9. April 2015

Lernen darf Spaß machen – Dossier #9 von

„Wenn alles schläft und einer spricht, den Zustand nennt man Unterricht.“ – Die meisten kennen diesen Spruch. Er drückt ein Gefühl aus, das Schülerinnen und Schüler seit vielen Generationen verspüren. Frontalunterricht langweilt aber nicht nur diejenigen, die ihn mehr oder weniger schlafend „genießen“, sondern auch diejenigen, die Jahr für Jahr dieselben Inhalte vortragen müssen.  Das Erlernen von Stoff kann auch anders erfolgen und es kann vor allem auch Spaß machen.

Es geht auch anders: Flipping the Classroom

Die Digitalisierung bietet eine sehr einfache Möglichkeit, diese Situation zu ändern. Der Frontalunterricht wird auf Online-Tools ausgelagert, der Unterricht wird dazu genutzt, gemeinsam Aufgaben zu lösen und die Pädagoginnen und Pädagogen können ihre Rolle als Coaches und Begleiter wahrnehmen. Das Gute an diesem Konzept der „Flipped Classrooms“: Es braucht keine Bildungsreform dafür. Es lässt sich in den bestehenden Schulbetrieb integrieren, indem Hausaufgaben und Schulunterricht getauscht werden. Schülerinnen und Schüler erlernen den Stoff online – zum Beispiel durch das Ansehen von Lehrvideos zu Hause – und nutzen die Zeit mit den Lehrenden dazu, ihn gemeinsam anzuwenden.

Im deutschsprachigen Raum wird diese Methode von Christian Spannagel, Professor für Mathematik und Mathematikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, propagiert. In diesem Video stellt er das Prinzip vor:

 Aufwändige Produktion

Margit Pollek, Koordinatorin des eLearning Clusters Wien und selbst Mathematiklehrerin an der HLW 10, wendet das Konzept in ihrem Unterricht an und hat schon viel positives Feedback dafür bekommen. Vor allem schwächere Schülerinnen und Schüler waren in der Lage, die in den Online-Videos gestellten Aufgaben zu lösen. Der Hauptgrund für diese Erfolgserlebnisse liegt schlichtweg darin, dass sie „Nachhilfelehrer immer bei sich“ haben. Die Produktion von Lernvideos ist allerdings recht aufwändig. Pollek verwendet PowerPoint-Präsentationen als Basis und reichert diese mit gesprochenen Erklärungen und handschriftlichen Einträgen an. Dafür gibt es ein Plugin von Microsoft, mit dem die multimediale Präsentation als Video abgespeichert werden kann. Publiziert wird es dann auf der Plattform Office Mix  als „offener“ Content, im Sinne der freier Bildungsressourcen (OER). Das ist noch immer viel Aufwand, aber auf solchen Plattformen können sich Communities von Lehrenden bilden, die die Inhalte auch für ihre Schülerinnen und Schüler nutzen und ggf. adaptieren können. Bisher war das Problem mit E-Learning-Contents, dass die unabhängige Evaluation und die finanziellen Mittel für die professionelle Herstellung fehlten. Dem lässt sich mit OER und der gegenseitigen Unterstützung bei der Produktion der Inhalte entgegenwirken. Die positiven Erfahrungen, die Margit Pollek, ihr Oberösterreichischer Kollege Kurt Söser, wie auch der Salzburger Englischlehrer Walter Steinkellner mit „Flipped Classrooms“ gesammelt haben, sprechen aus ihrer Sicht dafür, den Ansatz vor allem für die Vermittlung von Basiswissen in den Oberstufen weiterzuverfolgen. Für Jüngere ist diese Art des eigenständigen Erarbeitens von Inhalten weniger geeignet. Pollek bringt noch ein weiteres Argument: „vergessene“ Hausuagaben sollte es nicht mehr geben. Fast alle Schülerinnen und Schüler hätten ein Smartphone und könnten die Videos auf dem Weg zur Schule sehen.

Game-based learning: Alt, aber digital noch besser

Was heutzutage unter dem Namen Gamification als neuer Trend in der Wissensvermittlung vermarktet wird, ist bei genauer Betrachtung ein alter, aber bewährter Hut. Wohl die meisten Eltern der so genannten Digital Natives haben als Kinder Aufgaben mit LÜK-Kästen gelöst und die Erfolgserlebnisse genossen, die nach dem Umdrehen der Plastikkärtchen in Form symmetrischer Muster vor ihnen gelegen sind. Heute bietet der Hersteller auch Smartphone-Apps an, bei denen das Prinzip „Lernen-Üben-Kontrollieren“ digitalisiert wurde. Dass wir besser und motivierter lernen, wenn das Lernen in spielerischer Form erfolgt und in Geschichten verpackt ist, gilt schon lange als Common Sense. Es reicht eben nicht, Lernende Punkte oder Badges sammeln zu lassen. Sich mit anderen messen zu können, mag besonders Ehrgeizigen als Motivation reichen, sich mit neuen, oftmals schwer verdaulichen, Inhalten auseinanderzusetzen. Die meisten durchschauen aber den Versuch, Brokkoli mit etwas Schokoladeglasur schmackhafter zu machen, wie Jörg Hofstätter es ausdrückt. Hofstätter entwickelt mit seiner Agentur ovos digitale Anwendungen, die das zu vermittelnde Wissen insgesamt schmackhafter machen wollen. „Ludwig“ etwa verpackt den Physiklernstoff der Unterstufe in ein Videospiel. Spielerinnen und Spieler ab 11 Jahren erforschen physikalische Phänomene und führen den Roboter Ludwig durch vier verschiedene Themenwelten (Energie durch Verbrennung, Wasserkraft, Sonnenenergie und Windkraft). Sie wenden das gewonnene Wissen gleich an, um gemeinsam mit Ludwig Abenteuer zu bestehen. „Ludwig“ wird als offizielles Unterrichtsmittel an mehr als 500 österreichischen Schulen eingesetzt. Und es ist ein wahrer Exportschlager: Mittlerweile gibt es das Spiel in zahlreichen Sprachen. „Cure Runners“ widmet sich dem schwierigen Thema Finanzkompetenz. Die Initiative Three Coins hat dieses Jump’n’run-Game gemeinsam mit ovos realisiert, um diese jungen Menschen zu vermitteln, ohne dass es nach Brokkoli schmeckt.

Schluss mit Schlafen!

Während die einen lautstark eine umfassende Bildungsreform fordern, die junge Menschen perfekt auf das Leben im Internetzeitalter vorbereiten, arbeiten andere in bestehenden Strukturen mit neuen Methoden, die genau darauf abzielen. Es braucht wohl beides: Die Reform wird nicht stattfinden, wenn wir nicht laufend neue Instrumente erproben, die durch das Internet möglich werden.

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