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    Blog · Dossier 3 - Gesellschaft · Dossiers10. Februar 2017

    Digitale Bürgerbeteiligung und Beteiligungskultur in Österreich – Dossier 3, Beitrag #10

    Anfang 2017 einen Beitrag zu einem Dossier zu e-Partizipation zu verfassen, ist aus mehreren Gründen spannend. Im letzten Jahr durften wir in Österreich die starke Polarisierung der politischen Diskurslandschaft während des rund 12 Monate langen Wahlkampfs für die Bundespräsidentschaft miterleben. Auch werden die Wirkungen von Falschmeldungen und Social Bots, genauso wie die Funktion von Echokammern, immer genauer untersucht. Sich mehr mit Personen im Internet zu umgeben, welche die eigene Meinung teilen, scheint ein zu tiefst menschliches Verhalten zu sein, das durch Algorithmen von Sozialen Medien verstärkt wird. In Summe erleben wir durch die digitalen Reichweiten ein viel rascheres Anheizen gesellschaftlicher Stimmungen, als dies beispielsweise vor 10 Jahren bei Gesprächen in einem Wirtshaus der Fall war. Doch was bedeutet das alles für digitale Beteiligungsangebote von Verwaltung und Politik und die Beteiligungskultur in Österreich? Nach einigen Jahren der digitalen Pilotprojekte zeichnet sich in Österreich eine zarte Struktur von verwaltungsseitiger e-Partizipation ab. Was haben diese gemeinsam und was unterscheidet sie?
    Im Unterschied zu direktdemokratischen Methoden, die mit geschlossenen Ja/Nein-Fragen tendenziell zur Polarisierung beitragen, und zu repräsentativen Wahlverfahren, versuchen partizipative Verfahren in konsultativen Prozessen Entscheidungen mit höherer Qualität vorzubereiten, den Dialog zwischen BürgerInnen, Politik und Verwaltung zu verbessern und die Demokratie zu stärken.

    Die zarte Struktur kommunaler e-Partizipation in Österreich

    Digitale Partizipationsangebote, die in Österreich von Verwaltung oder Politik in den letzten 10 Jahren angeboten wurden, können grob in drei Kategorien unterteilt werden:

    1. Bürgerbeteiligung mit laufendem Angebot, wie Schadensmeldungen per Handyapp oder Internet zu erfassen, und Rückmeldungen der Verwaltung zur Umsetzung erhalten, wo beispielsweise Wörgl oder Linz Vorreiter waren. Andere Verwaltungseinrichtungen bedienen sich für ihre Informationsarbeit Sozialer Medien, die manchmal auch als zwei Richtungs-Kommunikationskanal angelegt sind, wie in der Stadt Salzburg. Als laufende e-Partizipationsangebote etablierten sich auch Petitionsplattformen, bei denen BürgerInnen eine Petition in die Ausschüsse beispielsweise in den Nationalrat oder Wiener Gemeinderat zur Gesetzgebung einbringen können.
    2. Als zweiter Bereich haben sich Online-Diskurse etabliert, die einem breiten Thema wie Verkehr, Umwelt, Jugend, Integration oder Zukunft des ländlichen Raums folgen. Diese e-Partizipationsangebote versuchen oftmals ein Leitbild, Strategiepapier oder Programm im öffentlichen digitalen Diskurs zu erarbeiten. Als Beispiele können der Strukturierte Dialog, die Wiener Charta, Meine Idee für die Oststeiermark oder auch die Digitale Agenda angeführt werden.
    3. Im Gegensatz dazu stehen sehr konkrete kommunale Projekte, oftmals aus der Stadtplanung oder Regionalentwicklung. Sie haben den Vorteil, dass sie wegen ihres Bezugs zu Orten, Stadtteilen oder Gebieten eine gute Anknüpfbarkeit an die Umsetzung ermöglichen, sofern sie frühzeitig erfolgen. E-Partizipations-Verfahren aus diesem Bereich sind beispielsweise die Neugestaltung Schwedenplatz oder die Entwicklung des Linzer Hafens.

    Und natürlich gibt es zahlreiche weiterer Formate, die in dieser Systematik nicht einordenbar sind, wie laufende e-Partizipationsformate der Agenda 21, die zwischen lokaler Politik und BürgerInnen vermittelt, oder Schülerhaushalte, in denen die Vorschläge und Umsetzungsmöglichkeiten für Verbesserungen online diskutiert und Listen und Wahlzettel darüber ausgedruckt werden und danach die eigentliche Wahl vor der Urne erfolgt.
    Wer einen Zahlenvergleich zwischen Deutschland und Österreich anstellt, dem wird der gravierende Unterschied bei Anzahl und Art der e-Partizipationsangebote der Verwaltung auffallen: Treiber für digitale Beteiligungsprojekte in deutschen Kommunen waren und sind die über 400 Bürgerhaushaltsverfahren, fast alle mit einer digitalen Komponente. In Österreich spielen diese noch keine Rolle. Stärker vertreten waren die laufenden Partizipationsangebote, mit ihrer Nähe zu e-Government, wie auch allgemeine Online-Dialoge. Die oben dargestellte dritte Kategorie zu konkreten kommunalen Projekten verzeichnet die wenigsten e-Partizipationsprojekte. Eine Erfassung aller digitalen und vor Ort-Partizipationsprojekte für Österreich gibt es nicht. Für Wien kann man jedoch über die Bürgerbeteiligungs-Zusammenschau bis 2011 auf Wien Gestalten eine deutliche Zunahme von gestarteten Beteiligungsverfahren erkennen. Ab 2012 finden sich dort weniger neue Beteiligungsprojekte.

    Qualität schützt vor frustrierten BürgerInnen

    Was ist mit den vielen anderen Online „Mach mit“-Angeboten, die von Unternehmen, Organisationen oder Initiativen ins Leben gerufen werden? Hans Hagedorn, Beteiligungspraktiker aus Deutschland, sieht die Inflation von Beteiligungsverfahren mit unklarer Abgrenzung zwischen Akzeptanzbeschaffung und Dialog als massives Problem und möchte mit einem „Design Award“ Qualität sicherstellen. Für BürgerInnen, die an ihrer Gemeinde, Stadt oder ihrem Land mitgestalten wollen, ist die direkte Anbindung an laufende politische-administrative Planungs- und Entscheidungsvorbereitungen wichtig. Zusätzlich haben sich als Qualitätsmerkmale für Partizipation die Frühzeitigkeit des Verfahrens, ein klarer Gestaltungsspielraum, die Vielfalt der Beteiligten, ein professioneller Rahmen und eine nachvollziehbare Rechenschaft etabliert.
    Gerade bei den letzten drei Qualitätskriterien kann Online-Bürgerbeteiligung ihre Stärken ausspielen. Die Heterogenität der Teilnehmenden kann optimaler Weise durch die intensive Bearbeitung unterschiedlicher Kommunikationskanäle wie beispielsweise über Soziale Medien hergestellt werden. Die Chance mit Menschen orts- und zeitunabhängig in Kontakt zu treten und so unter anderem dem Ort verbundene Personen anzusprechen, die weggezogen sind, ist sogar nur online möglich. Klarerweise geht ohne crossmedialer Öffentlichkeitsarbeit und Motivation zur Teilnahme auch ein E-Partizipationsangebot im Trubel der Medienlandschaft unter.Zu einem professionellen Rahmen , nebst der Verzahnung von vor Ort- und Online-Beteiligung die kompetente Moderation von Online-Plattformen, wie auch begründete Rückmeldungen an die Teilnehmenden. Damit gelingt auch eine diskursive Entwicklung von Argumenten. Das „Recht haben wollen“, wie es in Online-Foren zu beobachten ist, tritt in den Hintergrund.
    Zusätzlich ermöglicht das Internet die einfache Zugänglichkeit zu den eingelangten digitalen und vor Ort-Beiträge, wie auch die Begründungen zu den Entscheidungen. Wenn der Zugang zu diesem „Beteiligungsgedächtnis“ auch nach Verfahrensabschluss erhalten bleibt, unterstützt dies die Transparenz und Glaubwürdigkeit des Verfahrens.

    Messen mit dem richtigen Maßstab

    In der ersten Euphorie digitaler Partizipations-Pilotprojekte, kam es auch in Österreich zu zahlreichen Verwechslungen. Beteiligungsprozesse wurden so kommuniziert, als würden die BürgerInnen selbst die Entscheidung über ein Projekt treffen. Manche Online-Votings verstärkten diesen Eindruck. Tatsächlich dienen sie für das Erarbeiten von Grundlagen zu politischen Entscheidungen – und das funktioniert unter Berücksichtigung der beschriebenen Qualitätskriterien auch im Internet sehr gut. In Pressemeldungen wird e-Partizipation gerne mit Kennzahlen aus anderen demokratischen Verfahren verglichen. Online-Bürgerbeteiligung hat nicht den Anspruch auf hohe Beteiligungszahlen, sondern auf ein qualitativ hochwertiges Ergebnis und einen besseren Dialog zwischen den Beteiligten. Die Forschung spricht hier von Kennzahlen aus dem E-Governance, die für Vergleiche mit digitalen Beteiligungsangeboten weitaus besser geeignet sind. Im Vordergrund steht dann Information, Wissensaustausch und Zusammenarbeit und weniger die Beteiligung möglichst aller BürgerInnen.

    Partizipation als wirkungsvollste Prophylaxe gegen Populismus

    Und was bringen nun Beteiligungsprozesse tatsächlich? Flächendeckende Untersuchungsergebnisse sind erst unlängst von der Deutschen Umweltstiftung veröffentlicht worden. Im Jahr 2016 gaben 458 PraktikerInnen aus kommunalen Beteiligungsprojekten Auskunft über ihre Erfahrungen. 96% haben demnach eine positive Erwartung an die weitere Entwicklung von Bürgerbeteiligung. Für die Motivation einen Beteiligungsprozess anzubieten, waren demnach das Bearbeiten von Konflikten, die Förderung von Akzeptanz und Stärkung der Demokratie durch Emanzipation bzw. Legitimation, wie auch die Qualitätsverbesserung zentral.

    Gerade in der Verwendung von Partizipation zur Legitimationsbeschaffung sieht der Leiter der Deutschen Umweltstiftung, Jörg Sommer, eine Gefahr. „Partizipation erst dann zu planen, wenn ein Projekt an die Wand gefahren ist, … nimmt ihr ihre natürliche Stärke: die Entwicklung kollektiver kreativer Gestaltungskraft. In der Öffentlichkeit wird Partizipation so stets mit Problemen assoziiert – und nicht mit Perspektiven. Dabei ist Partizipation weit mehr als ein Pflaster für politische Schürfwunden. Partizipation ist die wirkungsvollste Prophylaxe gegen Populismus.“

    Praxis in Österreich: Arbeiten am Kulturwandel

    Was sagen PraktikerInnen aus Österreich? Ein kurzer Rundruf zeigt folgendes Bild. Rita Trattnigg, Leiterin des Instituts für kulturellen Wandel, zeigt drei Herausforderungen auf, ohne deren Lösung digitale und vor Ort-Bürgerbeteiligung sich nicht entwickeln kann:

    • Erlernen einer Rückmelde-Kultur zwischen Politik, Verwaltung und BürgerInnen
    • Entwicklung eines Erwartungs-Managements
    • Zur Verfügung stellen von Ressourcen für das Durchführen von Beteiligungsprozessen

    Sibylla Zech, Professorin für Raumplanung und Beteiligungspraktikerin bei stadtland, unterstreicht die Chance über das Internet rasch Themen sammeln zu können, wie auch der Möglichkeit Stimmungsbilder abzuholen. Robert Lender, Leiter des Kompetenzzentrums Jugend im BMFJ, hebt die Chance von digitalen Beteiligungsprozessen als diskursive Formate hervor – vorausgesetzt Kommunikationsarbeit, Online-Moderation und Technik unterstützen diese Aushandlungsprozesse.
    Berater der ÖAR-Regionalberatung, Hermann Gigler, sieht bei manchen Verfahren „Scheinbeteiligung“ im Vordergrund, die zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung führt und damit Vertrauen für viele Jahre verspielt. E-Partizipation ist für Gigler eine zentrale Möglichkeit Menschen einzubinden, die nicht vor Ort sein können. Er empfiehlt mit einfachen digitalen, wie analogen Prozessen zu starten und Ressourcen dafür wie auch für die Umsetzung der Ergebnisse zu planen.

    Literatur:

    • Brückner, Maria & Märker Oliver; E-Partizipation: Elektrifizierung der Bürgerbeteiligung; in: Standort – Zeitschrift für Angewandte Geographie, 2015, S. 112-119, kostenpflichtiger Download
    • Hagedorn, Hans; Der “Design Award” für Partizipation, Beteiligungsblog, 2016
    • Kolleck, Alma; Kommunale Online-Beteiligung: Stand und Herausforderungen; in: Der Bürger im Staat – Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 4/2014, S. 238-245; Freier Download
    • MA 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung, Praxisbuch Partizipation: Gemeinsam die Stadt entwickeln, 2013, 124 Seiten mit Methodenraster inkl. digitaler Formate; Freier Download
    • Sommer, Jörg (Hrsg.); Kursbuch Bürgerbeteiligung. Mit Adressverzeichnis und Methodenkatalog, Verlag der Deutschen Umweltstiftung, 540 Seiten, 2015; Freies e-book
    • Sommer, Jörg; Mehr Partizipation denken!; Beteiligungsblog, 2016

    Bio:
    Der Autor, Peter Kühnberger, setzt seit über zehn Jahren digitale und vor Ort-Beteiligungsprojekte bei Dialog Plus um.

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    NoHateSpeech ist sowas von 2016 – Dossier 3, Beitrag #9

    In der erlauchten LeserInneschaft Personen zu finden, die 2016 dem Thema Hass im Netz nicht begegnet sind, ist sehr unwahrscheinlich. Medien, NGOs und die Politik haben diesen Begriff verwendet und je nach Interessenlage mit Inhalten aufgeladen. Die Botschaft ist klar – wir sind gegen Hassrede im Internet. Doch die Mittel zum Umgang sind verschieden und die einhergehenden Herausforderungen werden sehr unterschiedlich aufgefasst. Eines hat sich schon abgezeichnet: Ohne einen Schulterschluss aller interessierten Kräfte und ohne konsequenter Bewusstseinsbildung wird diesem Phänomen nicht beizukommen sein.
    Dieser Beitrag soll einen Überblick geben und zur vertiefenden Auseinandersetzung einladen. Die gute Nachricht: Es gibt einige Initiativen, die beispielhaft vorangehen und handeln. Mein persönliches Anliegen ist eine Begriffswendung weg vom Hass, dem wir sprachlich machtlos ausgeliefert sind, hin zu einer Digitalen Courage, die uns Wege im Umgang mit dieser Netzkultur weist.

    Und jetzt doch eine kurze Begriffsdefinition: „Hate Speech ist, wenn man Worte und Bilder als Waffe einsetzt, bewusst, gezielt und voll auf die Zwölf. Wenn Menschen abgewertet, angegriffen oder wenn gegen sie zu Hass oder Gewalt aufgerufen wird, dann nennt man es Hate Speech. Oft sind es rassistische, antisemitische oder sexistische Kommentare, die bestimmte Menschen oder Gruppen als Zielscheibe haben“ (hier zu finden). Viele dieser Meldungen und Kommentare verlassen nicht nur den Pfad des guten Geschmacks sondern auch den gültigen Rechtsrahmen. Sie schaffen Zerrbilder der Realität und schrecken auch nicht davor zurück zu lügen.

