8. Januar 2016

Barrierefreiheit in der digitalen Welt. Rechtlicher Rahmen, technische Aspekte und Realitätscheck /#Dossier_Arbeitswelt #16 von

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Mit 1. Jänner 2016 endete die 10 jährige Übergangsfrist für das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG) bei baulichen Barrieren. Das bedeutet, dass Geschäftslokale, Restaurants etc. barrierefrei zugänglich und nutzbar sein müssen. Doch auch Online-Angebote sind von dem Gesetz eingeschlossen, und das, wie Martin Ladstätter von BIZEPS unterstreicht, nicht erst seit 2016. Doch was bedeutet das Ende der Übergangsfrist eigentlich genau? Welche Bereiche deckt das Gesetz ab? Und: Wie sieht eine barrierefreie Webseite aus? Eine Frage, die wir uns eigentlich nicht erst durch das Inkrafttreten eines Gesetzes stellen sollten. (Online) Angebote für alle Menschen nutzbar zu machen sollte doch eigentlich immer das Ziel sein. Oder?

Dass dem leider nicht immer so ist, bestätigt uns Martin Ladstätter in einem Interview für diesen Artikel (siehe weiter unten). Was auf behördlicher Seite mittlerweile ganz gut funktioniert, sieht auf kommerzieller Seite oft anders aus. Die Gründe, warum Barrierefreiheit vielerorts so schwierig scheint, sind mannigfaltig. Doch wie sieht es Online aus? Ist es dort „einfacher“ Inhalte für alle zugänglich zu machen? Hartwig Krebitz, zertifizierter WebAccessibility-Experte der Wiener Web-Agentur datenwerk gibt am Ende dieses Artikels Einblicke in die Prinzipien barrierefreier Web-Umsetzung.

 

Interview mit Martin Ladstätter

 

Foto von Martin Ladstätter

Martin Ladstätter, Quelle: BIZEPS/Eva Kosinar

 

Martin Ladstätter ist Obmann von BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben. Mehr zur Person auf der Website von BIZEPS.

 

 

Am 1.1.2016 ist – nach 10 jähriger Übergangsfrist – das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz voll in Kraft getreten. Was sind die wichtigsten Bereiche, die das Gesetz abdeckt?

Das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG), hat zum Ziel, „die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen“.

Mit dem BGStG wurde erstmals dem Bund aber auch der Wirtschaft vorgeschrieben, Diskriminierungen zu unterlassen. Wenn sich behinderte Menschen diskriminiert fühlen, können sie nun eine Schlichtung bei einer Behörde (Sozialministeriumservice) beantragen und bei dem versucht wird, eine gütliche Einigung zu erreichen.

Wenn dies gelingt, dann ist das erfreulich (ist bei rund 50 % der Fälle so). Wenn nicht, dann kann – muss aber nicht – die behinderte Person Klage bei Gericht einbringen. BIZEPS veröffentlichte über 150 Beispiele von Schlichtungen.

Und: Warum 10 Jahre Übergangsfrist?

Es war allen klar, dass die Angebote der Wirtschaft nicht von heute auf morgen alle barrierefrei sein werden. Bei Beschlussfassung des Gesetzes im Jahr 2005 entschieden die Abgeordneten im Parlament, dass 10 Jahre Übergangsfrist angemessen erscheinen. (Behindertenorganisationen wollten natürlich kürzere Fristen, die Wirtschaft längere.)

Ein wichtiger Aspekt im Gesetz ist die Angemessenheit. Keinem Unternehmen bürdet dieses Gesetz Unmögliches auf. Es ist sogar mehrfach im Gesetzestext festgehalten, dass Barrieren beseitigt werden müssen, wenn dies keine unverhältnismäßigen Belastungen darstellt. Weiters gab es viele Millionen Euro Fördergeld des Bundes für Investitionen in die Barrierefreiheit.

Faktum ist leider auch: Das Ablaufen der 10-jährigen Übergangsfristen zeigte eindeutig, dass die Wirtschaft und die Wirtschaftskammer sich kaum um die Umsetzung des Gesetzes gekümmert haben.

Gibt es Bereiche, die das Gesetz noch nicht abdeckt?

Genau genommen umfasst das Gesetz den Bundesbereich und die Wirtschaft sowie die Bundesländer, wenn sie für den Bund tätig werden. Es wäre wichtig, dass die Gleichstellung auf allen Ebenen des Staates im selben Maße vorgeschrieben wäre. Die Bundesländer wollten dies aber nicht und haben sich damit durchgesetzt – wie so häufig in Österreich.

Wo wäre es in deinen Augen noch ausbaufähig?

