20. Januar 2016

Microtask, Collaboration und flexibler Arbeitsplatz: „Das neue Arbeiten“ und seine vielen Gesichter in Österreich / #Dossier_Arbeitswelt #22 von

Teaser_Dossier_neutral

Das neue Arbeiten hat viele Gesichter – oft wird von Auslagerung gesprochen, aber auch von immer kleinteiliger Arbeit und von Microtasks. Nicht zuletzt verschwinden auch die Grenzen von Unternehmen, nicht nur, wenn es um Ihre Kunden, sondern auch Ihre Mitbewerber geht. Berühmtes Beispiel für Microtasks ist Amazons Programm Mechanical Turk, das aber durch seine geringen Löhne in einem wenig positiven Licht gesehen wird. Auch in Österreich beschäftigt man sich naturgemäß mit diesen Themen, große österreichische Unternehmen wie die Österreichische Lotterien Gruppe stellen sich auf geänderte Arbeitsbedingungen ein und sorgen für ein innovatives Umfeld. Auch im Bereich Plattformen, an die man Tätigkeiten auslagern kann, gibt es mit der „Taskfarm“ ein gutes Beispiel auf dem heimischen Markt. Im Zuge der spannenden Entwicklungen dürfe aber der nötige Rechtsrahmen für arbeits- und sozialrechtliche Standards fehlen, warnt AK-Präsident Rudi Kaske.

Vom Empfehlungsnetzwerk zur Zukunft der Arbeit

Seit mehr als vier Jahren beschäftigt sich Julia Weinzettl mit der Zukunft des Arbeitens. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael hat sie damals die „Taskfarm“ ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine Empfehlungsplattform, auf der Experten ihre besten Anprechpartner für Tasks wie (Re)Design einer Website, Erstellung von Apps, Spezifikationen, Usabiltiy Projekten, Social Media Marketing uvm. empfehlen. Die Plattform hat rund 200 handverlesene Experten, davon sind zirca 30 Prozent in den Bereichen Internet, Telekommunikation, Software Entwicklung und Mobile tätig. 30 Prozent kommen aus Marketing, Werbung sowie aus dem PR- und Events-Bereich und 30 Prozent verteilen sich auf Beratung und IT-Consulting in den verschiedensten Sparten. Die verbleibenden zehn Prozent sind Künstler, Designer aber auch Rechtsanwälte und Steuerberater. „Taskfarm will im Gegensatz zu vielen anderen Plattformen Qualitätsprojekte vermitteln. Oft fehlt die Zeit für Recruiting, man will einfach nur eine valide Erfahrung und wenn dann auch noch der Preis passt, dann ist das genug. Es geht um ein vertrauensvolles Netzwerk. Taskfarm funktioniert nicht über endorsement wie LinkedIn, man empfiehlt wirklich nur die fünf besten Personen, mit denen man zusammengearbeitet hat“, führt Weinzettl aus.

julia weinzettl web(c) Taskfarm

Seit ihrer Gründung hat sich die Plattform aber durchwegs verändert, erzählt die Taskfarm-Geschäftsführerin: „Unternehmen posten ungern online ihre Projekte, meistens rufen sie mich direkt an und wollen eine Empfehlung. Natürlich gibt es jetzt auch weit mehr Plattformen, die die Erledigung von solchen Tasks anbieten wie zur Gründerzeit von Taskfarm. Wir bemerken , dass unsere Plattform mehr als Kommunikationstool der Unternehmen und Experten genutzt wird.“ Die Zukunft der Arbeit beschäftigt Weinzettl aber weiterhin, deswegen hat sie auf Taskfarm.at auch die lesenswerte Interviewreihe „Future of Work“ gestartet, in der sie interessante Prohekte und Menschen vorstellt. Und wie sieht Weinzettl selbst die Zukunft der Arbeit? „Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben und viele Jobs werden wegfallen. Die Digitalisierung wird vor allem viel von der Manufaktur wegnehmen. Das sehe ich aber auch als Chance, denn niemand sitzt gerne am Fließband. Die Digitalisierung legt extrem viel kreatives Potential frei. In den nächsten zehn Jahren wird es so viele neue Jobs geben, für die es jetzt noch keinen Namen gibt. Wichtig für die Zukunft wird Knowledge Ownership, also die Aneignung von Wissen sein – in dem Bereich, in dem es gerade gebraucht wird.“

Bildschirmfoto 2016-01-18 um 16.29.13

„awesome!ness CHALLENGE“: Neue Wege bei Casinos Austria und Österreichische Lotterien Gruppe

Mitten in der Entwicklung innovativer Arbeitsprozesse steckt auch die Casinos Austria und Österreichische Lotterien Gruppe. Begonnen hat es mit einer Reise der Geschäftsführer ins Silicon Valley, erzählt Christian Bartosik, Abteilungsleiter Innovationsmanagement/Corporate Development: „Wir haben vor zwei Jahren angefangen, uns intensiv mit der Digitalen Transformation und den notwendigen Veränderungen zu beschäftigen. Bei unserer Silicon-Valley-Tour wurden viele Themen nochmals konkreter, weil wir uns vor Ort überzeugen konnten, wie innovative Services entstehen.“ Vor allem die Aspekte Design Thinking, Diversität und Intrapreneurship haben sich als Kernelemente herauskristallisiert. Auf dieser Reise entstand auch die Idee zur momentan laufenden „awesome!ness CHALLENGE“,http://awesome.cal.at/, bei der die rund 2.500 Mitarbeiter der Unternehmensgruppe aufgerufen sind, Ideen für eine „awesome customer experience“ einzureichen. Am 31. Jänner endet die Einreichfrist, Bartosik rechnet mit ca. 50 Einsendungen. Aus diesen werden in einem zweistufigen Auswahlverfahren drei Teams ausgewählt, die für 100 Tage freigestellt werden und Budget erhalten, um ihre Idee auszuarbeiten. Das erfolgversprechendste Projekt wird im Rahmen eines Live-Pitches gekürt und in die Realität umgesetzt. Das Siegerteam fährt zudem für eine Woche ins Silicon Valley, um vor Ort neue Inspiration zu tanken.