    Relevanz durch Verbreitung

    Die teilweise sehr rau formulierten Meldungen sind in der Netzkultur nichts neues. Wir alle kennen die unglaublich langen Diskussionen unter Newsbeiträgen von fragwürdigen Plattformen, in denen sich Personen mal mehr, mal weniger qualifiziert unter teilweise kreativen Namen mit ebenso haarstäubenden Thesen einbringen. Doch hat sich durch die laufende Technologisierung eine neue Kultur etabliert. Netzwerke wie Facebook sind neue Verteilerzentren für Inhalte mit geringer, bis teilweise vollkommen fehlender Qualitätssicherung. Anbieter fragwürdiger Inhalte finden dort nicht nur LeserInnenschaft, sondern auch die Personen/Accounts, die zur Weiterverbreitung anregen. Gepaart mit einer stabilen Netzgläubigkeit breiter gesellschaftlicher Schichten und dem Phänomen Suchmaschine, werden neue Wahrheiten geschaffen. In manchen Fällen werden Falschmeldungen von uns sogar als lustig empfunden. Das Hereinfallen beispielsweise auf Beiträge der Satireplattform „DieTagespresse“ gehört sicher zu den Aha-Erlebnissen von durchaus aufgeklärten und kritisch lesenden Menschen. Sobald solche Falschmeldungen die Satire verlassen und von populistischen und hetzerischen Strömungen genutzt werden, verlieren die Postings ihre Leichtigkeit und werden zu veritablen politischen Problemen.

    Make your own Media – Hass ist keine Meinung

    Wenn es zu einem Thema noch keinen Newsfeed gibt, wird eben einer geschaffen. Die Medienanbieter verfolgen teilweise das Interesse Unzufriedenheit in der Gesellschaft zu streuen. Abseits der Verwirrung durch Fehlinformation, lässt sich mit erfolgreichen „Falsch“-Meldungen sogar Geld verdienen. Im amerikanischen Wahlkampf wurde sichtbar, dass die Inhalte einerseits als politisches Wahlkampfmittel verwendet, andererseits aber auch aus rein monetären Interessen verbreitet wurden. Die VerbreiterInnen solcher Falschmeldungen überlegen nach den Hasskampagnen gegen PolitikerInnen als nächstes Thema Gesundheit und Ernährung zu nutzen, um Geld zu verdienen. Somit entstehen Inhalte, die bewusst politisch, oder rein nach kommerziellen Interessen geschaffen werden. In trauter Einigkeit mit Facebook, Twitter, Google & Co werden diese Meldungen meinungsbildend und bedrängen den klassischen Journalismus. Also wem noch vertrauen? Viele zivilgesellschaftliche Initiativen versuchen parallel zum Qualitätsjournalismus diese Contentbrille anzubieten – entweder durch Meldesysteme, oder durch Sensibilisierung.

    mimikama Meldeplattform
    Österreichisches Rotes Kreuz
    Mauthausen Komitee
    Neue deutsche Medienmacher
    #aufstehn
    Zara
    Amadeu Antonio Stiftung
    Bundestrollamt für gegen Hass im Netz

    Die Sprache ist das Werkzeug

    Erschreckend ist die ungewohnte Sprache mit oft vereinfachten Botschaften und teilweise infamen Lügen in den Texten. Die in solchen Diskussionen gelernte, bzw. gelesene Sprachkultur wirkt sich direkt und indirekt auf den Austausch in diesen Netzwerken aus. Plötzlich werden Worte und Formulierungen salonfähig, die entweder vorher noch niemand kannte, oder so nie über die jeweiligen Lippen gekommen wären.

    Die Hassrede ist in der Geschichte ein viel verwendetes Mittel. In der Antike ist sie ebenso zu finden, wie im Sprachgebrauch eines Nationalsozialistischen-Regimes. Es ist ein stetiger Versuch die Sprache zu verändern, radikale Formulierungen zu etablieren. „Die so veränderte Sprache bleibt nicht immer nur in der Dimension des Textes stehen, Sprachentgleisungen schreiten nicht einfach nur unbegrenzt fort, an ihrem Höhepunkt angelangt bereiten sie vielfach eine neue Dimension vor, jene, in der die Tat in der Lage ist, das Wort zu überschreiten.“ (näheres auch bei Dr. Paul Sailer-Wlasits).

    Es gilt auf die Verwahrlosung der Sprache hinzuweisen, es heißt diese Sprache selbst nicht zu verwenden, es heißt selbst Übersetzungen zu verwenden und Medien darauf aufmerksam zu machen, wenn sie in die Falle dieser einfachen Sprache tappen.

    Der Algorithmus ist ein Hund

    Ingrid Brodnig (Profiljournalistin und Buchautorin) hat in einem Beitrag darauf hingewiesen, dass jegliche Aufmerksamkeit für Inhalte durch Kommentieren, Liken und Teilen, automatisch deren Verbreitung fördern. Egal, ob es sich um eine positive, oder negative Auseinandersetzung handelt. Diese Sichtweise schlägt einen sehr radikalen Umgang mit negativen Meldungen vor – einfach ignorieren ist die Devise. Der Algorithmus ist das größte Geheimnis aller Community-Anbieter. Solange es um die Vorliebe der UserInnen für Katzen, Bergfotos, oder Landschaftsbilder geht ist die Idee der BetreiberInnen durchaus sinnvoll. Sobald es jedoch in Richtung politischer Meinungsbildung geht zeigt das Konzept Lücken. Eines ist klar: Die Systeme zielen darauf ab allen BenutzerInnen die Inhalte zu zeigen, die sie potentiell interessieren. Das bedeutet in der momentanen Ausprägung den Ausschluss alternativer Meinungen – somit anders denkender Menschen im eigenen Netzwerk. Hier sind die Plattformen und ProgrammiererInnen gefragt neue Lösungen anzubieten. Ohne der aktiven Veränderung dieser digitalen Echokammern ist es auch für versierte NetzbenutzerInnen schwer ein objektives Meinungsbild zu erhalten.

    Moderation zählt

    Die neu gewonnene Freiheit im Meinungsaustausch heißt Page, Forum, Gruppe etc. Durch Shitstorms haben auch die überzeugtesten VerteidigerInnen einer Idee die Lust verloren sich an Diskussionen zu beteiligen. Das Wort Troll (der mit provokanten Meldungen seine Angel auswirft und wartet wer anbeißt) alleine genügt nicht mehr. Wir sprechen auch von Glaubenskriegern, die für ihre Idee in den Diskussionen mit allen Mitteln eintreten. Neben dem Versuch den Personen eine Typologie zu geben, hat sich dadurch eine ganz neue Form der Moderation entwickelt. Alles nicht dem gesellschaftlichen Rahmen entsprechende wird ausgeblendet – also für LeserInnen nicht mehr sichtbar gestellt. Das bedeutet den Verlust der Leichtigkeit von diesen freien Diskussionsorten. In größeren Strukturen ist es ohne dieser neuen Dienstleistung nicht mehr möglich lesbare Diskussionen zu führen. Umgekehrt wird es von einigen Gruppierungen auch genutzt, um konkrete Stimmung in eine Richtung zu betreiben. Plötzlich bleiben teilweise bedenkliche Inhalte lesbar und beschwichtigende, relativierende Beiträge werden gelöscht (nachzulesen am Beispiel von Claus Schwertner)

    Politischer Wille ist gefragt

    Mit wenigen Ausnahmen hat die Politik das Phänomen erkannt. Die Problemlösungsansätze unterscheiden sich. Das Ziel ist in den meisten Fällen dasselbe – den negativen Trend umzukehren. Eine Europaratskampagne mit dem klingenden Titel „No Hate Speech Movement“ hat es sich zur Aufgabe gemacht zu informieren und zu sensibilisieren. Durch Länderinitiativen begleitet werden so neue Inhalte geschaffen, die der Radikalisierung entgegentreten, die rechte Hetze im Netz aufzeigen und der Aufgabe, ein Meldewesen zu etablieren, nachkommen. In der von Mario Lindner (ehem. Bundesratspräsident) initiierten Enquete #DigitaleCourage ist in vielen ExpertInnenbeiträgen augenscheinlich geworden, dass es abseits der stetigen Sichtbarmachung von Hass eine Bewegung braucht, die nicht gegen etwas, sondern auch für etwas eintritt. Also von der Machtlosigkeit des Hassbegriffs zu einer couragierten Empfehlungskultur führt. Bildungsministerin Hammerschmid stärkt für 2017 noch den Begriff der Digitalen Kompetenz mit dem theoretischen Modell ein eigenes Schulfach daraus zu machen. Im Bereich Netzkultur gibt es aus vielen Ministerien sehr konkrete Ansagen und Angebote. Im letzten Jahr haben sich abseits der bisher genannten auch Bundeskanzler Kern, die zuständige Staatssekretärin Muna Duzdar, die Familienministerin Sophie Karmasin, die Frauenministerin Sabine Oberhauser, der Justizminister Wolfgang Brandstetter mit durchaus interessanten Ideen zu Wort gemeldet. Die breite Einigkeit, dass es ein juristisches und gesellschaftliches Phänomen ist, lässt hoffen, dass in diesem Themenkomplex ressortübergreifend agiert wird.

    Sagen wir 2017 doch #DigitaleCourage

    Abschließend mein Plädoyer für eine Änderung im eigenen Sprachgebrauch. Der Fachterminus „Hassposting“ und „Hass im Netz“ scheint so in Stein gemeisselt, dass daran nicht zu rütteln ist. Alleine beim Schreiben dieses Beitrags wurde mir wieder bewusst wie kompliziert es wird, nicht die erwähnten Worte zu verwenden und trotzdem auf die Schwere dieses Themas hinzuweisen (ich habe deshalb die Worte auch nicht konsequent vermieden). Sobald eine vertiefende Diskussion stattfindet, ist festzustellen, dass nicht mehr nur von Hass, sondern in einer fast militärischen Diktion von Verteidigung, Kampf gegen Hasspostings, Krieg im Internet etc. gesprochen wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir an unserem eigenen Umgang mit dem Thema arbeiten müssen und den Sprachgebrauch (vor allem gegenüber den Medien) ändern müssen. Lassen Sie uns von Digitaler Courage sprechen, lassen Sie uns die positiven Erlebnisse hervor streichen und schaffen wir Vorbilder wie es anders geht.

    Bei einem von Staatssekretärin Muna Duzdar eingeladenen Netzwerktreffen äußerten viele TeilnehmerInnen den Wunsch nach guter Vernetzung, objektiver Information und finanzieller Unterstützung beim Aufbau zivilgesellschaftlicher Projekte für eine positive Netzkultur und für eine Bewusstseinsbildung, die mit Verantwortung mit dem Betrieb von eigenen Onlineplattformen verbunden ist. Dieses Thema verlangt viel Aufmerksamkeit und geht durch alle Gesellschaftsschichten, Alterskohorten und Bildungsbiografien. Diesen Wünschen kann ich mich nur anschließen.

    Christian Kern hat seine Position im Plan A unter dem Titel Hass ist keine Meinung mit den Kernforderungen: Verstärkung und Förderung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, Medienrecht auch für Foren und Social-Media-Plattformen, Verbesserung der Ahndung von strafrechtlich relevanten Delikten, Beratung und Hilfe für betroffene und verunsicherte NutzerInnen zusammengefasst und lädt zur aktiven Mitgestaltung ein.

    Abschließen möchte ich mit einer Aufforderung des Bundestrollamtes:
    Lassen Sie nicht zu, dass in unserem wunderschönen Cyberraum aus Nullen und Einsen, die Nullen das Sagen haben. Hass ist keine Meinung – machen Sie mit, laut und freundlich.

    Weitere noch nicht erwähnte Links:

    Grünbuch Digitale Courage
    10 Tipps gegen Hass im Netz
    Safer Internet

    Bio:
    Helmuth Bronnenmayer ist Unternehmer in Wien und berät im Bereich Digitale Kommunikation. Politisch engagiert er sich für Open Data und hat gemeinsam mit dem Bundesratspräsidenten Mario Lindner den Themenschwerpunkt Digitale Courage initiiert.

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    Eine Hoffnung für den Wandel in der Gesellschaft – Wie das kulturelle Erbe die Zukunft lebendig mitgestalten wird – Dossier 3, Beitrag #8

    Derzeit ist ein überwiegender Teil der Bevölkerung der Annahme, dass digitale Kompetenzen sich fast ausschließlich über die Technik erschließen. Wir wollen in diesem Beitrag einmal genauer hinsehen, ob dem tatsächlich Rechnung getragen werden kann.

    Dem Digital Scoreboard der Europäischen Kommission zufolge ist die digitale Kompetenz in Österreich im Vergleich zum EU-Durchschnitt überdurchschnittlich gut und aufsteigend. Jede Analyse liegt einer Messbarkeit zugrunde und diese Messbarkeit wird von der EU mit den Eckpunkten „Konnektivität“, „Humankapital“, „Internetgebrauch“, „Integration von digitalen Technologien“, „digitale Dienstleistung für die Öffentlichkeit“ und „Forschung & Entwicklung (R&D)“ ausgezeichnet. Was verbirgt sich hinter diesen Überschriften?

    Die „Konnektivität“ bezieht sich auf den Breitband-Ausbau und damit auf die technische (Grund-)Versorgung. Bei „Humankapital“ ist Österreich auf Platz 8 im EU-Ranking, wobei gemessen wird wie hoch der Bevölkerungsanteil ist, der Internet einfach nur benutzt. Etwas weniger wird es, sobald es um den Anteil an Expertinnen und Experten der Informations- und Kommunikationstechnologien als Arbeitskräfte geht. 2013 war Österreich unter den Top 3 von Abschlüssen in STEM (science, technology, engineering and mathematics).

    Unter dem dritten Punkt „Internetgebrauch“ finden wir eine interessante Interpretierung der Ergebnisse:

    “When it comes to some of the more common uses of the Internet by private individuals, Austria ranks only 25th among EU countries. This is surprising considering that Austrians have digital skills above the European average with a widely available and affordable Internet. Austrians are therefore in a good position to exploit the Internet for a variety of uses.“1

    Wenn es also nur um ein wenig über die allgemein herkömmliche Art des Internetgebrauchs geht, fällt die Österreicherin oder der Österreicher plötzlich stark nach hinten ab und dass, obwohl in diesem Land doch ausgezeichnete Voraussetzungen gegeben wären. Keine Sorge! Dementsprechend gut schneiden wir wieder beim Online-Shopping und e-Banking ab.
    Die „Integration von digitalen Technologien“ funktioniert bei größeren Betrieben überdurchschnittlich, bei Klein- und Mittelunternehmen gibt es jedoch Verbesserungsbedarf. Im Bereich „Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen“ erkennt Österreich die Potenziale, denn es geht um Kosten- und Zeitersparnis und ist eine Win-Win-Situation sowohl für den User, als auch für den Provider. Im Absatz zu „Forschung und Entwicklung“ kann man genauer nachlesen wie die Drittmittel verteilt werden. Hier spiegeln sich die bereits erwähnten Ergebnisse.

    OpenGLAM – Das kulturelle Erbe braucht kulturelle Transformation

    Was sich jedoch in diesem Digital Scoreboard auch spiegelt, ist die Aufmerksamkeit, die der Technik zukommt und die Vernachlässigung der Ansicht, dass die Technik ja nur ein Mittel zum Zweck ist wie digitale Transformation vonstatten geht. Diese Annahme lässt sich auch im Bereich der GLAMs beobachten. OpenGLAM steht für Open Data des kulturellen Erbes (galleries, libraries, archives and museums) und ist ein Teilbereich der Open Data Bewegung.

    Als 2013 die PSI-Richtlinien (Public Sector Information), welche die Weiterverwendung von Informationen des öffentlichen Sektors regulieren, in einer Novelle von der EU auf das kulturelle Erbe erweitert wurden, war das ein Anstoß für die betroffenen Institutionen aus dem Dornröschenschlaf aufzuwachen. Diese Richtlinie muss bis 2018 in nationales Recht umgesetzt werden. Leider hinken Archive, Bibliotheken und Museen der digitalen Transformation noch etwas hinterher. Hier ist Österreich keine Ausnahme und es nimmt auch keine Vorreiterrolle ein.

