa Erfahrung in der treffsicheren Suche und der Syntax von Google zu haben.

Was muss bereits in der Schule gelernt werden und was ist nachschulbar?
Johannes Kopf: Nachschulbar ist bei Jugendlichen Gott sei Dank noch so gut wie alles. Aber es geht natürlich darum, wer Verantwortung übernimmt und auch Geld dafür hat, „verpasste“ Lerninhalte der Pflichtschule nachzuschulen. Das AMS bietet und finanziert aktuell sehr viel, um den Jugendlichen die Chance zu geben, verpasste Inhalte nachzuholen. Es ist aber absolut notwendig darüber nachzudenken, wie das formale Bildungssystem es schaffen kann, die Jugendlichen mit mehr Kompetenzen zu entlassen.

kopf

Foto: AMS / Spiola

Welche Erfahrungen gibt es damit, SchulabbrecherInnen eine zweite Chance zu geben: Spielen digitale Kompetenzen dabei eine Rolle?
Johannes Kopf: Das AMS bietet naturgemäß oft die zweite Chance, wo notwendig sogar eine dritte oder vierte. Bedenkt man, dass die Chancen nach einem Schulabbruch am Arbeitsmarkt sehr gering sind, stellen solche Personen einen großen Anteil an unseren Kundinnen und Kunden dar. Häufig geht es bei den Jugendlichen erst einmal darum, die klassischen Kulturtechniken und Schlüsselkompetenzen zu vermitteln. Diese können im Unterricht durch digitale Techniken geübt und angewendet werden. Die Jugendlichen lernen also im Idealfall unter Anwendung digitaler Techniken nicht nur das gezielte Recherchieren, sondern auch sinnerfassendes Lesen – und sie erleben, welche Vorteile es hat, Texte dann auch zu verstehen.

Gibt das AMS Empfehlungen an das Bildungssystem? In welcher Form?
Johannes Kopf: Es gibt mit hunderten von Schulen laufend gelebte Kooperationen im Bereich der Bildungs- und Berufsberatung. Natürlich informieren meine Kolleginnen und Kollegen über diese Kanäle auch von den Notwendigkeiten am Arbeitsmarkt. Aber auch bei den meisten politischen Diskussionen – egal ob regional oder auf Bundesebene – bringen wir uns natürlich regelmäßig ein. Auch ich selbst habe laufenden Kontakt mit Vertreterinnen und Vertretern des Bildungssystems, aktuell etwa zum Projekt der Ausbildungspflicht bis 18.

Gibt es ausreichend gute Fachleute in Österreich, um die gefragten digitalen Kompetenzen zu vermitteln?
Johannes Kopf: Ich denke schon. Nur werden diese Fachleute oft nicht einbezogen. Es wäre mE aber am wichtigsten, dass Schule und Erwachsenenbildung flächendeckend digitale Medien selbstverständlich als integralen Bestandteil des Unterrichts einsetzen.

Woran orientiert sich das AMS (international?), welche digitalen Kenntnisse und Fertigkeiten geschult werden?
Johannes Kopf: Klar gibt es auch Austausch über die Europäische Union und das Netzwerk der europäischen Arbeitsmarktverwaltungen. Das AMS organisiert vorallem seit Jahren das sogenannte „Standing Committee on New Skills“ – gemeinsam mit Leitbetrieben aus unterschiedlichen Branchen erarbeitet wir den künftigen Qualifikationsbedarf der Wirtschaft. Daher wissen wir: gute IT-Kenntnisse werden so gut wie in allen Berufen und Branchen mittlerweile vorausgesetzt. Zunehmend wird von den Betrieben auch der professionelle Umgang mit digitalen Medien und Social Media gefordert. Die Erkenntnisse dieser Arbeitsgruppen münden auch in das Schulungsprogramm des AMS.

Wie hat sich das AMS durch die digitalen Veränderungen selbst verändert? Gibt es Online Kurse des AMS?
Johannes Kopf: Reine Online-Kurse bieten wir aktuell nicht an, es gibt bei Kursangeboten aber diverse Online Zusatzangebote. Gute Erfahrungen haben wir mit unserer e-Services oder zuletzt mit der Einführung unserer AMS Job App gemacht. Intern haben wir vor kurzem eine Unternehmens- Social-Software eingeführt, die sich gerade in der Testphase befindet.


Welche Bedeutung spielen digitale Kompetenzen bei der Arbeitssuche?
Johannes Kopf bringt auf der Podiumsdiskussion Das neue Arbeiten im Netz” 20.1.2015, MQ Wien AzW Podium vier Argumente:

Qualifikation: Früher musste ein Lagerarbeiter stark sein und das AMS konnte ihn vermitteln. Heute gibt es kein Lager ohne Lagerlogistiksoftware, nur höherqualifizierte LagerarbeiterInnen sind vermittelbar.
Zugang: Man kann sich oft ausschließlich per E-Mail, Kontaktformular oder Online-Assessment bewerben.
Spuren im Netz: Noch vor 2-3 Jahren waren unangebrachte Partyfotos das große Problem. Heute sind Personalisten skeptisch, wenn sie gar nichts im Netz finden.
Wissensvorsprung: Wer sich nur auf das wöchentliche Durchsuchen der Papierlisten verlässt, versäumt Jobangebote, die durch die Push-Funktion im AMS-App binnen 1-2 Tagen vergeben sind.


Haben Sie daran gedacht, bestimmte Kurszielgruppen in MOOCs oder internationale, offene Online-Kurse zu schicken? Bspw. einen BWL-MOOC  anstelle eines WIFI-Kurses o.ä.
Johannes Kopf: Gedacht schon, gemacht soweit ich weiß kaum. Für diese meist höher qualifizierte Zielgruppe bieten wir im Regelfall individuelle Förderungen in Form von Übernahme der Kurskosten an. Diese werden im Einzelfall geprüft und genehmigt.

Danke für die Beantwortung unserer Fragen!

1 Kommentar

  1. Safer Internet hat vor einigen Wochen die Broschüre zum Thema „Wahr oder falsch im Internet“ herausgebracht.
    https://www.saferinternet.at/uploads/tx_simaterials/Wahr_oder_falsch_im_Internet_01.pdf . Sie ist hervorragend geeignet, zum Thema „Medienkompetenz“ mit Jugendlichen zu arbeiten.

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