Das BGStG ist eigentlich ein sehr schwaches Gesetz, auch wenn man dies in den Medien meist anders wahrnimmt. Einer der größten Mängel ist, dass man mit einer Klage vor Gericht nur Schadenersatz erkämpfen kann. Viel wichtiger – aber von der Politik bewusst nicht aufgenommen – wäre ein Beseitigungsanspruch.

Was auch ein großes Manko ist: Dem Staat ist die Beendigung von Diskriminierungen durch fehlende Barrierefreiheit ziemlich gleichgültig. Er unternimmt keine aktiven Schritte, um Diskriminierungen gemäß BGStG abzustellen, sondern überlässt es zur Gänze den behinderten Menschen sich gegen diese zu wehren.

Barrierefreiheit betrifft nicht nur den faktischen Zugang zu Geschäftslokalen, sondern auch Webseiten. Kannst du einen Unterschied zwischen „online“ und „analog“ erkennen?

Fehlende bauliche Barrierefreiheit ist bei Geschäften natürlich eine Diskriminierung, aber laut Gesetz auch bei Verkehrsmitteln, technischen Gebrauchsgegenständen, Systemen der Informationsverarbeitung usw. Der Gesetzgeber hat bei der Beschlussfassung auch ausdrücklich auf Internetangebote hingewiesen.

Faktisch ist es bei Internetangeboten deutlich leichter, Barrierefreiheit oder, wenn diese nicht zur Gänze erreichbar sein sollte in relativ kurzer Zeit zumindest deutliche Verbesserungen herzustellen.

Auch wenn es in den Medien häufig falsch dargestellt wurde, die Verpflichtung zur Barrierefreiheit in diesem Bereich trat nicht erst mit Jahresanfang 2016 in Kraft (weil die Übergangsbestimmungen betreffen nur BAULICHE Barrieren) sondern bereits 2006.

Es gab daher schon eine Reihe von Schlichtungen im Bereich Barrieren im Internet. (siehe Schlichtungsdatenbank von BIZEPS)

Ist der Online-Zugang zu Unternehmen und Informationen barrierefreier? Oder gibt es keine Unterschiede?

Das ist eine schwierige Frage. Sie verleitet einen dazu, die Angebote der Unternehmen online (Internet) und offline (Geschäfte) zu vergleichen und evtl. abzuwägen, was leichter zugänglich ist bzw. zugänglich gemacht werden sollte. Doch der Ansatz der gleichberechtigten Teilhabe behinderter Menschen meint, dass sie – wie alle anderen auch – sämtliche Angebote nutzen können – sei es online oder offline. Sei es nun der Obstkauf beim Lebensmittelgeschäft um’s Eck oder ein Buchkauf im Internet.

Welche Rolle spielt online Kommunikation ganz allgemein dabei, Menschen mit Behinderung in die Mitte der Gesellschaft zu bringen? Wie wichtig sind Apps, Devices und Ähnliches?

Das Internet ist für fast alle Menschen heute ein ganz natürlicher Weg der Kommunikation in der Gesellschaft geworden, aber auch eine Möglichkeit, um sich zu informieren (Nachrichtenportale) oder einzukaufen. Häufig wird leider nur über die Barrieren berichtet.

Doch die Realität sieht auch so aus: Spannend ist, wie einfach die Echtzeit-Kommunikation durch Twitter, Facebook oder WhatsApp mit gehörlosen Menschen geworden ist. Noch nie war es für blinde Menschen so einfach, tagesaktuell die Zeitung selbstständig zu lesen oder Züge zu suchen und zu buchen; um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die Konsequenz daraus ist für manche überraschend, die diese Beispiele nicht kannten. Menschen mit Behinderung nutzen laut verschiedenen Studien das Internet öfter als Menschen ohne Behinderung.

 

Barrierefreie Webseite – easy cheesy – oder doch eine Wissenschaft?

Barrierefreies Web. Eine Wuncshvorstellung, oder längst Realität? Wie auch Martin Ladstätter erwähnt, ist das Web für so gut wie alle Menschen einer der wichtigsten Orte zum Kommunizieren. So auch für Menschen mit Behinderung. Um Web-Angebote für alle Menschen nutzbar zu machen, ist es wichtig, auch Online barrierefrei zu sein.

Eine wichtige treibende Kraft ist hier die Web Accessibility Initiative (WAI). Dort beschäftigen sich mehrere Arbeitsgruppen mit der Ausarbeitung von Maßnahmen und Prinzipien für barrierefreie Webseiten. Hierbei werden verschiedene Standards und Empfehlungen erarbeitet, die es zum Ziel haben, das Web möglichst allen Menschen zugänglich zu machen.

