30. November 2015

Digitales Arbeiten in Österreich – Coworking / #Dossier_Arbeitswelt #3 von

Teaser_Dossier_Arbeitswelt_3

Die Digitalisierung hat die Arbeitswelt in vielen Bereichen verändert. Neben neuen Arbeitsweisen und Arbeitsfeldern hat sich auch der Arbeitsplatz an sich stark weiterentwickelt: Das Büro, für die meisten ArbeitnehmerInnen ein fixer, unverrückbarer Ort, ist ebenfalls Veränderungen unterworfen: Die Flexibilität des Arbeitens führt zu einer Flexibilisierung des Arbeitsplatzes. Eine dieser Entwicklungen: Coworking. Das Miteinander bzw. Nebeneinander beim Arbeiten hat eine eigene Dynamik und viele erfolgreiche Unternehmen und Startups hervorgebracht.

Doch was macht Coworking für Selbstständige und JungunternehmerInnen so attraktiv? Und wie wird sich der Trend weiterentwickeln?

Coworking in Österreich

Der Trend des Coworkings kommt aus den USA: Im Silicon Valley taten sich Personen aus der Kreativ- und Tech-Branche zusammen und nutzten gemeinsam Großraumbüros, um sich auszutauschen, neue Ideen zu entwickeln und dabei eine gemeinsame Infrastruktur zu nützen. Der Trend schwappte bald nach Europa und den deutschsprachigen Raum über: Egal ob im Betahaus in Berlin oder im sektor5 in Wien: Coworking Spaces haben sich als Dreh- und Angelpunkt der Startup- und GründerInnenszene etabliert. Deskwanted.com, ein globales Netzwerk von Gemeinschaftsbüros, führte 2013 eine Globale Erhebung der Coworking Spaces durch. Demnach gab es im Jahr 2013 bereits 2.500 derartiger Gemeinschaftsbüros weltweit, davon etwa 1.200 in Europa. Hier ist Deutschland mit 230 das Land mit den meisten Coworking Spaces. Es ist davon auszugehen, dass mittlerweile die Zahl der Coworking Spaces weiter angestiegen ist.

Für die heimischen Gemeinschaftsbüros führt die Junge Wirtschaft Österreich eine Liste der Coworking Spaces, die meisten davon befinden sich in Wien. Hier bezeichnet sich die Schraubenfabrik als „Mutter der Coworking Spaces“.

Die ideale Arbeitsumgebung

Warum wählen immer mehr Menschen das Gemeinschaftsbüro als ihren bevorzugten Arbeitsplatz? Dies hat sowohl praktische als auch psychologische Gründe.

Ein wichtiges Argument für die Nutzung eines Coworking Spaces ist der Kostenaspekt. Für etwa 250 Euro ist ein Arbeitsplatz monatlich zu haben, inkludiert sind in diesem Preis meist die Nutzung von WLAN, dem Drucker und der Besprechungsräumlichkeiten, also von Infrastruktur, die in Einzelbüros erst selbst angeschafft und gewartet werden muss. Das Abschließen von Verträgen (Internet, Strom, Heizung) bleibt den NutzerInnen ebenso erspart wie der Abschluss eines Mietvertrags. Die Nutzung bleibt durch Tages-, Wochen- oder Monatsnutzung flexibel, was vor allem für Projektarbeiten günstig ist. Eine derartig flexible Arbeitsumgebung kann ein geeignetes Umfeld in einer insgesamt flexiblen Arbeitsatmosphäre sein.

Eine wichtige Rolle spielen jedoch auch psychologische Argumente bei der Entscheidung, einen Coworking Space zu nutzen. Der Wiesbadener Coworking Space Heimathafen führten im Jahr 2013 eine Umfrage unter ihren CoworkerInnen durch und erfragten dabei die Gründe, sich für einen Coworking Space zu entscheiden. Das Ergebnis: Infrastruktur und Flexibilität wurden zwar als wichtig erachtet, weitaus mehr Zuspruch fanden aber psychologische Gründe wie Soziale Interaktion, Produktivität und Netzwerken. Denn vielen Menschen fällt es schwer, sich alleine im Home Office eine produktive und motivierende Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Der kommunikative Austausch, die gegenseitige Motivation und die vorhandene Hilfe durch (Fast-)KollegInnen verbessern das Arbeitsklima und schaffen eine Routine, die zum Arbeiten wichtig ist. Darüber hinaus lassen sich durch das Vorhandensein von Menschen in ähnlichen Branchen (die meisten Coworking-NutzerInnen kommen aus der Kommunikations- oder Tech-Branche) Netzwerke schaffen, die wiederum Ideen und Projekte entstehen lassen. Auf diese Weise sind eine Vielzahl an Unternehmen und Initiativen entstanden.

