18. Januar 2016

Digitales Arbeiten im 21. Jahrhundert – Eine neue gesellschaftliche Ordnung / #Dossier_Arbeitswelt #20 von

Teaser_Dossier_neutral

Die Digitalisierung schreitet voran. Das Internet ist schon lange kein Neuland mehr, im Gegenteil, es durchdringt unser Arbeits- und Privatleben bis in die hintersten Winkel. Durch diese Entwicklung haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten teils dramatische Veränderungen in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt bemerkbar gemacht. Ob diese Veränderungen in eine positive oder negative Richtung gehen ist schwer zu beurteilen. Auf beiden Enden der Skala finden sich Beispiele, die zum einen Hoffnung machen, andererseits beängstigend sind.

Können wir von einer neuen gesellschaftlichen Ordnung sprechen?

Wir laufen durch die Geschichte, aber erst rückblickend sind wir in der Lage zu beurteilen, ob sich tatsächlich radikale Umbrüche vollzogen haben, oder ob nicht doch alles kontinuierlich verläuft.

Clayton M. Christensens Theorie der „disruptiven Technologien“ ist gerade in Bezug auf die Entwicklungen in der digitalen Arbeitswelt ein genehmes Erklärungsmodell. Schließlich ist es viel interessanter und aufregender zu lesen, dass wir vor einem totalen Umbruch stehen, Paradigmenwechsel wird das auch gern genannt, als sich einzugestehen, dass sich viele Veränderungen schon vor Jahrzehnten abgezeichnet haben.

Jill Lepore kritisiert das alles sehr treffend in ihrem Artikel „The Disruption Machine“ für die Zeitschrift The New Yorker. Die sogenannten Umbrüche, sind bei genauerer Betrachtung oft bloße Übergänge, die nicht so dramatisch sind, wie sie in der jeweiligen Populärliteratur dargestellt werden. Vor dem selben Hintergrund sind auch diverseste Prognosen zu betrachten. So vollzog sich weder das von Francis Fukuyama prophezeite „Ende der Geschichte“, noch waren und sind technologische Innovationen derart revolutionär, dass unsere gesamte Lebensweise sich von heute auf morgen verändert.

 

Und sie bewegt sich doch

Aber unsere Lebensweise verändert sich. Durch die voranschreitende Digitalisierung tut sie das ganz besonders in unserer Arbeitswelt. Manuelle Tätigkeiten werden in westlichen Industrienationen vermehrt in Länder ausgelagert, die billiger produzieren als wir. Damit ernten wir nicht nur günstigere Waren, sondern auch viele Probleme in Bezug auf umwelt- und menschenrechtliche Standards.

Unsere Arbeitsplätze sind nicht auch mehr so stark wie noch vor wenigen Jahren an physische Örtlichkeiten gebunden, Call Center oder diverse technische Programmierleistungen lassen sich outsourcen; jegliche Arbeit, die kein körperlich hergestelltes Produkt am Ende des Herstellungsprozesses erfordert, kann de facto überall ausgeübt werden.

 

Mehr Flexibilisierung, weniger Halt

Das Positive an dieser Entwicklung ist die Möglichkeit, auch von zu Hause aus, oder wenn es sein muss, von unterwegs, seine Arbeit zu erledigen. Um diesen Beitrag zu schreiben, muss ich nicht bei WerdeDigital.at (welches, soweit ich weiß, gar kein fixes Büro hat) sitzen, das geht komfortabel auch an meinem Schreibtisch in meiner Wohnung. Die nötige Recherche vollzieht sich am Laptop, Interviews lassen sich über Skype oder Email führen. Das fertige „Produkt“ kann ich über eine schnelle Internetverbindung direkt auf den Blog von werdedigital.at hochladen.

Durch die Möglichkeit im sogenannten „Remote“ zu arbeiten, ist Pendeln somit keine absolute Notwendigkeit mehr. In vielen Branchen verlässt man sich mittlerweile auf Freelancer und temporäre Arbeitskräfte, die projektbezogen, weltweit arbeiten. Diese Arbeitskräfte findet man z.B. auf online Jobbörsen wie Elance.

Der Vorteil der großen Unabhängigkeit durch diese Arbeitsweise, kommt mit dem Nachteil fehlender Stabilität im (Arbeits-)Leben. Viele hanteln sich von Job zu Job, die Gehälter in der Branche orientieren sich oft am billigsten Angebot, das, wenn es aus einem Entwicklungsland kommt, hierzulande kaum unterbietbar ist. Längere Zeiträume in einer derartigen Karriere sind schwer planbar, die Arbeit verschwimmt immer stärker mit dem Privatleben. Das Stichwort der letzten Jahre lautete in dieser Hinsicht „Work-Life Balance“.