    In einem 2013 erschienenen Artikel zum Thema “Transformative Forschung als Motor für die Gestaltung von Systemübergängen” heißt es:

    “Mit diesem Umbruch geht ein neues Innovationsparadigma einher, das von der Fortschreibung eines rein ökonomisch-technologischen Fortschrittsmodells abrückt. Soziale und kulturelle Innovationen gewinnen dagegen an Bedeutung: Gefordert sind institutionelle Reformen, neue Organisations- und Geschäftsmodelle sowie eine Kulturrevolution für suffiziente Lebensstile.”2

    In diesem Artikel wird deutlich, dass soziale und kulturelle Innovation an Bedeutung gewinnt. Ganz aktuell wird bei der neuen Charta für digitale Grundrechte auch darauf hingewiesen, dass ‘technischer Fortschritt stets im Dienste der Menschheit zu stehen hat. Neue Formen der Organisation gilt es zu entwickeln und im Zentrum steht der Mensch, die Mitarbeiterin, der Kunde, die Lernenden.

    In den GLAMs geht die digitale Transformation jedoch – meiner Beobachtung nach – vorrangig von dem Inhalt und der Technik aus. Unter diesen Bedingungen kann digital alles andere als phänomenal sein und genau gar nichts bewirken. Hinzu kommt, dass bei einem Transformationsprozess kooperativ gedacht, kommuniziert und gehandelt werden muss, um ein Projekt oder ein Unternehmen oder eine Institution erfolgreich werden zu lassen. Laut einer Studie von CISCO und der Wirtschaftskammer sind in Österreich 51,9% der Befragten der Meinung, dass eine Kooperationsbereitschaft “kaum vorhanden” ist. In den Kulturinstitutionen scheint mir, dass das Gedränge um die immer weniger werdende Förderung diesen Faktor noch verstärkt.

    Wie die Digital Humanities ihre eigenen Kompetenzen unterschätzen

    Innovationsprozesse erfolgen in erster Linie über Systemveränderungen. Diese gestalten sich in erster Linie durch Organisationsentwicklung und in weiterer Folge über Fragen wie: was ist überhaupt ein Archiv und wie kann dieses für den Menschen erlebbar gemacht werden?

    Die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaft ist hierbei eine erhebliche, um den Fokus auf kulturelle Entwicklungen zu überprüfen. Diese Rolle wird derzeit sowohl in einzelnen Projekten als auch in breit angelegten Digitalisierungsprozessen noch stark vernachlässigt. Hier gilt es Kompetenzen auszubilden, zu stärken und berufliche Positionen zu schaffen, die es ermöglichen einen nachhaltigeren Übergang flächendeckend zu schaffen. Eine ausgezeichnete digitale Basisstruktur ermöglicht der Gesellschaft die vielfältige Teilhabe am Wissen unseres kulturellen Erbes. Und bekanntlich hat Bildung in einer demokratischen Ordnung und ihre selbstregulierende Wirkung der Gesellschaft in jeder positiven Hinsicht genutzt.

    Wie es sich am Beispiel der Bibliotheken in Österreich gezeigt hat, ist es neben hierarchischen Strukturen sehr hilfreich eine schnell kommunizierende Struktur zu schaffen, die einzelne Institutionen und Akteure miteinander vernetzt und die Kooperation dieser fördert. So entstand das Netzwerk der OANA (Open Access Netzwerk Austria, initiiert vom Österreichischen Bibliothekenverbund und vorangetrieben vom FWF – Fonds wissenschaftlicher Forschung), welches innerhalb kurzer Zeit bereits Ergebnisse vorlegte um die digitalen Entwicklungen in der österreichischen Bibliothekswelt zu begünstigen. Beispielhaft könnte vom Bundeskanzleramt für Kunst & Kultur ein vergleichbares Netzwerk initiiert werden, welches GLAMs fördert ihr kulturelles Erbe für die breite Bevölkerung zugänglich zu machen.

    Distribution und ihre Auswirkungen

    Zusätzlich zu technischen Anforderungen wird oftmals auch die rechtliche Situation als Barriere zum Zugang zu kulturellem Wissen empfunden. Auch in diesem Zusammenhang können wir von einem Phänomen des fehlgeleiteten Diskurses ausgehen. Abermals stehen die strukturellen, organisatorischen und gesellschaftlichen Veränderungen dieser Rechtsdiskussion voran, welche noch nicht bearbeitet wurde und noch keine Lösung herbeigeführt hat. Wodurch es eine große Verunsicherung gibt, die vor der Öffnung von Digitalisaten und ihren Metadaten noch abschreckt. Ein europäisches Lizenzierungssystem wäre vermutlich ein Weg, um diese Barriere zu überwinden. Denn erst wenn wir Daten für die Öffentlichkeit frei verfügbar, wiederverwendbar und weiterverwertbar machen, erreichen wir eine nachhaltige Entwicklung in der Gesellschaft. Erst wenn das Kulturgut in eine allgemein zugängliche Ressource umgewandelt und auch als solches wahrgenommen wird, kommt es zu dem Effekt, dass Start-Ups entstehen, Wissen in die Bildung übernommen werden kann und insgesamt dem kulturellen Erbe eine größere Bedeutung, auch in gesellschaftspolitischen Fragestellungen, zukommt. Das kulturelle Erbe hat ein unglaubliches Potenzial um auf wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Probleme reagieren zu können, wenn wir diese Chance nur nutzen wollen und anhand von Finanzierung und Kommunikation ermöglichen.3

    1 Europäische Kommission, Digital Scoreboard Austria, 3. Use of Internet:
    https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/scoreboard/austria

    2 Transformative Forschung als Motor für die Gestaltung von Systemübergängen: https://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/oew_leseproben/OEW_2_2013_15_Schneidewind_Singer-Brodowski.pdf

    3 The Impact of Open Access on Galleries, Libraries, Museums & Archives:
    http://siarchives.si.edu/sites/default/files/pdfs/2016_03_10_OpenCollections_Public.pdf

    Linksammlung:

    • Amtsblatt der Europäischen Union zur PSI-Richtlinie:
    http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2013:175:0001:0008:DE:PDF
    • Informationsweitergabegesetz des Bundeskanzleramtes:
    http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20004375
    • Auswirkungen und Handlungsempfehlung:
    http://okfn.at/2013/09/03/welche-auswirkungen-hat-die-novelle-der-psi-richtlinie-fur-bibliotheken-museen-und-archive/
    • Empfehlungen für die Umsetzung von Open Access in Österreich:
    https://zenodo.org/record/33178#.WE7cxXeX-t9
    • Europäische Kommission, Digital Scoreboard Austria:
    https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/scoreboard/austria
    • Kooperationsbereitschaft in Österreich:
    http://www.cisco.com/c/dam/global/de_at/assets/docs/presse/08_PK_Cisco_WKO_final_0208.pdf
    • Digitale Grundrechte – Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union:
    https://digitalcharta.eu
    • Transformative Forschung als Motor für die Gestaltung von Systemübergängen: https://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/oew_leseproben/OEW_2_2013_15_Schneidewind_Singer-Brodowski.pdf
    • The Impact of Open Access on Galleries, Libraries, Museums & Archives:
    http://siarchives.si.edu/sites/default/files/pdfs/2016_03_10_OpenCollections_Public.pdf
    • TEDx talk from Wim Pijbes, „How the Rijksmuseum is reinventing the museum“: https://www.youtube.com/watch?v=L4V-6albaG0&feature=youtu.be

    Bio:
    Sylvia Petrovic-Majer ist derzeit selbstständige Kulturwissenschaftlerin. 2013 gründete sie die Arbeitsgruppe OpenGLAM in Österreich. Sie beschäftigt sich seit 2011 intensiv mit partizipativen (Gruppen-)Arbeitsprozessen. Davor studierte sie an der Universität Wien am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft und am Institut für Kunstgeschichte, während sie verschiedenste Ausbildungen und Tätigkeiten im Kulturmanagement, Design Thinking und Prozess- und Projektmanagement absolvierte und ausübt.
    Sylvia arbeitet vorwiegend an interdisziplinären Themen und versteht sich als „Brückenbauerin“. Dazu entwickelt sie mit Gruppen Innovationsprojekte und Kooperationen. Sie lebt, forscht und arbeitet zum Wandel der Gesellschaft.

    Motivation: Neue Lösungen für bestehende Herausforderungen der bisherigen Strukturen entstehen zu lassen.

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    Widewide wie sie mir gefällt… – Dossier 3, Beitrag #7

    Personalisierung ist eine tolle Sache. Sie ermöglicht, neue Informationen auf der Basis unserer bisherigen Aktivitäten zu erhalten. Durch sie entsteht auch das Phänomen der „Filterbubbles“, das dazu führen kann, dass wir uns intellektuell isolieren.

    Das Internet ist mit ambitionierten Zielen gestartet: Dezentral, keine Hierarchien, freie Information für Alle. Social Media versprach uns mehr Partizipation, mehr Eigenverantwortung und Meinungsvielfalt. Die digitale Revolution versprach: „Jeder ist Sender und Empfänger gleichzeitig“.

    Und diese Revolution ist eingetreten, denn die Eintrittsbarrieren, um zu publizieren und weltweit zu senden, sind mittlerweile äußerst gering: Man benötigt lediglich einen Computer mit Internetzugang, um auf einem Blog oder bei Facebook zu publizieren; Man benötigt nur ein aktuelles Smartphone und ist damit in der Lage, einen eigenen YouTube-Kanal zu betreiben und potentiell Milliarden an Menschen zu erreichen. Und das sogar in Echtzeit.

    Und diese Möglichkeiten der Medienproduktion und der Kommunikation wird eifrig genutzt. So werden zum Beispiel täglich auf YouTube oder Facebook Videos mit einer Gesamtdauer von mehreren hundert Millionen Stunden wiedergegeben und Milliarden Aufrufe generiert. In Facebook sind täglich über eine Milliarde User aktiv und posten Inhalte.[1] [2]

    Filtern von Informationen ist eine Notwendigkeit

    Diese Informationsflut führt zur Notwendigkeit, die Inhalte zu strukturieren und zu filtern – Ein Vorgang, der übrigens nicht neu ist. Als im 16ten Jahrhundert durch das Aufkommen des Buchdrucks erstmals viele Informationen unterschiedlicher Art publiziert wurden, begann man, Seitennummerierungen, Registereinträge und Querverweise einzuführen, um den Informationsfluss unter Kontrolle zu bringen. Heute müssen Inhalte im Web müssen für eine sinnvolle Nutzung ebenfalls gefiltert und sortiert werden. Suchmaschinen wie Anbieter sozialer Medien versuchen dabei an Hand von Algorithmen zu beurteilen, was für uns zum jeweiligen Zeitpunkt „relevant“ ist. Google oder Bing versuchen aus der Suchanfrage und weiteren Informationen über den Benutzer und die Qualität der im Index der Suchmaschine bereitgestellten Websites die passende Sortierung zu liefern.

    In sozialen Netzwerken wie Facebook wird jede einzelne Informationseinheit, jedes Posting analysiert und bewertet: Wie aktuell ist der Beitrag? Wie ist das Beziehungsverhältnis zwischen der Person, die postet und der Leserin oder dem Leser? Worum geht es? Welche Medieninhalte gibt es? So erhält die Fotogalerie zur Hochzeit des Cousins vor zwei Wochen dadurch mehr Relevanz als das Foto vom heutigen Mittagessen der Kollegin. Zusätzlich wird der Grad der Interaktion als Bewertungskriterium herangezogen: Was häufig und viel geliked und geteilt wird, wird häufiger angezeigt.

    Deshalb sind die Inhalte, die uns in unseren „Social Newsfeeds“ präsentiert und angezeigt werden, noch viel stärker von unserem Verhalten bzw. der Einschätzung unseres Verhaltens durch die jeweiligen Anbieter geprägt, als bei der Sortierung von Suchergebnissen.

    Dies führt zum Begriff der „Filterbubble“.

    Dieser Begriff wurde vor einigen Jahren vom amerikanischen Internetaktivisten Eli Pariser in seinem gleichnamigen Buch geprägt[3] und beschreibt die Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen. Wir umgeben uns nur mehr mit Informationen, die unserem Weltbild entsprechen und unsere Meinung widerspiegeln.

    Selbstverständlich unterstützen die verwendeten Algorithmen diesen Effekt: Dort, wo ich unter Gleichgesinnten bin, halte ich mich gerne auf. Dies passiert auch nicht uneigennützig für die Betreiber: Wer länger auf Facebook, YouTube oder Google unterwegs ist, konsumiert auf diesen Plattformen mehr an Werbung. Und davon profitieren die Inhaber.

    Doch der Effekt ist nicht neu und schon gar keine Erfindung des Internet. In der „realen Welt“ werde ich mich bei der Wahl der Medien, die ich konsumiere, an meinem Weltbild orientieren, bei der Ausübung meiner Hobbies verbringe ich mehr Zeit unter Gleichgesinnten und am Stammtisch im Gasthaus finden sich als Gesprächspartner auch leichter Menschen mit ähnlichen Meinungen zu einem Gespräch zusammen.

    Die tatsächlichen Auswirkungen dieses Filterblaseneffekts sind umstritten, da es erst wenige Untersuchungen gibt. Erste empirische Studien – wie zB die Auswertung von 50.000 Browserverläufen amerikanischer User durch die Universität Oxford[4] oder eine Studie amerikanischer Datenwissenschaftler mit Milliarden an [5]- zeigen einen sehr geringen Einfluss auf unsere Meinungsvielfalt. Auch wenn für manche Menschen Facebook zu einem Hauptkanal für Informationen geworden sein mag: Es wird bei kaum jemand die einzige Informationsquelle sein.

    Oberflächlichkeit und Aufmerksamkeitsdefizite

    Doch MedienkritikerInnen beurteilen das anders und beschwören nahezu den Untergang der Menschheit durch die Nutzung sozialer Medien und das Internet an sich herbei.

    Der amerikanische Autor Nicholas Carr meinte vor einigen Jahren, dass unser Denken durch die Nutzung des Internets verflacht, da man immer weniger in die Tiefe von Texten eintaucht und stattdessen nur mehr schnell und oberflächlich durch das Netz bewegen.[6] In einem 2013 erschienen Essay meint er, dass Wikipedia nur „ein blasser Abglanz der Britannica“ sei und kritisiert die Qualität von benutzergenerierten Inhalten.[7]

    Sherry Turkle, eine amerikanische Soziologin und Medienkritikerin meinte „Das Internet hat uns vieles gebracht. Leider auch die Möglichkeit, nicht zu denken.“ Sie vertritt die Ansicht, dass wir „Alone Together“ sind: Mit vielen vernetzt, aber doch einsam. Dass wir uns durch unsere Aktivitäten in sozialen Netzwerken nach dem Motto „Ich teile, also bin ich“ definieren.[8]

    Carr geht jedoch von Selbsterfahrung aus und berücksichtig nicht, dass sich auch die Arbeitswelt geändert hat, oder dass der Umgang mit einem neuen Medium auch neue Nutzungsverhalten bedingt. Turkle berücksichtig nicht, dass sich ein Großteil der User in sozialen Netzwerken passiv verhält oder es für viele einfach leichter ist, Gesagtes zu wiederholen.

    Medienkritik ist so alt wie die Kommunikation selbst. Und mit jedem neuen Medium gerät ein Gefüge alter Medien und deren Nutzungspraktiken durcheinander. Auch wenn das „World Wide Web“, wie wir es heute kennen und verwenden bald 20 Jahre alt ist und Facebook kürzlich seinen dreizehnten Geburtstag gefeiert hat: Für viele Menschen ist die Nutzung noch immer ein gewisses Neuland, das erst entdeckt werden muss.