Die „awesome!ness CHALLENGE“ soll gemeinsam mit dem gerade im Aufbau befindlichen „Innovation Hub“ als Katalysator für die neue anzustrebende Innovationskultur fungieren. Bartosik: „Wir wollen Intrapreneurship fördern und die Interessen unserer Kunden durch die Etablierung von Design Thinking noch stärker in den Mittelpunkt stellen.“ Der 300 m2 große „Open Space“ will viele verschiedene Funktionen erfüllen und bietet neben einem großzügigen Workshop- und Eventbereich, einer Café-Bar und Lounge Area auch einen sogenannten „Corporate Coworking“-Space. Was man sich davon erwartet, erklärt Bartosik so: „In großen Unternehmen ist es für Mitarbeiter oft schwer, während des Berufsalltags untereinander Erkenntnisse auszutauschen – man spricht dabei auch von der „Silo-Problematik“. Durch das „Corporate Coworking“ soll nun ein Ort geschaffen werden, an dem die Mitarbeiter aus unterschiedlichsten Abteilungen tage- oder wochenweise aus ihrem normalen Bürobereich herausgelockt werden, um sich untereinander besser austauschen zu können. Darüber hinaus fördert dies auch die „Serendipity“ und damit die Entstehung neuer Ideen.“ Daneben will man den Hub als einen „Open Space“ führen und unterschiedlichste Eventformate (Vorträge, Diskussionsrunden, Kinovorführungen, u.ä.) bieten, um eine unternehmensinterne „Innovations-Community“ zu etablieren und diese mit Externen (Startups, Forschungsinstituten, uvm.) zu vernetzen.

Bartosik(c) Achim Bienek

„Erfolg der Digitalisierung hängt von gemeinsamer Gestaltung ab“

Auch die Arbeiterkammer beschäftigt sich stark mit der Zukunft der Arbeit, so wurde das 2016 auch offiziell als Jahresthema ausgegeben. AK-Präsident Rudolf Kaske dazu: „Insgesamt erkennen wir eine Tendenz der Vernetzung, welche klassische Hierarchien zumindest teilweise durch Netzwerkstrukturen ersetzt. Dies könnte eine Chance für die Betriebe darstellen, macht aber gleichzeitig das Thema der betrieblichen Mitbestimmung wichtiger denn je. Ein Beispiel: Der Wunsch der ArbeitgeberInnen nach gesteigerter Arbeitszeitflexibilisierung trifft auf das Bedürfnis von ArbeitnehmerInnen nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Flexibilisierung birgt jedoch die Gefahr einer Entgrenzung von Raum und Zeit und somit einer Zunahme von unbezahlten Aspekten und möglicherweise auch negative gesundheitlichen Folgen. Die Menschen wollen sorgenfrei von ihrer Arbeit leben können, dieses wichtige Bedürfnis darf nie ignoriert oder vergessen werden.“

RudiKaske_PoloBlau Foto ReneeDelMissier(c)ReneeDelMissier

Kaske ist überzeugt: „Unterm Strich hängt der Erfolg der Digitalisierung also von der gemeinsamen Gestaltung ab. Wenn es uns gelingt, mit der Digitalisierung Produktivitätsgewinne zu heben und diese gerecht aufzuteilen, dann können wir etwa kürzere Arbeitstage für alle realisieren. Ein wesentlicher Aspekt für eine Gesellschaft, die immer länger im Berufsleben stehen wird.“ Es gäbe in Österreich bereits Unternehmen, die sich hier positiv hervortun: „Da fällt mir ein sehr bekannter Leitbetrieb ein, der gemeinsam mit dem Betriebsrat eine Arbeitsgruppe eingerichtet hat, um das Ziel einer ´Innovationsfabrik´ zu erreichen. Gemeinsam wurden die dafür notwendigen Rahmenbedingung für den Übergang zu einer digitalen Fabrik erarbeitet und Qualifizierungsmaßnahmen für die betroffenen MitarbeiterInnen definiert. Das hat gut geklappt.“ Der AK-Präsident streicht aber auch klar heraus: „Wir müssen uns frühzeitig darum kümmern, einen Rechtsrahmen zu schaffen, der sichert, dass neue Technologien nicht als Ausrede verwendet werden, um bestehende arbeits- und sozialrechtliche Standards auszuhöhlen. Und eines ist auch klar: Die Digitalisierungsgewinner müssen eine fairen Beitrag zum Sozialsystem leisten. Vom digitalen Wandel sollen alle profitieren, nicht nur kleine Eliten. Das heißt, wir müssen ihn gerecht und solidarisch gestalten.“

Links

Taskfarm

Interviewreihe „Future of Work“

awesome!ness CHALLENGE

Zur Werkzeugleiste springen