7. Dezember 2015

Veränderte Berufsbilder / #Dossier_Arbeitswelt #7 von

Teaser_Dossier_neutral

Der Einfluss einer digitalisierten Welt ist sowohl im Kleinen, als auch auf jeder darüber liegenden Ebene spürbar. Von der Arbeitsweise einer einzigen Person bis hin zu globalen Neustrukturierungen. Schritt für Schritt bemerken wir diese Entwicklung und müssen mit passenden Maßnahmen dazu beitragen, sie für uns alle sinnvoll zu nutzen. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung verführt dazu, alle paar Monate Lebens- und Arbeitskonzepte umzuwerfen und wieder von vorne zu beginnen. Allerdings tragen langfristige Betrachtungen dazu bei, auf ständige zeit- und kostenintensive Neukonzeptionierungen zu verzichten und bessere Strategien zu verfolgen, die zukunftsoffen sind und neuerlichen Veränderungen standhalten.

Nähern wir uns nun dem Bereich der sich verändernden Berufsbilder, gibt es einige prominente Szenarien. So hört man davon, dass in nicht allzu langer Zeit 50% der heute existierenden Jobs von Maschinen übernommen werden sein. Gleichzeitig aber auch, dass diese Lücke von neuen Jobs und Berufsbildern gefüllt werden wird. Es passiert aber auch etwas mit bestehenden Jobs, diese werden adaptiert und mit zusätzlichen Kompetenzen erweitert. Ebenso die Thematik der schwindenden Mittelschicht spielt hier eine Rolle. Nun aber der Reihe nach.

Jobsterben als beliebte Zukunftsvision

ArbeitnehmerInnen konkurrieren einerseits untereinander, andererseits aber auch mit der zunehmenden Automatisierung von Aufgaben durch Maschinen. Angeblich werden es Berufsgruppen wie MaschinenführerInnen oder BusfahrerInnen zukünftig schwer haben noch gebraucht zu werden. Eine dunkle Prognose stellten 2013 die Forscher Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne auf: 47% aller Jobs werden in den nächsten 20 Jahren der Automatisierung und Digitalisierung zum Opfer fallen. Folgestudien weisen allerdings darauf hin, dass nicht nur Tätigkeiten, sondern Berufe an sich betrachtet werden müssen. Zusätzliche Einflussfaktoren wie rechtliche Einschränkungen oder moralische Bedenken müssen ebenso berücksichtigt werden. Allein die technische Umsetzbarkeit wird nicht darüber entscheiden, ob Maschinen und Roboter in Zukunft die Berufe von Menschen ersetzen werden können.

Oder würden wir wollen, dass kranke Menschen in Zukunft von Pflegerobotern betreut werden, einfach nur, weil sie es können?

Nun sind Theorien, dass Maschinen unsere Arbeit übernehmen, auch nicht neu. Schon in den 1930er Jahren hat Ökonom John Maynard Keynes vor einer „neuen Krankheit“ gewarnt, der technologisierten Arbeitslosigkeit. Es hat sich gezeigt, dass vor allem einfache Tätigkeiten ersetzt wurden, was dazu führte, dass Produkte kostengünstiger produziert wurden und die Menschen mehr Geld in Dienstleistungen investierten, was zusätzlich Jobs schuf.

Starker Wettbewerb übt Druck auf Mittelschicht aus

Dadurch, dass sich der Erwerb neuer Kompetenzen nicht auf den Arbeitsmarkt allein reduzieren lässt, sondern auch im privaten Bereich Einzug hält, werden diese wie selbstverständlich eingefordert. Das Bedienen von Smartphone, Tablet, Content Management und verschiedenen Betriebssystemene ist so stark in unser alltägliches Leben integriert, dass es keine isolierte Anforderung für den Arbeitsmarkt mehr darstellt.

Da viele ArbeitnehmerInnen diese Fähigkeiten, neben den beruflichen Kernkompetenzen, mitbringen, entsteht ein verstärkter Wettbewerb um Arbeitsplatz, der zu Lasten der Mittelschicht geht, die nicht mit einer implizit geforderten Liste an Zusatzqualifikationen mithalten können. Höher qualifizierte Arbeitsplätze und einfache Tätigkeiten bleiben stehen.

Veranschaulichen kann das über den Beruf des Finanzbeamten werden: Ein zweistelliger Prozentsatz aller Steuererklärungen werden in Deutschland von Maschinen bearbeitet, nur noch stichprobenartig kommen Überprüfungen von Finanzbeamten zum Tragen.

Veränderte Berufsbilder: Ein paar Beispiele

Ein verändertes Berufsbild meint im Grunde, dass Anforderungen und Aufgaben eines Berufs nicht mehr dieselben sind, wie vielleicht noch vor einigen Jahren. Oft geht es gar nicht so sehr um eine Veränderung, als um eine Erweiterung. Um diese Entwicklung fassbarer zu machen, eignet sich ein beliebtes Beispiel: Das Ingenieurswesen. Vereinfacht gesagt, ging es früher eher um mechanisches Arbeiten, wohingegen heute auch Kompetenzen im elektronischen und digitalen Bereich gefragt sind.

Oder nehmen wir JournalistInnen her: Recherchieren, Dokumentieren, Formulieren, und Redigieren gehören zu den Kernkompetenzen in diesem Berufsfeld. In einer digitalisierten Welt gehört zusätzlich der souveräne Umgang mit neuen Medien wie selbstverständlich zur journalistischen Grundausstattung. Das meint nicht nur die Bedienung aller technischen Geräte, sondern JournalistInnen produzieren Artikeln, daneben bloggen, podcasten, twittern und youtouben sie ihre Inhalte um für Verbreitung und zeitgemäße Dynamiken zu sorgen.