    Auch die aktuellen Diskussionen rund um Themengebiete wie „Hasspostings“ oder den sogenannten „Fake News“ zeigen, dass sich die Gesellschaft erst orientieren muss. Es wird schon das „postfaktische Zeitalter“ heraufbeschwört, wo wir uns nur mehr an Emotionen orientieren und Fakten ignorieren – Doch krude Verschwörungstheorien gab es schon vor dem Fernsehen und Boulevardmedien, die sich „flexibel“ in der Interpretation von Fakten verhalten, sind ebenfalls keine Erfindung des Internets.

    Eigenverantwortung der User

    Das Großartige am Web: Die Offenheit und Möglichkeit der Partizipation. Soziale Medien und das Internet per se ermöglichen es, andere Perspektiven einzunehmen, und sich so in die Situation und das Meinungsbild eines rechtsradikalen Studenten aus Berlin, einer Austauschstudentin in Südafrika oder einem mexikanischen Unternehmer zu versetzen.

    Die große Menge an Informationen und Meinungen zu filtern und zu sortieren ist jedoch eine Notwendigkeit. In den klassischen Medien sorgen JournalistInnen als „Gatekeeper“ für das vorsortieren und bewerten; in den „neuen Medien“ verlagert sich diese Aufgabe hin zu dem einzelnen Benutzer. Jeder ist sein eigener Gatekeeper. Mit dem Risiko, sich zu einseitig zu informieren.

    Aber was wäre die Alternative zu dem Problem der „Filterbubble“? Ein identer Informationskanal für alle Benutzer? Eine standardisierte Meinung zu Themen wie Migration, Politik, Wissenschaft, Sport, Bildung? Und wer entscheidet bei sozialen Netzwerken dann darüber, welche Inhalte zulässig sind und welche nicht?

    Facebook, Twitter und andere soziale Plattformen sind keine Medienunternehmen im Sinne einer Zeitung, denn die Inhalte kommen von den Nutzern selbst. Die Betreiber dieser Plattformen für die Inhalte haftbar zu machen wäre in etwa so, als würde man den Hersteller des Fernsehers dafür verantwortlich machen, welche Inhalte in der Nachrichtensendung gezeigt werden, statt der zuständigen Redakteure.

    Was es daher braucht: Eine starke Förderung der Medienkometenz.

    ________________________________________
    [1] https://www.youtube.com/yt/press/de/statistics.html
    [2] https://techcrunch.com/2016/01/27/facebook-grows/

    [3] Eli Pariser: The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You. Penguin Press, New York, 2011, ISBN 978-1-59420-300-8; Ted-Talk zum Thema: https://www.youtube.com/watch?v=B8ofWFx525s

    [4] http://poq.oxfordjournals.org/content/early/2016/03/21/poq.nfw006.short

    [5] http://science.sciencemag.org/content/early/2015/05/06/science.aaa1160

    [6] Nicholas Carr: The Shallows: What the Internet is Doing to Our Brains, ISBN 978-0393339758

    [7] Nicholas Carr: The amorality of Web 2.0, http://www.roughtype.com/?p=110
    [8] Sherry Turkle, Alone Together: Why We Expect More from Technology and Less from Each Other, ISBN 978-0465031467; Ted-Talk https://www.ted.com/talks/sherry_turkle_alone_together

    Bio:

    Jürgen Haslauer ist seit 1993 im Bereich digitaler Medien und Kommunikation tätig. Er erarbeitet Online-Strategien für Unternehmen und unterstützt sie bei deren Umsetzung. Als Mitglied des Chaos Computer Club Wien (https://c3w.at), der sich dem kritischen Umgang mit elektronischen Medien widmet, hat er 2016 die „Privacy Week“ initiiert, eine Veranstaltungsreihe zum Thema Privatsphäre im digitalen Zeitalter.

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    Blog · Dossier 3 - Gesellschaft16. Januar 2017

    Mit Code die Welt verbessern – ein Anspruch der nächsten Generation – Dossier 3, Beitrag #6

    Interview mit Maria Reimer und Daniel Seitz

    »Mit Code die Welt verbessern« – das ist das Motto von “Jugend hackt”, das als Programm zur Förderung des Programmiernachwuchses 2013 in Berlin startete. Zur ersten Veranstaltung kamen nicht wie erwartet zwanzig, sondern sechzig Jugendliche, die mit ihren technischen Fähigkeiten die Welt verbessern wollten. Heute ist das gemeinnützige Förderprogramm für junge computerbegeisterte Menschen in Deutschland, der Schweiz und Österreich aktiv.

    “Jugend hackt” versteht sich allerdings nicht zuerst als Talenteschmiede für die Industrie, sondern vielmehr als Raum, in denen digitale Kompetenzen gemeinsam zelebriert und kollaborativ erweitert werden. Die Teilnehmer*innen werden von Mentor*innen deswegen nicht nur technisch unterstützt, sondern auch für die gesellschaftliche Relevanz ebendieser Fähigkeiten sensibilisiert. Es wundert also nicht, dass “Jugend hackt 2016” den Deutschen Engagementpreis in der Kategorie „Demokratie stärken“ gewonnen hat.

    Wie ist die Idee zu “Jugend hackt” entstanden und warum habt ihr überhaupt eine Notwendigkeit für so ein Format gesehen?

    Maria Reimer: Die technologische Revolution verändert alles: Unser wirtschaftliches Ökosystem, unser Sozialgefüge, unsere Arbeit, unsere Beziehungen. Aber wer diesen Wandel besteht oder, noch besser, gestalten kann, ist reiner Zufall. Der kundige, kritische Umgang mit Technologie und Medien darf aber kein Zufallsprodukt sein. Deshalb haben wir “Jugend hackt” gegründet – ein gemeinnütziges Förderprogramm für die nächste Generation, die wir zur Gestaltung unserer Gesellschaft dringend auf unserer Seite brauchen. Schon seit Jahrzehnten gibt es schließlich Jugendprogramme beispielsweise im Bereich Forschung oder Musik. Wir fanden, dass ein Förderprogramm für Computerbegeisterte und -talentierte überfällig war.

    Was haben Coding und zivilgesellschaftliches Engagement eigentlich miteinander zu tun?

    Maria Reimer: Ein enormer Teil von Technologie beeinflusst unser gesellschaftliches Zusammenleben. Wir brauchen eine ausführlichere kritische Auseinandersetzung, was den Einsatz von Technologie angeht: Sind Wahlcomputer wirklich eine so gute Idee? Wer haftet, wenn Drohnen Unfälle bauen oder gar Menschen töten? Und wo kann Programmcode unser Zusammenleben besser machen? Aber es geht nicht nur um das große Ganze. Auch die individuelle Verantwortung muss beleuchtet werden. Welche Moral und Zivilcourage erwarten wir von den Menschen, die einen Staatstrojaner programmieren sollen oder wie Edward Snowden von weltweiten Ausspähprogrammen erfahren? Es ist unmöglich, die beiden Bereiche nicht miteinander zu denken.

    Wie sieht es in der Praxis aus, wenn Jugendliche mit Code die Welt verbessern?

    Daniel Seitz: Die Bandbreite der erarbeiteten Ideen und umgesetzten Prototypen der Jugendlichen ist riesig. Dabei ist immer wieder spannend, wie unkonventionell die Teilnehmenden Themenfelder identifizieren und Lösungen erarbeiten. Wir haben z.B. im Oktober 2016 den Themenschwerpunkt “Grenzen im Kopf” angeboten, um die Aufmerksamkeit der Jugendlichen auf (ihren) Alltagsrassismus und individuelle Verantwortung in einer globalisierten Gesellschaft zu lenken. Dabei entstand “Stereotyper”, ein “Tinder” für Rassismus. “Tinder” ist eine aktuell sehr beliebte Dating-App (Anwendungssoftware), die über einfaches Wischen des Screens Menschen miteinander verbindet. “Stereotyper” geht weiter und sucht nach inhaltlichem Austausch, der nach Abarbeiten eines Fragenkatalogs zwei Menschen mit sehr unterschiedlichen Stereotypen auf Bevölkerungsgruppen miteinander verbindet und ihnen somit die Chance gibt, diskursiv an ihren Alltagsrassismen zu arbeiten.

    Das Phänomen der digitalen Kluft ist auch unter Jugendlichen zu beobachten. Faktoren wie Haushaltseinkommen, Geschlecht oder Bildung der Eltern haben nach wie vor Einfluss auf die Fähigkeiten der Jugendlichen. Sollten die Kompetenzen, die für solche weltverbessernden Projekte notwendig sind, deswegen langfristig auch in der Schule Platz finden?

    Maria Reimer: Ja. Medienbildung muss natürlich noch stärker in die Lehrpläne Eingang finden. Ob das ein separates Schulfach sein sollte, ist eine andere Debatte, die ich persönlich verkürzt und nicht zielführend finde. Aber wie sollen Geschichte, Physik, Englisch, Sozialkunde ohne die Beschäftigung mit Computern, Medien, Technik in Zukunft noch erfolgreich funktionieren?

    Wie ist der status quo hinsichtlich Medienpädagogik? Wo seht ihr Potentiale und Aufgaben für die nächsten Jahre?

    Daniel Seitz: Nach wie vor werden Medienpädagogik und Medienbildung stiefmütterlich behandelt – entgegen vieler Lippenbekenntnisse aus Politik und Wirtschaft. Aktuelle Phänomene wie “Fake-News” und die Debatten um “Social-Bots” zeigen nicht nur, wie schnell neue Themen aufkommen können, sondern auch, wie schwach ausgeprägt strukturelles Wissen um Technologie in der Breite der Gesellschaft ist. Neben den dringend anstehenden Aufgaben im Schulbereich, bedeutet dies auch für alle anderen Bildungsbereiche hohen Bedarf für aktuelle Inhalte und neue Formate. Gerade werden wegweisende Technologien eingeführt – ohne eine breite kritische Zivilgesellschaft, die deren Auswirkungen auf unser Zusammenleben diskutiert und begleitet.

    Was kann die politische Ebene dazu beitragen?

    Daniel Seitz: Eine informierte Öffentlichkeit herstellen, indem sie kurz- und mittelfristig auf die Bildungsbedarfe reagiert. Weder wird ein “Wahrheitsministerium” als Reaktion auf “Fake-News” weiterhelfen, noch werden Diskussionen um moralische Standards zur Bundestagswahl zum Einsatz von “Social-Bots” helfen, wenn rechtspopulistische Parteien wie die AfD (Alternative für Deutschland) diese einsetzen und keine kritische Öffentlichkeit existiert, die den moralisch richtigen Weg der anderen Parteien unterstützt.

     

    Bio:

    Maria Reimer arbeitet bei der Open Knowledge Foundation Deutschland, für die sie 2013 “Jugend hackt” ins Leben gerufen hat. Zudem ist sie ehrenamtlich bei FragDenStaat.de aktiv. Die studierte Politikwissenschaftlerin hat beim Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) zur Innovationsfähigkeit des föderalen Bildungssystems geforscht und für Transparency International Deutschland eine Strategie zur digitalen Öffnung des Vereins geschrieben. Maria Reimer war bis 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten.

    Daniel Seitz ist Gründer von medialepfade.org. Als Medienpädagoge ist er überzeugt, dass Medienbildung einen wichtigen gesellschaftlichen Anteil zu politischer Teilhabe, Selbstentfaltung und Kreativität leisten kann. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind politische Bildung mit Webvideo sowie coding, making und deren gesellschaftlichen Auswirkungen.
    Daniel Seitz engagiert sich in der „Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur“ (GMK) und im Beirat des „Fonds Soziokultur“ und schreibt u.a. für das Medienpädagogik Praxisblog und netzpolitik.org.

    Magdalena Reiter arbeitet als selbständige Designerin mit einem Schwerpunkt auf Gestaltungstheorie und Netzpolitik. In ihrer Arbeit untersucht sie sowohl theoretisch als auch prototypisch, welche Bedingungen fruchtbar für kollaboratives Schaffen und kreative Zusammenarbeit in der digitalen Gesellschaft sind. Reiter war maßgeblich daran beteiligt, das gemeinnützige Programm “Jugend hackt 2016” gemeinsam mit der OPEN COMMMONS LINZ nach Österreich zu bringen. Zudem koorganisiert sie seit 2015 als Gründungsmitglied den Netzpolitischen Abend im Metalab, Wien.

    Fotocredits:

    Foto: Leonard Wolf (Maria Reimer)
    Foto: CC BY bpb.de (Daniel Seitz)
    Foto: CC BY-SA 3.0 Katharina Meissner (Magdalena Reiter)

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    eVolunteering – Freiwillig im Netz? – Dossier 3, Beitrag #5

    Von Gerald Czech unter Mitarbeit von Sarah Hasanović

    Betrachtet man die Zivilgesellschaft, also jenen sozialen Raum, der sich – wie das Christoph Badelt (Badelt, 2002) so schön formuliert hat – „zwischen Marktversagen und Staatsversagen aufspannt“, so tut sich ein riesiges Spektrum an Aktivitäten auf, die in diesem unbespielten Feld jenseits jeglicher Marktlogik durchgeführt werden. Soziale, kulturelle oder sportliche Aktivitäten werden hier hauptsächlich von Nonprofit-Organisationen (NPOs) durchgeführt, mit einem signifikanten Anteil an unbezahlten Ehrenamtlichen, deren Motivatoren jenseits finanzieller Anreize zu suchen sind. Über die Motivation zur Freiwilligenarbeit in Nonprofit-Organisationen gibt es viel an Material, beispielsweise eine Metastudie zum Abschluss des „Internationalen Jahres der Freiwilligkeit“ (Czech & Hajji, 2011).

    Wer beispielsweise im Informationsbereich als Freiwillige/r aktiv ist, hat oftmals zusätzlich persönliche Gründe oder Motivationen1 dafür, warum er/sie gewisse Informationen mit spezifischer Perspektive der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen möchte.

    Die Entkoppelung der Logik der Gewinnoptimierung von dem persönlichen finanziellen Nutzen, führt in vielen Organisationen des Nonprofit-Sektors allerdings auch zu einer Selektion der engagierten Personen. Denn solches Engagement muss man sich leisten können und auch wollen. Aus diesem Grund gibt es weitaus mehr freiwillig engagierte Akademiker und Akademikerinnen als Freiwillige mit Pflichtschulabschluss. Auch steigendes Alter und damit einhergehende bessere soziale Absicherung steigert die Bereitschaft sich freiwillig zu engagieren. Der Österreichische Freiwilligenbericht zeigt den Stand (Hofer, 2012).

    Die rechtliche Definition der Freiwilligenarbeit in Österreich (§2 FreiwG) beinhaltet die Tätigkeit für andere, in einem organisatorischen Rahmen, unentgeltlich, mit dem Zweck der Förderung der Allgemeinheit oder aus überwiegend sozialen Motiven und ohne Erwerbsabsicht. Per Gesetz sind demnach einige Bereiche des eVolunteerings nicht „freiwillig“, vor allem deswegen, weil der organisatorische Rahmen der Freiwilligenorganisation fehlt.2

    Alter Wein in neuen Schläuchen?

    eVolunteering kann nicht einfach anhand bestehender Erfahrungen als eine Art digitaler Aspekt in die klassische offline-Freiwilligkeit integriert werden. Denn hier ist nicht nur von digital geleisteter ehrenamtlicher Arbeit in klassischen Organisationen des Nonprofit-Sektors die Rede: durch die digitale Revolution haben sich komplett neue Organisationstypen ergeben, die unabhängig von klassischen Einrichtungen entstanden sind, in denen die digitale Freiwilligkeit oftmals bloß komplementär zu klassischen Formen des freiwilligen Engagements gebräuchlich ist.