Hand in Hand mit dieser Unsicherheit gehen steigende Raten an diversen psychischen Krankheiten, angefangen von Depressionen bis hin zum Klassiker in der Community, dem Burn Out Syndrom. Mitunter wird das Arbeitsleben dadurch zum darwinistischen Überlebenskampf, denn fehlende rechtliche Absicherungen von Freelancern führen bisweilen zu Situationen, in denen sich die Arbeitswilligen im Angebot gegenseitig unterbieten und im Zeitaufwand 70, 80 und mehr Stunden pro Woche keine Ausnahme mehr darstellen.

Die noch immer nicht überwundene Wirtschaftskrise der letzten Jahre tut das ihre im Kampf um lebenswerte Jobs mit Gehältern, die eine unabhängige Lebensführung ermöglichen. Familienplanung kann da mitunter zur Utopie werden.

Lichtblick versus Schwarzmalerei

Nicht alles was neu ist, ist auch automatisch schlecht. Zwar hinkt die rechtliche Absicherung der Digitalen NomadInnen dem aktuellen Stand der Dinge hinterher. So weisen nationale rechtliche Rahmenbedingungen noch immer große Lücken bei der Berücksichtigung von Freelancern, Ich-AGs und KleinunternehmerInnen auf. Und es bietet die Europäische Union zwar mittlerweile im Bund von 28 Staaten ein transnationales Netz an rechtlichen Hilfsmitteln für ArbeitnehmerInnen, aber im internationalen Bereich ist es noch immer schwierig Steuern, Sozialbeiträge und Ähnliches (so sie überhaupt existieren) über teils kurzfristige Aufträge zu bündeln und sich als DienstnehmerIn eine finanziell und sozialrechtlich solide Lebensgrundlage zu schaffen.

Aber die neue Flexibilität bietet auch viele Vorteile. Die Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiteten reduziert lange Arbeitswege und mindert die Kosten für den Transport von und zum Arbeitsplatz. Das schont auch die Umwelt. Die hohe Vernetzung in manchen Branchen stärkt intellektuelle Cluster und schafft die Grundlage für Innovationen in allen denkbaren Sektoren, von der Wissenschaft über die Industrie bis zur Kunst.

Neue Formen der Arbeit entstehen und bieten die Möglichkeit sich als Jobsuchende eine eigene individuelle Nische zu kreieren, sich sozusagen seinen Job selbst maßzuschneidern. Co-Working, interdisziplinäres Arbeiten und internationaler Austausch werden dadurch zum Nährboden für die Schaffung neuer Jobs, die Entwicklung neuer Technologien und Diversifizierung von Arbeitsteams. Das alles sind positive Entwicklungen, die sehr viele Möglichkeiten bieten sich beruflich zu entfalten. Selbst in Zeiten, die wirtschaftlich herausfordernd sind.

 

Die Jobs der Zukunft

Alles wird flexibler, vieles bleibt unsicher, manches bietet keine Grundlage mehr seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Zeit der lebenslangen Berufslaufbahn im Mutterunternehmen oder als pragmatisierte BeamtIn ist vorbei. Derartige Laufbahnen wird es nur mehr in wenigen (meist staatlichen) Ausnahmefällen geben. Dazu wird sich auch die Politik schleunigst Gedanken machen müssen.

Für alle die mitten im Arbeitsleben stehen oder in den nächsten Jahren ihren Einstieg finden wollen, gibt es dennoch viele Möglichkeiten sich zu etablieren.

Das wichtigste Asset der Job-NomadInnen von heute und morgen ist mit Sicherheit eine größtmögliche Offenheit Neues zu lernen. Ausgehend von einer Kernspezialisierung in einem Fach, in der man echte Expertise entwickelt, empfiehlt es sich rund um diese Kernqualifikation ein flexibles Netz aus Interessen und Fähigkeiten zu knüpfen, das laufend erneuert, ausgetauscht und erweitert wird. Neugierig bleiben und nie mit dem Lernen aufzuhören, wird die Schlüsselqualifikation der Zukunft sein.

Das mag zwar mit so manchen Unsicherheiten und einer gewissen Instabilität verbunden sein, wird sich aber lohnen. In diesem Sinne ist es essentiell, in Bildung und rechtliche Rahmenbedingungen zu investieren, die es ermöglichen, ein in diesem Umfeld ebenso abwechslungsreiches wie sicheres Auskommen zu finden. Das ist zum Einen klarerweise eine Kernaufgabe der Politik, welche die Verantwortung trägt flexible, globale Arbeitsverhältnisse auch rechtlich und sozial abzusichern. Es ist aber ebenso die Aufgabe jeder/s Einzelnen, sich auf ein Berufsleben einzulassen, in dem man de facto nie ausgelernt hat.

Quellen:

The Disruption Machine (The New Yorker)

Major Depression Facts (http://www.clinical-depression.co.uk/)

Studie: Freiheit im Beruf fördert Burn Out (Format.at)

Ort und Zeit flexibel gestalten (orf.at)

Zur Werkzeugleiste springen