Dass Berufe digitalisiert werden, sehen wir zum Beispiel auch im medizinischen Bereich. ÄrztInnen machen Visite bei ihren PatientInnen und haben die Akte auf einem Tablet dabei.

Kaum eine Branche kann und soll sich der Digitalisierung entziehen. Im Einzelhandel kommt das Thema E-Commerce hinzu, in der Baubranche sind Entwicklungen wie Smart Homes zu berücksichtigen, in der Kfz-Mechatronik und Kfz-Elektronik nehmen die Einbindung von Echtzeitinformationen aus dem Verkehr Einfluss.

Zeitalter der Veränderung

Die Qualität eines Arbeitslebens zeichnete sich in den letzten Generationen dadurch aus, ein und denselben Arbeitsplatz möglichst lange zu haben und sich innerhalb des Unternehmens weiter zu entwickeln. Diese Sichtweise wandelt sich immer mehr dahingehend, häufiger Arbeitsplatz und auch Branche zu wechseln. Vergleichsweise starke Veränderungen sind kein Zeichen mehr von fehlender Anpassungsfähigkeit oder Sprunghaftigkeit, sondern von Mut und dem Drang, Verschiedenes auszuprobieren und sich eine Menge an Kompetenzen anzueignen.

Auch das Idealbild der Beschäftigung in Form einer Vollzeitanstellung scheint sich zu wandeln. Flexible Arbeitsmodelle werden kombiniert mit Freelance-Tätigkeiten und ergänzenden privaten Projekten. Der Drang, sich in unterschiedlichen Bereichen fortzubilden und möglichst breit aufzustellen, schafft auch eine verschärfte Konkurrenzsituation unter den ArbeitnehmerInnen.

Interview mit Daniel Kosak

– Seit vielen Jahren leiten Sie die Kommunikation des Österreichischen Gemeindebundes und sind im Gemeinderat von Altlengbach tätig (seit Kurzem auch Vizebürgermeister). Hat sich Ihre Arbeitsweise in diesen Bereichen durch die Digitalisierung verändert? Sind Aufgaben hinzugekommen oder weggefallen?

Ich habe mit Schrecken festgestellt, dass ich seit inzwischen mehr als 10 Jahren beim Gemeindebund bin. Die Arbeitsweise von damals lässt sich mit heute nicht mehr vergleichen. Die Geschwindigkeit hat sich vervielfacht, im Umgang mit Journalist/innen, aber auch im Themensetting. Die ständige Erreichbarkeit ist eine Selbstverständlichkeit geworden, nicht nur per Telefon, sondern auch über die sozialen Medien. Der Zeitanteil, der inzwischen auf digitale Kanäle entfällt, ist deutlich gestiegen. Das gilt für den Gemeindebund ebenso, wie für die Arbeit in der Gemeinde selbst. Interessanterweise führt der digitale Aufwand keineswegs zu einer Reduktion in anderen Bereichen. Persönliche Gespräche, Termine, aber auch die Kommunikation über Print-Produkte, sind in der Intensität zumindest gleich geblieben, zum Teil sogar gestiegen. In meiner Gemeinde erwartet jede/r Bürger/in, dass ich sehr rasch auch für persönliche Treffen zur Verfügung stehe.

– Welche Veränderungen in der Arbeitswelt, hervorgerufen durch die Digitalisierung (zB. ständige Erreichbarkeit) der letzten Jahre würden Sie als besonders einschneidend/wichtig bezeichnen?

Am deutlichsten spüre ich die höhere Frequenz an Telefonaten. Ich registriere, dass man Dinge auf digitalem Weg aufbereiten oder in Gang setzen kann, dass die Menschen – sowohl Journalisten als auch Bürger/innen – danach darüber reden wollen, um Dinge zu fixieren. So gesehen spare ich mir mit der Digitalisierung wenig Zeit, gewinne aber an Qualität.

– Wie muss Ihrer Meinung nach Information heutzutage aufbereitet werden, um möglichst viele Menschen zu erreichen?

Es gibt zwei Ebenen der Information. Auf der ersten Ebene muss man kurz und prägnant sein, eine Geschichte zu dieser Information erzählen können. Auf der zweiten Ebene gibt es bei den Beteiligten schon Vorwissen, dann ist tiefere Information auch auf Expertenlevel möglich. Auch das hat an Raum gewonnen, weil diese Experteninformation heute auch leichter – weil digital – transportier- und diskutierbar ist. Gutachten, Studien, wissenschaftliche Arbeiten haben aus meiner Sicht schon an Bedeutung gewonnen.

– Sie sind mit über 38.000 Kurznachrichten auch sehr aktiv auf Twitter. Was gefällt Ihnen an diesem sozialen Netzwerk? Nutzen Sie es auch beruflich?

An Twitter ist die Unmittelbarkeit interessant. Man kann zuspitzen und einen Dialog führen, der davor nicht möglich war. Für tiefgehende Diskussion ist Twitter selten brauchbar, bestenfalls als Initialisierung einer persönlichen Debatte. Es ist beruflich brauchbar, weil man mehrere Menschen auf einmal erreicht. Und weil man sich überlegen muss, wie man eine Botschaft – falls man eine hat – in 140 Zeichen verpacken kann.

Zur Person:

Daniel Kosak, Kommunikationsleiter beim Gemeindebund. Vizebürgermeister. Privater Account. Meine Tweets sind nicht zitabel.
Twitter @kosak_daniel

Quellen:

http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/
http://www.bbc.com/
http://blog.arbeit-wirtschaft.at/
https://www.gov.uk/
http://www.medienportal.tv/

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