    So strukturieren und organisieren Digitale oft transnationale Organisationsformen – das sogenannte Internet – seit vielen Jahren, sei es im Bereich der offenen Software (Linux, GNU, …) oder im Bereich der offenen Informationen, zum Beispiel bei Wikipedia. Betriebssysteme wie Linux wären ohne freiwilliges Engagement der daran Beteiligten nicht möglich, auch Wikipedia ist eine Informationsquelle, deren Autorinnen und Autoren freiwillig ihre Informationen zu Verfügung stellen, auch der Review erfolgt durch Volunteers. Diese Freiwilligen im Web erweisen der Allgemeinheit nachweislich einen Dienst, tun dies entgegen aller idealistischen Vorstellungen jedoch nicht immer aus rein altruistischen Motiven3. Aber auch die meistverwendeten Server-CMS (Content Management Systems) Typo3, WordPress, Joomla sind Open Source (quelloffene) Produkte mit hohem Anteil an eVolunteers unter den EntwicklerInnen. Diese Perspektiven werden von den laufenden Diskursen meistens ausgespart. Im Zentrum stehen eher klassische Organisationen und ihre Freiwilligen.

    Doch gerade in der Open Source-Bewegung spielt das freiwillige Engagement oft eine Rolle. Wenn der Produktnutzen schon von dem direkten finanziellen Mehrwert entkoppelt ist, macht es Sinn, auch die Entstehungsgenese vom monetären Aspekt und der damit kurzfristigen individuellen Nutzenmaximierung zu befreien.

    eVolunteering, IRL Volunteering, blended Volunteering?

    Für den theoretischen Zugang zum Phänomen eVolunteering ist es unumgänglich unterschiedliche Typen des ehrenamtlichen Engagements voneinander abzugrenzen, die in Reinform so wohl selten solitär existieren. Auf der einen Seite sind die – nennen wir sie – „klassischen Freiwilligen“, die ihre unbezahlte, zumeist altruistische Tätigkeit, live und als Person vor Ort erbringen. Auf der anderen Seite besteht der Typus des eVolunteers, der/die mit Hilfe digitaler Unterstützung eine Leistung erbringt. Beide engagieren sich ohne Bezahlung, allerdings ist die live-Verfügbarkeit am Ort der Leistungserbringung beim eVolunteer nicht zwangsläufig notwendig. Jähnert hat hier bereits vor einigen Jahren eine Klassifikation vorgeschlagen, in der die Orts- und Zeitunabhängigkeit das Kriterium ist, anhand dessen zwischen klassischem und eVolunteering unterschieden wird. (Jähnert, 2012)

    Ob es Sinn macht, soziales altruistisches Engagement nach den unterschiedlichen Kanälen der Kommunikation mit den Benefizientinnen und Benefizienten oder den organisatorischen Backbones zu segmentieren, sei dahin gestellt. Denn heutzutage hat wohl jedes freiwillige Engagement einen gewissen Anteil an digitaler Kommunikation: sei es der Dienstplan im Google-Kalender oder in der Facebook-Gruppe, die eMailing-Liste für Informationen oder die Moodle-Plattform für das Online-Training der Freiwilligen. Dabei ist die Verwaltung der Leistungen noch gar nicht miterfasst.

    Wichtig scheint diese Typologie mehr für die Organisationen als für die Freiwilligen selbst, denn sie müssen neue Möglichkeiten der Mitarbeit im digitalen Bereich anbieten. Sie müssen bestehende Freiwillige halten und attraktiv für potentielle Engagierte sein, die sich weder physisch an eine Organisation, noch geografisch an einen Ort binden lassen und die Fähigkeiten besitzen, die dem auch widerstreben würden. Natürlich kann bei Weitem nicht jede Freiwilligenarbeit in digitaler Form passieren, aber das Spektrum der Angebote für freiwilliges Engagement muss signifikant erweitert werden. Letztendlich dient das nicht nur den Freiwilligen, sondern auch den etablierten Organisationen selbst, da sie so besser wirken können.

    Es braucht ein digitales Freiwilligenmanagement

    Wie im klassischen Engagement gibt es auch im eVolunteering-Bereich unterschiedliche Ebenen: Die Bandbreite reicht von der bloßen Unterstützung für Initiativen (sogenannter Clicktivism), über das Nutzen eigener Netzwerke für die Kommunikation von Initiativen, bis hin zu regelmäßigem und langfristigem digitalen Engagement. Stellt eine Organisation den Freiwilligen die für sie passenden Angebote zur richtigen Zeit zur Verfügung, kann sie – wie im klassischen Freiwilligenmanagement auch – profitieren und die Fühler in Richtung neuer Wirkungsfelder ausstrecken. Neue Aufgaben schaffen Präsenz an neuen Orten und persönliche Befriedigung beim Engagierten.

    Im Sinne einer Leiter des Engagementlevels, der so genannten „Ladder of Engagement“, wie sie auch im digitalen Kampagnenmangement eingesetzt wird, kann auch hier je nach Ausbildungs- und Sozialisierungsgrad der oder des jeweiligen Freiwilligen ein erreichbares Ziel gesteckt werden. Denn die globalen strategischen Ziele einer Nonprofit-Organisation können ob ihrer Unerreichbarkeit für den Einzelnen hemmend und überfordernd wirken: eine Welt ohne Krieg, ohne hungernde Kinder, ohne Rassismus , ohne leidende Kranke. Werden diese idealisierten Ziele in kleine, verträgliche Arbeitspakete umgewandelt, fühlt sich der/die einzelne Freiwillige gebraucht und in seinem/ihrem Tun bestärkt.

    Gleichzeitig kann man die Perspektive der Mitarbeitenden von nicht enden wollender laufender Arbeit – denn dazu führen die unerreichbaren höheren Ziele – hin zur Kampagnenarbeit, adaptieren. Das bedeutet auch eine Disruption etablierter Organisationsformen (Maderthaner, 2015), die die persönliche Wirkung in den Mittelpunkt stellt.

    Neben der Übersetzung von übergeordneten strategischen Organisationszielen in die Mikroebene der tagtäglichen Arbeit, braucht es beim digitalen Engagement in NPOs auch eine Angebotsebene, die sich abseits von örtlichen Zugehörigkeiten bewegt. Gerade österreichische Nonprofit-Organisationen mit einem geographischen Paradigma der Zuständigkeit – ein Nebeneffekt der föderalen Organisation Österreichs – neigen dazu, Organisationsherausforderungen nicht zu sehen, wenn die Brille der Bundesländer und Postleitzahlen kein Bild liefert. Hier braucht es Lösungsformate, die von der geographisch geprägten Struktur unabhängig dieselben Methodensets einsetzen können, um Engagement zu kanalisieren und im Sinne der Organisationsziele zu fokussieren: es braucht also ganz klar ein überregionales digitales Freiwilligenmanagement.

    Integrierte Organisation oder distinkte eVolunteering-Silos?

    In den vergangenen Jahren haben sich weltweit digitale Freiwillige in vielen Bereichen etabliert. Dabei gibt es einerseits Initiativen, die diese Art des Engagements bündeln und dann anderen Organisationen zur Verfügung stellen: Crisis-Mappers zum Beispiel, ein internationales Netz an Crowdmappern, die, auf Anforderung der vor Ort befindlichen NPOs und UN-Agenturen, bei großen internationalen Katastrophen Lagekarten und andere mapping-Produkte on-the-fly erstellen. Patrick Meier, einer der Gründer der Initiative, erklärt die Idee dieser Form des Engagements in einem Video.

    Eine andere Variante ist, digitale Freiwillige in das Konzept einer Organisation miteinzubinden. Das Kolumbianische Rote Kreuz bittet beispielsweise Freiwillige, ihre Trainings- und Ausbildungsunterlagen zu erstellen. Auch das Österreichische Rote Kreuz greift immer wieder auf online-Volunteers innerhalb der Organisation zurück. Sei es im Bereich des Lektorats von Buchprojekten, dem Social Media-Management bei großen Katastrophen, Übersetzungsarbeit oder Programmierungen.

    Darunter fällt auch das Engagement für mehr Menschlichkeit in den sozialen Medien. Gerade als in sozialen Netzwerken aktive Organisation ist das Rote Kreuz an einem produktiven, menschlichen Dialog auf all seinen Online-Präsenzen interessiert. Um diesen zu erhalten und unmenschliche Stimmen zu neutralisieren, engagiert sich das Rote Kreuz gemeinsam mit anderen Playern gegen Hass im Netz. User (BenutzerInnen) werden dabei zu BotschafterInnen der Menschlichkeit auf Facebook – auch so kann eVolunteering ausschauen. In allen genannten Bereichen war und ist die Anbindung der Freiwilligen an die Organisation nicht über die standardisierten Schnittstellen möglich, sondern passiert spontan und individuell.

    Es scheint daher sinnvoll, für den Bereich der Online-Freiwilligkeit eigene Strukturen zu etablieren, entweder im Bereich von bundesweiten Dachorganisationen, oder als eigene distinkte auf ein Thema oder eine Leistung spezialisierte Einheiten, die ihre Dienste dann im Sinne von Meta-Nonprofits für andere Organisationen anbieten.

    Einige Best-Practices zum digitalen Volunteering

    Mapathon: Ärzte ohne Grenzen und Österreichisches Rotes Kreuz laden immer wieder ein, gemeinsam digital zu helfen
    ● Crowdtasking: Hier gibt es erste Initiativen zum Einsatz von Crowdtasking im Bereich des Katastrophenmanagements: www.reacta.at
    ● UN Volunteers auf onlinevolunteering.org vernetzen potentielle Freiwillige mit Projekten im Bereich der nachhaltigen internationalen Zusammenarbeit
    ● Wheelmaps: Eine Landkarte der Barrierefreiheit www.wheelmap.org
    ● Ushahidi ist eine Plattform zum Crowdmapping, die auf eine Initiative aus Kenia zurückzuführen ist: www.ushahidi.com

    1 Die Motivationsdifferenzen unterschiedlicher Freiwilliger bei gleichen Zielen ist generell ein spannendes Thema, das einer näheren Betrachtung wert wäre. So finden sich beispielsweise religiös Motivierte gemeinsam mit friedensbewegten Atheisten und linken Weltverbesserern in der geteilten Rotkreuz-Idee der Menschlichkeit.

    2 So wie das gesamte Freiwilligengesetz in der Hauptsache der Definition von freiwilligem Sozialen Jahr und Gedenk-, Friedens- und Sozialdienst im Ausland gewidmet ist.

    3 Wiewohl hier die Motivlage wahrscheinlich eher der Informationsfunktion und der daraus entstehenden Wirkungen zukommt, als der Tatsache, dass diese freiwillig erfolgt.

    Literaturverzeichnis

    Badelt, C. (2002). Zwischen Marktversagen und Staatsversagen? : Nonprofit Organisationen aus sozioökonomischer Sicht . In M. M. Christoph Badelt (Herausgeber), Handbuch der Nonprofit Organisation : Strukturen und Management. (S. 107-128). Stuttgart: Schäffer-Pöschel.
    Czech, G., & Hajji, A. (2011). Warum man sich das antut: Motivationsfaktoren für freiwilliges Engagement in Österreich. Wien: Österreichisches Rotes Kreuz.
    Hofer, B. (2012). Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des Freiwilligen Engagements in Österreich. Wien: Sozialministerium.
    Jähnert, H. (2012). Was ist Online-Volunteering. Von Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement: http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2012/03/nl05_jaehnert_online-volunteering.pdf abgerufen
    Maderthaner, P. (2015). The New Immediacy: How Campaigning disrupts Organizations of All Kinds. Campaigning Summit.

    Bio:
    Gerald Czech ist interimistischer Leiter Marketing und Kommunikation im Österreichischen Roten Kreuz und seit vielen Jahren als @redcrosswebmast in den sozialen Medien aktiv. Als Sozioökonom mit Schwerpunkt auf NPO-Management ist er auch immer wieder im Grenzland zwischen Sozialwissenschaften, Resilienzforschung und Katastrophenmanagement tätig und bleibt als ehrenamtlicher seiner Rotkreuz-Bezirksstelle in Brunn am Gebirge treu.

    Sarah Hasanović ist im Kommunikationsteam des Österreichischen Roten Kreuzes tätig. Nach einige Jahren im off- und online-Journalismus und einem Jahr bei einer NGO im Ausland kümmert sie sich seit 2012 im Team New Media & Campaigning um die Content und Social-Media-Agenden der Organisation.

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    Offene Daten für ein besseres Österreich – Dossier 3, Beitrag #4

    Von Sonja Fischbauer, Robert Harm und Johann Höchtl

    Wissen ist ein ganz besonderer Rohstoff: Wissen vermehrt sich, wenn man es teilt. Im Gegensatz zu materiellen Gütern sind Informationen unbegrenzt verfügbar: Ein Datensatz, der zum Beispiel das heutige Wetter beschreibt, verliert nicht an Wert, wenn ihn mehrere Menschen verwenden. Im Gegenteil, der Datensatz wird sogar wertvoller, wenn man ihn ergänzt und mit anderen Informationen verknüpft.

    Wissen ist eine ganz besondere Ressource: Es vermehrt sich, wenn man es mit anderen teilt. (BildurheberIn: Ansonlobo, eigenes Werk. Lizenz: CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

    Durch die Digitalisierung entstehen neue Herausforderungen: Für jeden einzelnen Menschen im persönlichen Alltag genauso wie für die Politik, Industrie, Wirtschaft und Forschung. Aber “Wissen” ist kein neues Thema der Digitalisierung – es war schon immer vorhanden, wurde mündlich verbreitet, in Bildern und Büchern. Neu ist, dass es jetzt so einfach ist wie nie zuvor, Wissen in der ganzen Welt zu verbreiten.

    Doch wie schaffen wir möglichst vielen Menschen einen freien Zugang zu diesem unendlichen Rohstoff? Die Lösung: Wissen öffnen!

    Openness” ist der Fachbegriff für das Prinzip, diesen freien Zugang und die freie Verwendung zu ermöglichen. Dabei gibt es offene Software (Open Source), offene Forschung (Open Science), offene Regierung (Open Government) und vieles mehr. In diesem Artikel beschäftigen wir uns mit dem Thema offene Daten, oder: Open Data.

    1) Was ist Open Data, und was bringt es uns?

    Unter dem Begriff Open Data (offene Daten) versteht man nicht-personenbezogene Daten in maschinenlesbarer Form, die als kostenlose, öffentliche Ressource von jedem Menschen nutzbar sind – etwa um neue Startups zu gründen, Informationen zu gewinnen oder Abläufe im eigenen Unternehmen zu verbessern.

    Offene Daten bzw. potentielle offene Daten lassen sich praktisch überall finden: In den Bereichen Verwaltung und Regierung ebenso in Wirtschaft, Kunst und Kultur, Wissenschaft und in der Zivilgesellschaft.

    Die Möglichkeiten, die daraus entstehen, sind grenzenlos: Mit Open Data lassen sich Anwendungen erschaffen, die der Gesellschaft ebenso wie der Wirtschaft nutzen. (Eine ausführliche Definition lässt sich auf opendefinition.org nachlesen.)

    Offene Daten….

    … schaffen Vertrauen in die Verwaltung durch nachvollziehbare Verwendung von Steuermitteln. Legt die Verwaltung sämtliche Informationen offen, die durch Steuergelder finanziert werden (und die weder persönliche, noch sicherheitsgefährdende Daten enthalten), dann erlaubt diese Transparenz den BürgerInnen, sich aktiv damit auseinanderzusetzen. Durch die Möglichkeit, verwalterisches Handeln zu kontrollieren, steigt das Vertrauen in staatliche Institutionen.