Dass das nicht so einfach ist, und viel Know-how und Fingespritzengefühl umfasst, bestätigt auch Hartwig Krebitz. Er hat uns einpaar Fragen zu Barrierefreiheit im Web beantwortet und uns über die Grundprinzipien und Vorteile von barrierefreien Webseiten aufgeklärt.

Interview mit Hartwig Krebitz

 

Bild von Hartwig Krebitz

Hartwig Krebitz, Quelle: datenwerk

 

 

Hartwig Krebitz ist Experte für Accessibility bei der Wiener Web-Agentur datenwerk und einer der wenigen zertifizierten WebAccessibility-Experten in Österreich.

 

 

 

 

Was sind die wichtigsten Aspekte von barrierefreien Webseiten? Welche verschiedenen „Levels“ gibt es hierbei?

Das Ziel ist eine barrierefreie Umsetzung von Web-Inhalten. Dazu müssen vier Web-Accessibility-Prinzipien eingehalten werden. In jedem Prinzip werden Richtlinien für barrierefreie Webinhalte (WCAG) 2.0 definiert. Die vier Prinzipien für barrierefreie Inhalte auf Webseiten sind:

  1. Wahrnehmbar (z.B. Alternativen zu „Nicht-Text-Inhalten“)
  2. Bedienbar (z.B. Verfügbarkeit aller Funktionen auch via Tastatur)
  3. Veständlich (z.B. Textinhalte lesbar und verständlich machen)
  4. Robust (z.B. Kompatibilität mit assistierenden Techniken uÄ)

Für jedes dieser Prinzipien gibt es testbare Erfolgskriterien, diese sind jeweils in drei Konformitätstufen oder Levels (A, AA und AAA) unterteilt.

  • Level A kann man auch als „Muss-Kriterien“ bezeichnen. Erfüllt meine Website die Punkte innerhalb von Leven A nicht, so ist sie für mindestens eine Gruppe an Menschen nicht nutzbar.
  • Level AA sind „Soll-Kriterien“, hierbei werden weitere Hindernisse (z.B. Untertitelung von Videos) beseitigt.
  • Level AAA ist die höchste Stufe der Barrierefreiheit und erleichtert den Zugang zu Informationen nochmals (z.B. Einsatz von Videos in Gebärdensprache).

Ist Website-Barrierefreiheit eine rein technische Angelegenheit?

Nein, Barrierefreiheit ist nicht nur eine technische Optimierungsaufgabe, sondern deckt viele Aspekte der Online Kommunikation und -redaktion ab. Auch der Aufbau und Inhalt von Texten sollte barrierefrei gestaltet sein. Links sollten klar als solche erkennbar sein. Überschriften, Listen und Ähnliches sollten auch als solches erkennbar sein. Es ist also ein Zusammenspiel aus Inhalt, Gestaltung und Technik.

Gibt es, neben dem ganz offensichtlichen Vorteil der Nutzbarkeit einer Website für ein breitere Gruppe, auch noch andere „Vorteile“ von barrierefreien Websites?

Es gibt einige Untersuchungen, die zeigen, dass sich die Benutzbarkeit für alle durch Barrierfreiheit verbessert. Die Webseiten sind einfacher zu bedienen, klarer strukturiert und übersichtlicher als Webseiten, die sich nicht um Barrierefreiheit kümmern. Die Barrierefreiheit einer Website kann zusätzlich dazu beitragen, das Suchmaschinen-Ranking einer Website zu verbessern. Suchmaschinen-Crawler lesen Webseiten nämlich ähnlich wie assistierende Technologien (z.B. Screenreader).

Wie sieht es in der Praxis aus? Wie viele, der Webseiten, die ihr umsetzt sind barrierefrei?

Wir achten bei allen Webseiten, die wir gestalten, darauf, dass mindestens Level A erfüllt ist und möglichst viel von Level AA erreicht werden kann. Das ist eines unserer Prinzipein. Das ist zwar nicht immer leicht, aber in den meisten Fällen erkennen die Kunden die Vorteile von barrierefreiem Webdesign und sind froh darüber.

 

Quellen:

Gesamte Rechtsvorschrift für Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, Fassung vom 07.01.2016

BIZEPS: Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz

Information der Wirschaftskammer Österreich zum Thema Barrierefreiheit

Barrierefreiheit: Es ist fünf vor zwölf!

Sind in Österreich barrierefreie Internetseiten eine Verpflichtung?

Schlichtungsdatenbank von BIZEPS

Web Accessibility Initiative (WAI)

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