Erfolgsbeispiele

Eines der vielen Erfolgsbeispiele ist das Startup Codeship, das mittlerweile in Boston ansässig ist, seine Anfänge jedoch im Wiener Coworking Space sektor5 gemacht hat. Cofounder Florian Motlik nennt als Gründe für die Wahl eines Gemeinschaftsbüros die geringen Kosten, die fehlende Langzeitbindung und die mögliche Skalierung, da die MitarbeiterInnenzahl variierte und es einfach war, sich dementsprechend an die Gegebenheiten anzupassen.

Zwischen Home Office und Coworking

Doch nicht nur für Startup-GründerInnen und –MitarbeiterInnen sind Coworking Spaces attraktiv. Auch Selbstständige setzen häufig auf die produktive Arbeitsatmosphäre und den kommunikativen Austausch, wie zum Beispiel Reinhard Herok, der etwa zweimal wöchentlich seinen Arbeitsplatz in das Impact Hub Vienna verlegt: „Gerade für Tätigkeiten die Ruhe benötigen, ist ein „eigener“ Arbeitsplatz sehr, sehr wichtig. Warum kein eigenes Büro? Gute Frage, aber das Kostenargument steht im Vordergrund. Und die Kombination mit „Coworking“ und „Arbeitsplatz daheim“ ist für meine Anforderungen optimal.“

Arbeitsplatz Nr. 1 für alle?

Der kommunikative Austausch, die Flexibilität des Arbeitens und das inspirierende Umfeld sind Faktoren die darauf schließen lassen könnten, dass Coworking Spaces die produktivste Arbeitsumgebung sind. Doch wo stoßen Gemeinschaftsbüros an ihre Grenzen? Florian Motlik von Codeship erklärt: „Wenn man zu 100% seine eigene Kultur durchziehen will, funktioniert es im Coworking Space nicht mehr.“ Für neu gegründete Unternehmen kann es schwierig sein, eine eigene Kultur auszuleben bzw. zu entwickeln, da alle Aktivitäten im Rahmen und der Kultur des jeweiligen Gemeinschaftsbüros passieren.

Das Miteinander steht beim Arbeiten im Coworking Space im Vordergrund; das bedeutet auch, sich auf einen gewissen Lautstärkepegel einstellen zu müssen. Für viele potentielle NutzerInnen kommt daher die Arbeit in einem mitunter geräuschintensiven Großraumbüro nicht in Frage. Ein weiterer Aspekt sind die Öffnungszeiten, die nicht immer für Nachteulen oder FrühaufsteherInnen geeignet sind. Für einige Jungunternehmen kommt zudem irgendwann der Punkt, an dem ein eigenes Büro mehr Sinn macht. Florian Motlik: „Wenn man mehr als fünf Leute im Office hat, sind normale Coworking Spaces nicht mehr gut, weil man nicht mehr ordentlich arbeiten kann und Meetingräume zu wenig werden.“

Die Zukunft des Coworkings

Viele BetreiberInnen von Coworking Spaces fördern ganz bewusst die soziale Dynamik in ihren Räumlichkeiten und unterstützen sie durch Zusatzangebote wie regelmäßige Stammtische oder andere Events. Floor Drees vom sektor5 in Wien erzählt: „Wir haben eine Reihe von Developer-Meetups, Usergruppen und Startup-Wettbewerben, die von uns oder anderen Personen organisiert werden. Veranstaltungen sind eine großartige Möglichkeit, um neuen Menschen den sektor5 vorzustellen und erleichtern Menschen mit ähnlichen Interessen das Kennenlernen.“

Einen besonders familienfreundlichen Ansatz verfolgt Romy Sigl mit ihrem Coworking Space Salzburg, wo seit kurzem auch Kinderbetreuung angeboten wird, um Eltern den Balanceakt zwischen Arbeit und Kind zu erleichtern. In Berlin hat im vergangenen Jahr eine neue Dimension des Coworkings eröffnet: Die „Factory“ bietet neben 600 Arbeitsplätzen auch ein Fitnessstudio und einen Nap-Room zum Ausruhen an.