    … lassen die Wirtschaft wachsen, weil neue Ressourcen und Business-Modelle für Startups entstehen. Wenn Informationen – Daten, Erkenntnisse und Algorithmen – kostenfrei für eine breite Öffentlichkeit zugänglich sind, entsteht dadurch eine wertvolle neue Ressource. Dadurch fällt eine finanzielle Barriere weg, was besonders für Startups und (angehende) Entrepreneurs wichtig ist, um daraus neue und innovative Lösungen zu schaffen.

    Aus Open Data lassen sich Spiele, Apps und Webanwendungen programmieren: Junge Menschen können mit offenen Daten nicht nur ihre technischen Fähigkeiten ausbauen, sondern auch ihr Bewusstsein für gesellschaftspolitisches Engagement stärken. (Foto: CC-BY 4.0 Luiza Puiu)

    2) Was sagt die Politik dazu?

    In der Europäischen Union (EU) ist das Thema Openness seit einigen Jahren von großer Bedeutung. Die EU hat in den letzten Jahren mehrere Strategiepapiere zu Open Source, Open Data und Open Science veröffentlicht, um die Realisierung des digitalen Binnenmarktes zu unterstützen.

    In Österreich wird die Veröffentlichung von Open Data und Public Sector Information (PSI) derzeit allerdings sehr lückenhaft gehandhabt. Zwar gibt es die europäische PSI Richtlinie und das Informationsweiterverwendungsgesetz, jedoch sind das Gesetz und die Richtlinie in der österreichischen Verwaltung teils wenig bekannt und/oder kommen oft schlicht nicht zum Einsatz.

    Das Thema Openness ist in Österreich auf verschiedenen Ministerien aufgeteilt. Damit wir jedoch etwas erreichen können, müssen alle zusammenarbeiten: Es bedarf einer ineinandergreifenden Strategie, die über ministerielle Zuständigkeitsgrenzen hinweg eine Vision der Offenheit und Transparenz bietet. Wir brauchen eine starke politische Openness-Agenda in Österreich: Bund, Länder und Gemeinden müssen sich mit den ExpertInnen aus der Zivilgesellschaft und der Forschung an einen Tisch setzen und eine gemeinsame Vision für Österreich ausarbeiten. In einem offenen Prozess, der auch die einzelnen BürgerInnen teilhaben lässt, gilt es konkrete Maßnahmen zu finden, um die Openness-Vision nachhaltig umzusetzen.

    Bisher wurden in Österreich einige Projekte im Bereich Openness unterstützt, wie etwa die Open Data Portale data.gv.at und opendataportal.at, das Projekt e-infrastructures.at zur offenen Archivierung wissenschaftlicher Erkenntnisse oder geförderte Innovationsprojekte wie openinnovation.gv.at. Obwohl schon einiges geschehen ist, ist noch viel zu tun. Es sind weitere Anstrengungen erforderlich, die von der Politik beschlossen und mit finanziellen Mitteln gefördert werden müssen. Zur Umsetzung der europäischen digitalen Agenda und zur Unterstützung von nachhaltigem Wachstum brauchen wir konkrete Maßnahmen.

    Zusammenarbeit und Austausch zwischen Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft, Politik und Verwaltung stehen im Vordergrund. (Bild: Der Transparenz-Kreislauf. CC-BY 3.0 AT. Sunlight Foundation, bearbeitet von Robert Harm.)

    3) Neue Projekte: Die nächsten Schritte in eine bessere Zukunft

    Im Folgenden zeigen wir einige Beispiele für Initiativen aus der Zivilgesellschaft, die sich bereits im Bereich Open Data engagieren. Diese Initiativen sind AnsprechpartnerInnen für mögliche “Leuchtturmprojekte”, die von der Politik unterstützt werden könnten, um eine nachhaltige Open Data Strategie in Österreich zu gewährleisten.

    3.1. Amtsgeheimnis abschaffen und Informationsfreiheit in die Verfassung aufnehmen

    “Open by default”: Die transparente Bereitstellung von Daten und Informationen muss zum Standard werden. BürgerInnen sollen sich darüber informieren können, welche Daten und Informationen von der Verwaltung verfügbar sind. Konkrete Möglichkeiten dafür sind ein Informationsregister nach slowenischem Vorbild, sowie die Einrichtung einer Schlichtungsstelle durch Informationsfreiheitsbeauftragte. Letztere ermöglicht den BürgerInnen, beim Wunsch nach Informationen nicht den Staat klagen zu müssen, wie es derzeit im österreichischen Gesetzesentwurf des Informationsfreiheitsgesetzes vorgesehen ist.

    AnsprechpartnerIn 1) Forum Informationsfreiheit

    Die zivilgesellschaftliche Initiative Forum Informationsfreiheit engagiert sich mit mehr als 13.000 UnterstützerInnen für das Ende des Amtsgeheimnisses und für ein Recht aller BürgerInnen auf Zugang zu Behördeninformationen.

    Mit dem Motto “Gläserner Staat statt gläserner Bürger” setzt sich das Forum Informationsfreiheit für Informationsfreiheit, Open Data und mehr Transparenz in Politik und Verwaltung ein. Der Verein betreibt die Plattform FragDenStaat.at, über die BürgerInnen unkompliziert – und auf Wunsch öffentlich nachvollziehbar – Anfragen an Behörden richten können, und bietet auch Transparenz-Workshops für Gemeinden, interessierte Organisationen und Bürgerinitiativen an.

    3.2 Offene Daten in der Privatwirtschaft fördern

    Offene Datenportale, sowohl für Daten der Verwaltung als auch für Daten der Privat- und Zivilgesellschaft, sind Grundpfeiler der nationalen IKT-Infrastruktur. Dementsprechend müssen sie mit den notwendigen finanziellen Mitteln ausgestattet werden, um den Betrieb nachhaltig und langfristig zu sichern und um sich durch konsequente Weiterentwicklungen auf internationalem Standard zu halten.

    AnsprechpartnerIn 2) Open Data Portal Österreich

    Auf opendataportal.at findet sich das zentrale Datenportal für Wirtschaft, Kultur, NGO/NPO, Forschung und Zivilgesellschaft.

    Das Open Data Portal Österreich ist dabei die erste Anlaufstelle für die Privatwirtschaft. Die ExpertInnen bieten Beratung und Serviceleistungen rund um das Thema Daten an.
    So begleitet etwa das aktuelle Programm Data Pioneers, in Kooperation mit dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, Unternehmen dabei, die Welt von Open Innovation und Open Data zu erkunden – und die daraus resultierenden Chancen zu nutzen. Dazu bieten die ExpertInnen vom Open Data Portal Österreich ineinander greifende Veranstaltungen und individuelle Betreuung für Unternehmen an.

    3.3 Mit offenen Verkehrsdaten die Wirtschaft stärken

    Zahlreiche Verkehrsunternehmen setzen schon jetzt auf Open Data, darunter die Wiener Linien, der Verkehrsverbund Ost-Region, der Steirische Verkehrsverbund und Graz Linien sowie die Linz AG. Auf lange Sicht müssen jedoch alle Verkehrsunternehmen des Landes offene Daten bereitstellen, um eine lückenlose, bundesweite Abdeckung sicherzustellen. Hier ist es wichtig, den politischen Rahmen zu schaffen, der eine österreichweite Freigabe sämtlicher Fahrplan- und Echtzeit-Daten der Verkehrsauskunft Österreich (VAO) ermöglicht.

    Mit der VAO, die von den einzelnen Verkehrsverbünden zentral mit Daten beliefert wird, gäbe es erstmals die Möglichkeit, auf einen Schlag offene Verkehrsdaten für ganz Österreich bereitzustellen – diese Chance sollte genutzt werden. Die Grundlage dazu lässt sich schon im Arbeitsprogramm der Österreichischen Bundesregierung 2013 -2018 nachlesen: “Verkehrsauskunft Österreich: Eine verkehrsträgerübergreifende und auf Echtzeit-Daten basierende Verkehrsauskunft für ganz Österreich soll umgesetzt werden”. Von einer solchen Umsetzung profitieren die ÖsterreicherInnen in vielerlei Hinsicht:

        • Förderung der lokalen Wirtschaft: Mit offenen Daten der Wiener Linien entstanden bereits über 30 Apps, meist von EntwicklerInnen mit regionalem Bezug.

     

        • Mehrwert für den Tourismus: Das in Österreich so flächendeckend ausgebaute öffentliche Verkehrsnetz ist für Millionen von TouristInnen die Google, Bing oder Apple Maps verwenden, nicht sichtbar. Werden Verkehrsdaten als Open Data in internationalen Standardformaten zentral publiziert, können diese Anbindungen geschaffen werden. Der Fokus liegt dabei auf Openness. Exklusive Vereinbarungen, wie etwa die ÖBB sie mit Google geschlossen hat, sind kontraproduktiv.

    Ein Beispiel dafür, wie gut die Zusammenarbeit der Länder funktionieren kann ist basemap.at, die Verwaltungskarte für Österreich, die bereits als Open Data verfügbar ist. Die Prozesse dahinter könnten der VAO als Vorbild dienen.

    AnsprechpartnerIn 3) Initiative Offene Öffis

    Die Initiative Offene Öffis beschäftigt sich mit diesem Anliegen und hat bereits Lösungsansätze für die VAO ausgearbeitet, um eventuelle Hürden bezüglich des aktuellen Geschäftsmodells zu überwinden.

    Zahlreiche neue Mobilitäts-Apps können durch Open Data entstehen. (Screenshot via offene-oeffis.at)

    3.4 Kosten senken durch offene Adressdaten

    Adressdaten sind in Österreich zwar kein Geheimnis, aber sie sind noch nicht „offen“ im Sinn von Open Data: kostenlos, online frei zugänglich, in einer einheitlichen Schreibweise.

    Gesicherte Adressdaten reduzieren unterschiedliche Schreibweisen bei der Adressierung von BürgerInnen und Wirtschaftstreibenden, die zu Inkonsistenzen in Datenbanken und zu zusätzlichen Aufwänden in IKT-Systemen führen. Eine national einheitliche, behördlich gesicherte und laufend aktualisierte freie Adressdatenbasis als Download und über eine Schnittstelle (API) könnte sowohl behördenintern, als auch von der Wirtschaft, zur Steigerung der Interoperabilität und Reduktion der Kosten beitragen.

    Egal ob Wohnbauten, öffentliche Gebäude, Parkanlagen, Bürokomplexe oder Orte mit geschichtlicher Bedeutung – alle lassen sich leichter finden, vergleichen und zusammenstellen, wenn es dazu offene Adressdaten gibt. (Bild: Karte von St. Pölten, 1821, Public Domain, via Wikimedia Commons).

    AnsprechpartnerIn 4) Offene Adressen.at

    Die Initiative Offene-Adressen.at hat eine Schnittstelle (API) zur Abfrage der Daten des offiziellen österreichischen Adressregisters geschaffen. Durch eine solche Schnittstelle können EntwicklerInnen die Adressdaten direkt in ihre Services, Apps und Websites einbauen.

    3.5 Mit Hackathons die Daten-Kompetenz junger Menschen stärken

    Als Ergänzung zur schulischen Ausbildung können Freizeitveranstaltungen maßgeblich die Kreativität und das Potential der jungen Generation im Umgang mit der Digitalisierung stärken. Dabei bietet sich das Format eines “Hackathons” an.

    Open Data Hackathons bestärken junge Menschen darin, mit ihren eigenen Fähigkeiten die Welt zu verbessern. Erwachsene MentorInnen stehen den Jugendlichen zur Seite beim Young Coders Festival 2014. (Foto: CC-BY 4.0 Luiza Puiu)

    Hackathon = hacken + Marathon
    Ein Hackathon ist ein offenes Veranstaltungsformat, bei dem die TeilnehmerInnen für einen begrenzten Zeitrahmen (ein Nachmittag, ein Tag, ein Wochenende, …) zusammenkommen, sich austauschen und zusammenarbeiten, um ein kniffliges Problem zu lösen, sprich: zu hacken.

    Gesellschaftlicher Anspruch: Nicht nur Programmieren lernen, sondern die Welt verbessern. Hackathons bieten die Möglichkeit, bei den TeilnehmerInnen ein Bewusstsein für gesellschaftliche Zusammenhänge zu schaffen. Wichtig sind dabei gemeinsames Arbeiten in einer geschützten, freundschaftlichen Atmosphäre und die bunte Vielfalt einer durchmischten TeilnehmerInnengruppe.

    AnsprechpartnerIn 5) Open Knowledge Österreich

    Open Knowledge Österreich setzt sich für offenes Wissen ein und bietet Expertise im Bereich Open Data und Hackathons.

    Der Verein Open Knowledge Österreich bietet mit dem Young Coders Festival (Jugendliche experimentieren für ein Wochenende mit offenen Daten) und Jugend hackt (ein ganzjähriges Community-Programm) Beispiele für solche Programme.

    Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig: Es gibt zahlreiche engagierte Initiativen, Vereine und Projekte, die sich mit dem Thema Open Data in Österreich beschäftigen und seit Jahren großartiges leisten. Doch wir denken auch, dass es noch viel mehr Potential für Open Data in Österreich gibt.

    Fest steht: Mit dem digitalen Wandel sind wir gezwungen, unsere Gesellschaft umzukrempeln. Openness ist die Methode, die uns diesen Wandel nachhaltig, transparent und für alle zugänglich ermöglicht. Dazu brauchen wir Unterstützung auf politischer Ebene genauso wie aus der Forschung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – engagierte Menschen, die sich für eine bessere Zukunft einsetzen.

     

    Bio:
    Robert Harm ist Mitbegründer des Netzwerkes open3.at zur Förderung von Open Society, Open Government und Open Data in Österreich.

    Johann Höchtl arbeitet am Zentrum für E-Governance der Donau-Universität Krems und beschäftigt sich mit den Chancen und Herausforderungen von Technologieeinsatz für Gesellschaft und Verwaltung. Offene und große Daten sind ihm ein besonderes Anliegen.

    Sonja Fischbauer arbeitet selbstständig im Bereich Online-Kommunikation. Sie entwickelt Outreach-Strategien für Unternehmen und Forschungsprojekte und organisiert Hackathons. Bei Open Knowledge Austria engagiert sie sich für eine offene Wissensgesellschaft.

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    Wie unterscheide ich wahr von falsch? – Dossier 3, Beitrag #3

    Falsche Accounts von Politiker_innen und Prominenten, gefälschte Krisenpropaganda, manipulierte Bilder oder frei erfundene Meldungen machen im Netz immer wieder die Runde. Wie man Fakes und Hoaxes – Falsch- und Scherzmeldungen – erkennt.

    Das Jahr 2016 war kein gutes für die Wahrheit. Egal, ob in der Brexit-Diskussion oder in den Präsidentschaftswahlkämpfen in Österreich und den USA: Noch nie gab es ein so hohes Maß an Falschinformation. Und das in allen Schattierungen: Von der mehr oder weniger klar erkennbaren Satire, über dramatisierte, um Klicks buhlende Clickbait-Überschriften, irreführende, weil bewusst unvollständige Informationen, über Bildfälschungen, Lügen bis hin zur frei erfundenen Meldung war alles dabei. Bot-Accounts – automatisiert betriebene Präsenzen in z.B. Facebook oder Twitter haben diesen Inhalten zu noch größerer Reichweite verholfen.

    Besonders besorgniserregend: Es gibt inzwischen eine Reihe von Leuten, die Fake-News zum Geschäftsmodell erkoren haben, weil sie durch die vielen Klicks viel Geld mit Anzeigen verdienen können. Leider gab es auch immer wieder Fälle, in denen professionelle Journalisten auf solche Falschmeldungen hereingefallen sind. Vor diesem Hintergrund gilt für Journalismus im Netz mehr denn je der alte Grundsatz der Nachrichtenagentur United Press International: „It’s good to be first, but first you have to be right.“ Die journalistische Sorgfaltspflicht ist besonders wichtig, um nicht auf Fälschungen hereinzufallen. Bei Fälschungen geht es meistens entweder um falsche Identitäten und/oder um falsche Inhalte.

    Falsche oder irreführende Identitäten entdecken

    Im Netz, speziell auf sozialen Netzwerken, ist es ein Kinderspiel, sich als jemand auszugeben, der man nicht ist. Ein Foto ist schnell geklaut, der Nutzername auch, fertig ist der Fake-Account. Gerade bei prominenten Personen ist das häufig der Fall. So gibt es auf Twitter zig Angela Merkels, aber keine einzige davon ist die echte.
    Inzwischen haben Facebook und Twitter so genannte verifizierte Accounts eingeführt: An einem weißen Haken auf blauem Grund ist erkennbar, dass es sich tatsächlich um den Account der prominenten Person oder Institution handelt. Die Netzwerke haben in diesem Fall selbst die Identität überprüft. Wenn dieser weiße Haken fehlt, heißt das aber noch nicht automatisch, dass es sich um ein Fake-Profil handelt. Es gibt auch echte Profile, die eben noch nicht von den Betreibern der Social Networks verifiziert wurden. Manchmal kann eine einfache Google-Suche nach Berichten über einen Fake-Account schon helfen. Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten, Original und Kopie voneinander zu unterscheiden:

    • Der Nutzername kann ein erstes Indiz liefern: Wenn er erkennbar ironisch ist oder eine hohe Zahl wie „Angela Merkel 23“ hat, ist oft schon klar, dass hier ein „Spaßvogel“ am Werk ist.
    • Das gleiche gilt für unvorteilhafte Profilfotos. Die PR-Berater von Promis achten immer auf ansehnliche, gut inszenierte (Profil-)Fotos.
    • Die Selbstbeschreibung eines Profils lohnt einen Blick. Manchmal steht hier, dass es sich um einen Parodie-Account handelt. Manchmal klingt aber auch an dieser Stelle alles offiziell und täuschend echt.

    Selbst ein Website-Link entlarvt einen Fake-Account noch nicht eindeutig. Ein falscher Account kann ja immer noch den Link zur richtigen Website setzen. Hier lohnt der umgekehrte Check: Gibt es auf der Website von www.bundesregierung.de einen Link zum entsprechenden Social-Media-Profil? Aber selbst eine Website kann man fälschen. Falls es hier Zweifel gibt, lohnt eine „Who-Is“-Abfrage, d.h. Eine Auskunft, wer eine Website registriert hat. Für .at-Domains http://nic.at/ zuständig. Um zu erfahren, wie die Registrierungsstelle für Top Level Domains anderer Länder heißt, hilft der Who-Is-Service der Internet Assigned Numbers Authority (IANA) weiter. Für Top-Level-Domains, die keinerlei Rückschlüsse auf das Ursprungsland zulassen wie etwa .com, gibt es internationale Who-Is-Verzeichnisse wie www.whois.com/whois/.

    Ein weiteres Beispiel für Irreführung ist die Website bundespraesidentschaftswahl.at. Wer „Bundespräsidentenwahl Österreich“ googelt, bekommt die Seite als einen der ersten Treffer angezeigt. Auf den allerersten Blick wirkt die Seite offiziell mit Bildern der Hofburg, der rot-weiß-roten Fahne und sachlichen Begriffen in der Navigation wie „Bundespräsidentenwahl 2016“, „Briefwahl“, „Ergebnisse“, „Wahlrecht“ etc. Da könnte man meinen, auf einer Regierungs-Seite gelandet zu sein. Bei einem Blick auf den Vergleich der Wahlprogramme der beiden Kandidaten merkt man dann, dass FPÖ-Kandidat Hofer in positives Licht gerückt wird, während Alexander van der Bellen hier meist schlecht wegkommt („Drückeberger“ bei der Frage nach dem Grundwehrdienst). Im Impressum stößt man auf den Namen Robert Marschall und wer den googelt, findet heraus, dass es sich um den Obmann der EU-Austrittspartei handelt. Politisch steht er Norbert Hofer offensichtlich viel näher als Alexander van der Bellen. Hier liegt also die Vermutung nahe, dass er Hofer mit der Seite unterstützen will. Wenn man weiß, wer hinter einer Website steckt, kann man sich Gedanken über die Interessen machen, die der- oder diejenige mit der Seite bzw. einer bestimmten Meldung bezweckt.

    Vorsicht bei spektakulären Inhalten von unbekannten Absendern

    Es gibt natürlich auch Fälle, in denen nicht die Prominenz des Absenders im Mittelpunkt steht, sondern der Inhalt brisant oder interessant ist. Wie erkenne ich nun, ob der Absender eine vertrauenswürdige Quelle ist und die Inhalte stimmen? Auch hier lohnt ein Blick auf die Profilinformationen.
    Jede weitere Information über den Absender ist wertvoll:

    • Hat er eine eigene Website, ein Blog, Profile in sozialen Netzwerken?
    • Wer steht dort jeweils im Impressum?
    • Steckt eine Organisation oder eine Lobby dahinter? Wenn ja, welche?
    • Geben diese Präsenzen ein stimmiges Gesamtbild, sprich: Ist ein inhaltlicher Schwerpunkt und eventuell eine Expertise erkennbar?

    Wenn ein Post nach breaking news klingt, thematisch aber gar nichts mit dem sonstigen Schwerpunkten zu tun hat, ist Vorsicht geboten. Das gleiche gilt, wenn ein Profil sehr jung ist und gleich mit Insider-Informationen aufwartet. Hier liegt der Verdacht nahe, dass das Profil eigens geschaffen wurde, um Falschinformationen zu verbreiten.

    Aufschlussreich kann ein Blick auf die Gefolgschaft des Accounts im jeweiligen sozialen Netzwerk sein. Hat er sehr viele oder sehr wenige Follower? Noch wichtiger: Folgen ihm bekannte und verifizierte Accounts? Natürlich ist das keine Garantie, aber es ist doch unwahrscheinlich, dass gleich mehrere arrivierte Accounts einem unseriösen Account folgen.

    Besonders skeptisch sollte man auch sein, wenn der Inhalt zu gut oder zu spektakulär klingt, um wahr zu sein. Etwa die vermeintliche App „Rumblr“, mit der man sich angeblich zu einem Straßenkampf verabreden konnte. Im Zweifelsfall sollte man immer versuchen, Kontakt zum Urheber der fraglichen Information aufzunehmen. Wenn ein Anruf nicht möglich ist, weil sich keine Telefonnummer recherchieren lässt, sollte man den Urheber direkt im Netzwerk ansprechen oder eine Mail mit der Bitte um Kontaktaufnahme oder Übermittlung einer Telefonnummer schicken. Je nach Standort von Urheber und Journalist ist unter Umständen sogar eine persönliche Begegnung denkbar.

    Wenn jemand eine spektakuläre Information über eine bekannte Person oder Institution verbreitet, ist es am besten, bei dieser Person oder Institution direkt nachzufragen, ob die Information zutrifft. Falls das alles nichts fruchtet, gilt: Lieber die Finger davon lassen und nicht darüber berichten. Es bringt nichts, eine unbestätigte Information mit dem Hinweis, dass sie eben noch nicht verifiziert werden konnte, weiter zu kolportieren. Zu groß ist die Gefahr, dass ein Großteil der Leser_innen den Inhalt eben doch für bare Münze nimmt. Der journalistischen Glaubwürdigkeit erweist man damit einen Bärendienst.

    Auch bei Bildern ist Vorsicht geboten. Gerade weil ihnen noch immer Beweiskraft zugesprochen wird. Dabei sind Bildern sehr leicht zu manipulieren. Oder aber Bilder werden nicht manipuliert, aber in einem vollkommen fremden Kontext verwendet, oft mit der Absicht, sie für eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Hier kann eine umgekehrte Bildersuche („Reverse Image Search“) Wunder wirken: Dazu lädt man auf Seiten wie tineye.com ein Bild hoch (oder gibt nur die URL des Bildes ein) und sortiert nach Datum. Oft wird so klar, dass ein Bild schon viel älter ist als behauptet wird, also nicht wirklich was mit dem kolportierten Ereignis zu tun hat. Auch Metadaten von Bildern können sehr aufschlussreich sein.

    Als Gegenbewegung zu den vielen Halb- oder Unwahrheiten haben sich eine Reihe von Fact-Checking-Seiten gebildet: politifact.com untersucht in den USA seit Jahren Politiker-Statements auf ihren Wahrheitsgehalt. hoaxmap.org dokumentiert in Deutschland Falschmeldungen und Gerüchte über Asylbewerber. In Österreich hat sich in den vergangenen Jahren vor allem mimikama.at einen Namen unter den Fact-Checking-Seiten gemacht. mimikama berichtet über aktuelle Fakes und macht diese Berichte über hoaxsearch.com durchsuchbar. Außerdem gibt die Seite Tipps, wie man Fake-News erkennt und gibt diese Tipps auch in Webinaren weiter. Eine große Rolle bei der Verbreitung der Aufklärung über jede Form von Internetmissbrauch spielen die Social-Media-Kanäle, speziell Facebook. Dort ist Mimikama unter dem Namen „Zuerst denken, dann klicken“ aktiv und hat mehr als 660.000 Follower. Für seine unermüdliche Aufklärungsarbeit war Mimikama 2016 für den klicksafe Preis des deutschen Grimme-Instituts nominiert.

    Politik sorgt sich um Qualität der Debattenkultur

    Auf dem Feld der Wahrheitsfindung gibt es also viel zu tun. Ein Ansatz ist Prävention durch Wissen. Während in Deutschland gerade wieder die Diskussion hochkocht, ob Medienkompetenz ein eigenes Schulfach werden soll oder es als Querschnittsthema in verschiedenen Fächern stärker beleuchtet werden soll, ist Österreich hier schon weiter. Seit 2012 gibt es einen Grundsatzerlass zum Unterrichtsprinzip Medienerziehung. Medienkompetenz taucht auch in Lehrplänen von Grundschule, Mittelschule und allgemein bildenden höheren Schulen auf.

    Die Schwemme von Fake-News auf Facebook hat dazu geführt, dass Spitzenpolitiker Facebook zum Gegensteuern aufrufen. Bundeskanzler Kern bemängelte jüngst die fehlende inhaltliche Verantwortung Facebooks für „Manipulationsmöglichkeiten und politischen Einfluss“. Neben Falschinformationen sieht er auch Beleidigungen als großes Problem und fordert einen EU-weiten Regulierungsrahmen für Facebook, aber auch für Google.

    Ohne Facebook und Google namentlich zu erwähnen, hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Medientagen München 2016 mehr Transparenz für Algorithmen gefordert: „Ich persönlich bin dabei auch der Meinung, dass Algorithmen transparenter sein müssen, sodass interessierten Bürgern auch bewusst ist, was eigentlich mit ihrem Medienverhalten und dem anderer passiert.“ Hintergrund ist die gesellschaftliche Debattenkultur: Speziell der Facebook-Algorithmus bevorzugt Inhalte, die oft geteilt, geliked und kommentiert werden. Besonders häufig ist das bei emotionalisierten und dramatisierten Inhalten der Fall. Und beim Emotionalisieren und Dramatisieren bleibt von der Wahrheit oft nicht mehr viel übrig. Oder noch schlimmer: Frei erfundene Inhalte mit sensationsheischender Überschrift werden viral und verbreiten sich ähnlich einem Krankheitserreger. Facebook-Chef Mark Zuckerberg will keine Verantwortung übernehmen. Er hat nach der US-Wahl die Unterstellung, dass Falschmeldungen auf Facebook „die Wahl in irgendeiner Weise beeinflusst“ hätten, als „ziemlich verrückt“ zurückgewiesen. Der Politik hat auf diesem Feld also nur einen begrenzten Einfluss. Um so wichtiger ist für alle Netznutzer_innen die Kompetenz, arg zugespitzte Inhalte auf ihren wahren Kern hin zu beleuchten. Und zwar bevor man auf den Teilen-Button geklickt hat. Wie formuliert es Mimikama so schön: Zuerst denken, dann klicken.

     

    Autor
    Bernd Oswald ist freier Medienjournalist, Trainer und Trendscout im digitalen Journalismus. Er interessiert sich für die Weiterentwicklung des Journalismus an der Schnittstelle zwischen Redaktion, Programmierung und Design. Deswegen hat er Hacks/Hackers München mitgegründet, wo Journalisten, Programmierer und Designer neue Formate diskutieren und konzipieren. Zu diesen Themen twittert er als @berndoswald und bloggt zudem auf www.journalisten-training.de. Eine Auswahl seiner Arbeitsproben präsentiert er auf seinem Torial-Profil.

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    Die Gefahren durch Social Bots – Dossier 3, Beitrag #2

    Social Bots stellen durch die Einflüsse, die sie bewirken können, eine Gefahr für die Demokratie dar. Was genau sind Social Bots? Welche konkreten Gefahren können von ihnen ausgehen, auch für Österreich? Und was kann dagegen unternommen werden?

    Was sind Social Bots?

    Ein Bot (von Robot) ist ein Computerprogramm, dass je nach Vorgabe seines Programmierers bestimmte, sich wiederholende Aufgaben erledigt. Mit dem Zusatz Social werden Bots bezeichnet, die in vorzugsweise sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram agieren. Sie versuchen meist, ihre Identität zu verschleiern, wollen weitestgehend menschlich erscheinen, wie echte Nutzer.
    Dabei ist der Grundgedanke hinter Social Bots vollkommen harmlos und legitim: Sie sind sehr hilfreich, wenn es beispielsweise darum geht, mit vielen Nutzern sozialer Netzwerke in kurzer Zeit zu interagieren, spezifisch nach der gewünschten Zielgruppe Beiträge zu erstellen oder Follower regelmäßig auf neue Publikationen hinzuweisen. So haben zum Beispiel die Blogger von netzpolitik.org einen Social Bot programmiert, der regelmäßig prüft, ob auf der eigenen Website ein neuer Beitrag veröffentlicht wurde. Der Bot postet anschließend jeden Beitrag automatisch auf Twitter. Er nimmt also potenzielle Arbeit ab.

    Es ist sehr einfach, einen Social Bot zu erstellen. Für Twitter benötigt man einen Nutzeraccount, einen Zugang zur automatisierten Schnittstelle (API) des sozialen Netzwerks und ein Programm, das in der Lage ist, einen Account automatisiert steuern zu lassen. Außerdem gibt es zahlreiche Anleitungen im Internet, die auch für Laien das Programmieren von Bots so einfach wie möglich gestalten sollen.

    Welche Gefahren können von Social Bots ausgehen?

    Bedenklich wird der Einsatz von Social Bots, wenn sie zur automatisierten Propaganda missbraucht werden. Schließlich ist es möglich, mit einem einzigen Computerprogramm mehrere hundert oder sogar tausend Fake-Accounts für Twitter zu steuern. Das richtige Tool dafür kostet ca. 200 $, die nötigen Accounts sind ebenfalls online erhältlich.

    Für 80 $ kann man sich 1.000 Twitter-Profile kaufen, für 20 $ mehr sogar jeweils mit Profilbild- und -beschreibung, damit sie möglichst menschlich wirken und als Fake Accounts nicht so schnell auffliegen.