Bei der Vielzahl an existierenden Coworking Spaces sind solche Zusatzangebote wichtig, um sich für potentielle NutzerInnen attraktiv positionieren zu können. Impact-Hub-Nutzer Reinhard Herok ist davon überzeugt, dass eine solche Positionierung für die Coworking Spaces auch in Österreich notwendig sein wird: „Derzeit leben wir in einem Hype aus Start-Ups und Coworking. Das geht noch ganz gut, aber ob alle überleben werden, das ist echt zu bezweifeln. Coworking Plätze mit spannenden Programmen werden auch längerfristig ihren Platz finden. Coworking Anbieter, die nur einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen, werden es schwer haben.“

Interview mit Floor Drees (sektor5)

How did sektor5 start?
It started with Yves (Schulz, the founder of sektor5 GmbH) reading about The New Way of Work in an edition of the Spiegel. Featured in it were the guys behind Coffee Circle who left their well-paying consultancy jobs to do ’something meaningful‘. The Spiegel mentioned that the Coffee Circle, as well as other like-minded individuals and companies assembled in coworking spaces, like the Betahaus in Berlin. After looking at the website of the Betahaus Yves knew instantly that he wanted to set up such an open space for creative development in Vienna.

What advantages does a coworking space have compared to a classic office?
The main advantage is the community. In sektor5 you’re surrounded by other (freelance) professionals. They offer a support network when for instance a client doesn’t pay, exchange knowledge and business contacts over a coffee and on occasion team up to tackle a job.

What success stories (startups that were founded and grew in sektor5) are there?
Our alumni include Codeship, Blossom, MySugr and indoo.rs, just to name a few. Codeship started at sektor5 with the founding team of 4 and now employs 19 people, they raised 3.000.000 since their start in 2011. indoo.rs accelerated the pace with which they brought their product to market and grew their team from 2 to 5 (today they employ 23 professionals) with our help. indoo.rs – an indoor navigation solution – counts ÖBB, KLM and the San Francisco Airport to their customers.
Their success, in turn, has become part of our strength: providing a global network of companies and individuals for our startups to learn from and connect to.

There are quite a few coworking spaces in Vienna right now – is there still potential for growth, or has demand been satisfied?
There is indeed a number of coworking spaces and shared office spaces around, we’re lucky to count Das Packhaus, Rochuspark and the Schraubenfabrik to our partner network. The now existing coworking spaces have very different target groups. Where sektor5 offers very flexible packages to startups and focuses mostly on software and hardware, another coworking space might target ’social entrepreneurs‘ or marketing professionals.

You host quite a few events in sektor5. How important are these events for sektor5, and do you think they’re beneficial for your coworkers?
We are home to a large number of developer meetups, user groups, coding study groups, freelancer focused events and startup competitions, organized both by us and by 3rd parties. It’s a great way to introduce new people to sektor5 and to facilitate people to meet around a shared interest like a programming language. Some of the meetups are organized by our members, obviously frequented by our members and companies sitting at sektor5 have been able to source team members from the attendees of these events.

Where do you see the future for coworking spaces, both for sektor5 and in general?
The days of ‚desk dealing‘ are over, even if we still see an increase in our member base. In our 5 years of existence we have surpassed the coworking space state and evolved into an accelerator or incubator if you will. Our immediate goal is to formalize and expand the ways we help startups grow. I think this will become a common trend.

Quellen

2.500 Coworking Spaces weltweit (deskwanted)
Es war einmal … Die Geschichte von Coworking in Zahlen (deskmag)
Junge Wirtschaft Österreich
Heimathafen Wiesbaden
Ein Spielplatz für Gründer

 

Zur Werkzeugleiste springen