    Der Politologe Simon Hegelich geht in einer Studie der Konrad Adenauer Stiftung davon aus, dass Social Bots vor der Brexit-Abstimmung in Großbritannien und während der Krim-Annexion mitten im Ukrainekonflikt mitgemischt und erheblichen Einfluss auf Debatten ausgeübt haben. Dabei merkt er an, dass die künstliche Intelligenz, die sich hinter den Bots verbirgt, immer komplexer und schlauer wird. Vereinzelt können Social Bots wie echte, menschliche Nutzer erscheinen, indem sie einen Tag-Nacht-Rhythmus vortäuschen, viele Follower aufweisen, überwiegend Beiträge zu eher nebensächlichen Themen veröffentlichen und sogar mit Menschen im Chat kommunizieren können. Gleichzeitig aber, am Beispiel des Ukrainekonflikts zu sehen, gemischt mit politisch-rechten Inhalten.

    Social Bots sind dabei eine große gesellschaftliche Gefahr, denn durch die Möglichkeit, mit einem einzigen Computerprogramm mehrere tausend Bots zu kontrollieren, können gesellschaftliche Meinungen beeinflusst werden. Durch Likes und Retweets (die maßgeblichen Kenngrößen für Erfolg und Reichweite auf Twitter) können die sogenannten „Trending Topics“, also die Ranglisten mit den Begriffen, die in dem sozialen Netzwerk aktuell am häufigsten Verwendung finden, beeinflusst werden.

    So wurden auch während des letzten US-Wahlkampfs Social Bots eingesetzt, die meisten schätzungsweise aus dem Trump-Lager. Als die erste TV-Debatte zwischen Hilary Clinton und Donald Trump vorbei war, stieg der Hashtag #Trumpwon („Trump hat gewonnen“) schnell in den Trending Topics bei Twitter auf, während viele Zuschauer und vor allem die Presse Trump als deutlichen Verlierer der Debatte einstufte. So wurde in dem sozialen Netzwerk das gesellschaftliche Bild deutlich verzerrt. Wer die Debatte nicht sah und nur einen Blick auf den Twitter-Trend warf, war vermutlich der Ansicht, Trump wäre aus der TV-Debatte als deutlicher Sieger hervorgegangen.
    Eine kurz vor der Wahl veröffentlichte Studie von Alessandro Bessi und Emilio Ferrara der University of Southern California gab Schätzungen ab, dass während des Wahlkampfs knapp 400.000 Bots auf Twitter mitgemischt haben. Sie veröffentlichten 3,8 Millionen Tweets, wobei ungefähr 75% von ihnen für Donald Trump twitterten und nur 25% für Hilary Clinton. Eine weitere Studie von Bence Kollanyi, Phillip N.Howard und Samuel C. Woodley, die knapp 10 Tage nach der Präsidentschaftswahl 2016 erschien, stellt außerdem fest: Social Bots aus dem Trump-Lager waren besonders aktiv zu strategisch wichtigen Ereignissen, beispielsweise während und nach den jeweiligen TV-Debatten und kurz vor der eigentlichen Wahl am 8. November.

    Das gefährliche dabei: Durch das Verfälschen oder Verstärken von Trends lassen sich viele Menschen indirekt beeinflussen. Oft schließen sie sich der Meinung an, die tendenziell die meiste Zustimmung erhält. Deshalb ist es in Österreich beispielsweise verboten, erste Auszählungen und Wahlprognosen am Tag der Nationalratswahl vor Schließung der Wahllokale zu veröffentlichen, damit die Wahlergebnisse nicht durch psychologische Faktoren beeinflusst werden können. Dass im Falle von Social Bots viele natürlich nicht erkennen, dass es sich bei ihnen gar nicht um die Meinung echter Menschen handelt, macht die Sachlage umso gefährlicher. Während der Brexit-Debatte konnte festgestellt werden, dass Tweets mit dem Hashtag #Brexit häufig von Bots stammten. Ein Großteil davon wurde dem konservativen Lager zugeschrieben, das für einen Austritt aus der Europäischen Union war. Social Media-Trends fließen außerdem in wirtschaftliche und politische Entscheidungsprozesse ein. Durch die Analyse von vermeintlich präsenten Meinungen in sozialen Netzwerken passen Unternehmen ihre Marketingstrategien und Politiker ihre Programme an. So können Social Bots zu einer Gefahr für die Gesellschaft und schließlich auch für die Demokratie werden.

    Propaganda-Roboter auch in Österreich?

    Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass Social Bots zu Propagandazwecken in Österreich eingesetzt werden. Doch auch hier besteht potenziell die Gefahr, dass gesellschaftliche Debatten gezielt beeinflusst werden können. So kann die aktuelle Flüchtlingsdebatte und die gesellschaftliche Meinung dazu in gewissen Maßen gelenkt werden, wenn Social Bots zum Beispiel in großem Umfang den Hashtag #refugeesnotwelcome („Flüchtlinge nicht willkommen“) auf Twitter benutzen, während die österreichische Gesellschaft doch eher zu einer offenen Willkommenskultur tendiert. Auch hier würde gelten: Der Eindruck, der durch die verfälschten Trends in sozialen Medien entstehen kann, ist gefährlich für Politik, Medien und Gesellschaft.

    Was kann gegen den Einfluss unternommen werden?

    Social Bots werden nicht mehr verschwinden. Algorithmen und künstliche Intelligenzen sind Teil der Gesellschaft und gehen mit der digitalen Transformation einher. Den Betreibern sozialer Netzwerke gelingt es außerdem bisher nicht, alle unerwünschten Bots von ihren Plattformen zu verbannen.

    Die Methoden der Erkennung von Propaganda-Robotern in sozialen Medien, beispielsweise durch spezielle Tools  für die Nutzer, werden stetig optimiert und besser. Doch gleichzeitig wird auch die Programmierung von Propaganda-Robotern intelligenter und komplexer. Es gilt: Je menschlicher ein Social Bot agiert und sich verhält, desto schwieriger wird es, ihn als einen solchen zu erkennen.
    Schon jetzt ist es nahezu unmöglich, alle Bots, die sich in sozialen Netzwerken tummeln, zu identifizieren. Über die Anzahl gibt es höchstens Schätzungen. Viel schwieriger ist es überdies, die Drahtzieher hinter den Kulissen auszumachen. Niemand weiß, wer die Bots steuert, die etwa für Donald Trump Propaganda machen. Und auch der tatsächliche Einfluss, der sogenannte „Bot-Effekt“ (Simon Hegelich), den Social Bots auf die gesellschaftliche Meinung haben, ist empirisch nicht nachvollziehbar oder gar messbar.

    Wichtig ist daher vor allem, dass politische Akteure und Internetnutzer der potenziellen Gefahren durch das mögliche Verfälschen von Social Media-Trends sensibilisiert sind und einen verantwortungsvollen und aufgeklärten Umgang mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz vermitteln. Auch sollte klar sein, dass quantitative Parameter wie „gefällt-mir-Angaben“ auf Facebook, Retweets, die Anzahl an Followern und Erwähnungen von Schlüsselwörtern auf Twitter keine Maßeinheiten für Qualität und gesellschaftliche Meinungstendenzen sind. Social Bots sind in sozialen Netzwerken allgegenwärtig. Ein Verantwortungsvoller und kritischer Umgang mit neuen Medien und Informationen im Internet, vor allem in sozialen Netzwerken, ist daher unerlässlich.

    Bilder:
    – Twitter Trends: Screenshot twitter.de
    – Fake-Profile kaufen: Screenshot http://www.buysocialaccountz.com/twitter-accounts
    – Twitter Tool: Screenshot: http://monstersocial.net

     

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    Hass im Netz: Ein Interview mit Ingrid Brodnig – Dossier 3, Beitrag #1

     

    Das Thema Hasspostings kam in den letzten Jahren in aller Munde. Aber wer schreibt sie? Woher kommt das? Und was kann man dagegen tun? Das versuchen wir im Gespräch mit Ingrid Brodnig herauszufinden.

    Ingrid beschäftigt sich als Journalistin mit dem Thema schon seit Jahren. Im April erschien ihr Buch „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“ (Brandstätter-Verlag). In unserem etwa halbstündigen Interview haben wir über Trolle, Glaubenskrieger, die österreichische Rechtslage und ein paar Maßnahmen gesprochen, wie wir das Netz für uns alle wieder etwas schöner machen können.

    Es folgt eine gekürzte Version des Gesprächs. Im Podcast gehen wir mit Ingrid oft weiter ins Detail.

    Tom: Wie äußert sich Hass im Netz?

    Ingrid: Das kommt darauf an, wann man etwas als Hass bezeichnet. Ich spreche vor allem dann von Hass, wenn es ins strafrechtlich Relevante geht: Verhetzung und Drohungen. Darüber hinaus erleben wir auch sehr viel Wut und eine Tendenz, dass online eine Debatte sehr schnell entgleist. Wir sehen ein ständiges Scheitern der menschlichen Kommunikation. Es ist unglaublich schwierig, sachlich zu diskutieren. Das ist vielleicht die größere Problematik.

    Ist das im Web wirklich schlimmer und warum?

    Das ist tatsächlich so. Man kann eine Enthemmung feststellen. Menschen sind ruppiger und aggressiver. Die Enthemmung kann auch positiv sein. Schüchterne Menschen fassen etwa mehr Selbstvertrauen. Die negative Facette ist ein Ausleben von Wut, ein Ausleben dunkler Gefühle. Das liegt daran, dass die Face-to-Face-Kommunikation anders als die schriftliche online funktioniert. Die Anonymität ist ein Faktor, kann das aber nicht allein erklären. Ein anderer wichtiger Faktor ist die Unsichtbarkeit, die ich für immens bedeutend halte. Man sieht sein Gegenüber nicht. Da kann man ruppig sein, ohne die emotionalen Konsequenzen sehen zu müssen.

    Man muss also nicht miterleben, was die eigenen Worte genau anrichten.

    Genau. Augenkontakt ist immens empathiefördernd. Das funktioniert sogar über Webcams. Aber von dieser Unsichtbarkeit werden wir nicht so bald wegkommen.

    Du unterscheidest zwischen Trollen und Glaubenskriegern?

    Genau. Neben der allgemeinen Enthemmung gibt es spezielle Gruppen. Die sind für sehr viel Leid im Internet verantwortlich. Sie sind in ihrer Motivation aber sehr unterschiedlich. Der Troll etwa. Im Web wird der Begriff zu inflationär eingesetzt. Da wird oft jeder als Troll bezeichnet, der eine andere Meinung hat. Der Troll ist eigentlich ein Provokateur, den die Schadenfreude antreibt, der negative Emotionen auslösen und Menschen in Streitigkeiten bringen will. Dadurch fühlt er sich intellektuell erhaben. Trolle leiden überdurchschnittlich oft an Sadismus. Sie sind auch oft persönlich nicht besonders politisch und machen sich über Leute, die überzeugt von etwas sind, sogar eher lustig.

    Und die andere Gruppe?

    Die Glaubenskrieger sind ganz anders. Den Begriff habe ich gewählt, um die Nutzer zu beschreiben, die total von einer Sache eingenommen sind. Sie versuchen ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer, ihre Weltsicht durchzubringen. Auch mit martialischen Mitteln: Falschmeldungen, Beleidigungen, Drohungen. Oft gibt es Verschwörungstheorien, die Bedrohungen in den Raum stellen. Glaubenskrieger halten das für echt, deshalb ist es plötzlich angemessen, jedes Mittel zu ergreifen um darauf hinzuweisen. Nachdem Falschmeldungen richtiggestellt werden, liest man von ihnen zum Beispiel oft den Satz „Aber es hätte auch wahr sein können“. Da geht es nur noch darum, dass etwas gefühlt wahr sein könnte und dadurch gibt es eine große Gleichgültigkeit gegenüber beweisbaren Fakten. Und auch eine besondere Aggression gegenüber Andersdenkenden, die schnell verunglimpft werden.

    Es wird dann keine Quelle mehr akzeptiert, die etwas Abweichendes behaupten könnte. Die Tendenz haben wir bei manchen Themen aber alle, oder?

    Ja. Aber es gibt Medienkonsum- und allgemeine Verhaltensformen, die einem helfen können, nicht zu einem harten Glaubenskrieger zu werden. Der Kontakt mit Andersdenkenden und Quellen, die nicht hundertprozentig dem eigenen Weltbild entsprechen, ist etwa sehr wichtig. Menschen, die etwa im Beruf viel mit Andersdenkenden konfrontiert sind, sind Studien zufolge auch besser informiert. Kann man mit anderen nicht mehr sachlich diskutieren, sitzt man selbst viel öfter Falschmeldungen auf. Intellektuell im Gespräch bleiben und Medien lesen, die etwas anders denken – mit solchen „Tricks“ kann man sich etwas davor schützen, es sich zu leicht zu machen.

    Welche Rolle spielt da Facebook mit seinen Algorithmen?

    Wir wissen es nicht. Facebook gibt unabhängigen Wissenschaftlern keinen Zugang zu den nötigen Daten. Eine aus wissenschaftlicher Hinsicht zutiefst umstrittene Studie zur Filterblase haben Facebook-Mitarbeiter selbst durchgeführt. Die wurde dann so dargestellt, als wäre der Effekt sehr klein. Aber selbst in dieser Studie gab es einen messbaren Unterschied zwischen liberalen und konservativen Nutzern. Das Problem ist eine Mischung aus Mensch und Maschine. Wir Menschen haben uns natürlich schon immer mit Nachrichten versorgt, die unser Weltbild bestätigen. Früher gab es Parteizeitungen. Aber auf Facebook geht das noch viel weiter ins Detail.

    Was gibt es für einen politischen Handlungsbedarf bei Hass im Netz?

    Wir haben im deutschsprachigen Raum eigentlich recht gut Gesetze. Da besteht nur zum Teil rechtlicher Nachbesserungsbedarf. Einer wäre, dass bedrohliche Kommentare derzeit keine gefährliche Drohung nach juristischer Definition sind. Etwa wenn jemand schreibt: „Du solltest dich nicht wundern, wenn du eines Nachts überfallen und vergewaltigt wirst“. Das ist juristisch nicht konkret genug, für das Opfer ist das aber vergleichbar. Wenn etwas kein Offizialdelikt ist – also etwa auch Beleidigungen – hat die Staatsanwaltschaft aber keine Handhabe, kann deshalb auch nicht aktiv werden und Täter ausforschen.

    Was würdest du jemandem raten, wenn er im Web schwer beleidigt oder bedroht wird?

    Auf jeden Fall alles dokumentieren. Viele Betroffene erzählen mir, dass sie im ersten Schock alles gelöscht haben. Dann kann man es nicht vor Gericht bringen und weiß auch nicht, wer der User war. Wenn man sich wirklich bedroht fühlt, dann sollte man es auch wirklich anzeigen. Viele Menschen glauben, das hat keine Chance. Aber es gibt eine. Und je mehr angezeigt wird, desto mehr wird auch durchgehen. Das Dritte ist: Nicht alleine bleiben. So etwas nagt an einem. Man sollte sich Verbündete suchen, auch Freunde auf Facebook darauf hinweisen.

    Das heißt, du würdest auch Leuten raten, einzuschreiten und etwas zu schreiben, wenn sie so etwas mitbekommen?

    Viele Betroffene sagen, Unterstützung hat sehr geholfen. Dadurch sieht man, dass die Anfeinder komisch sind und nicht man selbst. Man muss nach seinem Einschreiten dann auch nicht ewig mit aggressiven Usern herumdiskutieren. Es gibt kein Recht auf eine Antwort auf einen Kommentar. Und man kann natürlich auch einschreiten, wenn man inhaltlich mit der betroffenen Person nicht übereinstimmt.

    Bio: Das Gespräch führte Tom Schaffer. Tom ist freier Journalist und Medienmacher mit einer Leidenschaft für sachliche Diskussionen. Er betreibt unter zurpolitik.com, ballverliebt.eu und rebell.at Blogs und Podcasts zu den Themen Politik & Medien, Fußball sowie Games & Technologie.

    Podcast-Musik: Sidewalk Shade – slower von Kevin MacLeod (http://incompetech.com), Creative Commons: By Attribution 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/ )

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