14. Dezember 2016

Hass im Netz: Ein Interview mit Ingrid Brodnig – Dossier 3, Beitrag #1 von

 

Das Thema Hasspostings kam in den letzten Jahren in aller Munde. Aber wer schreibt sie? Woher kommt das? Und was kann man dagegen tun? Das versuchen wir im Gespräch mit Ingrid Brodnig herauszufinden.

Ingrid beschäftigt sich als Journalistin mit dem Thema schon seit Jahren. Im April erschien ihr Buch „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“ (Brandstätter-Verlag). In unserem etwa halbstündigen Interview haben wir über Trolle, Glaubenskrieger, die österreichische Rechtslage und ein paar Maßnahmen gesprochen, wie wir das Netz für uns alle wieder etwas schöner machen können.

Es folgt eine gekürzte Version des Gesprächs. Im Podcast gehen wir mit Ingrid oft weiter ins Detail.

Tom: Wie äußert sich Hass im Netz?

Ingrid: Das kommt darauf an, wann man etwas als Hass bezeichnet. Ich spreche vor allem dann von Hass, wenn es ins strafrechtlich Relevante geht: Verhetzung und Drohungen. Darüber hinaus erleben wir auch sehr viel Wut und eine Tendenz, dass online eine Debatte sehr schnell entgleist. Wir sehen ein ständiges Scheitern der menschlichen Kommunikation. Es ist unglaublich schwierig, sachlich zu diskutieren. Das ist vielleicht die größere Problematik.

Ist das im Web wirklich schlimmer und warum?

Das ist tatsächlich so. Man kann eine Enthemmung feststellen. Menschen sind ruppiger und aggressiver. Die Enthemmung kann auch positiv sein. Schüchterne Menschen fassen etwa mehr Selbstvertrauen. Die negative Facette ist ein Ausleben von Wut, ein Ausleben dunkler Gefühle. Das liegt daran, dass die Face-to-Face-Kommunikation anders als die schriftliche online funktioniert. Die Anonymität ist ein Faktor, kann das aber nicht allein erklären. Ein anderer wichtiger Faktor ist die Unsichtbarkeit, die ich für immens bedeutend halte. Man sieht sein Gegenüber nicht. Da kann man ruppig sein, ohne die emotionalen Konsequenzen sehen zu müssen.

Man muss also nicht miterleben, was die eigenen Worte genau anrichten.

Genau. Augenkontakt ist immens empathiefördernd. Das funktioniert sogar über Webcams. Aber von dieser Unsichtbarkeit werden wir nicht so bald wegkommen.

Du unterscheidest zwischen Trollen und Glaubenskriegern?

Genau. Neben der allgemeinen Enthemmung gibt es spezielle Gruppen. Die sind für sehr viel Leid im Internet verantwortlich. Sie sind in ihrer Motivation aber sehr unterschiedlich. Der Troll etwa. Im Web wird der Begriff zu inflationär eingesetzt. Da wird oft jeder als Troll bezeichnet, der eine andere Meinung hat. Der Troll ist eigentlich ein Provokateur, den die Schadenfreude antreibt, der negative Emotionen auslösen und Menschen in Streitigkeiten bringen will. Dadurch fühlt er sich intellektuell erhaben. Trolle leiden überdurchschnittlich oft an Sadismus. Sie sind auch oft persönlich nicht besonders politisch und machen sich über Leute, die überzeugt von etwas sind, sogar eher lustig.

Und die andere Gruppe?

Die Glaubenskrieger sind ganz anders. Den Begriff habe ich gewählt, um die Nutzer zu beschreiben, die total von einer Sache eingenommen sind. Sie versuchen ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer, ihre Weltsicht durchzubringen. Auch mit martialischen Mitteln: Falschmeldungen, Beleidigungen, Drohungen. Oft gibt es Verschwörungstheorien, die Bedrohungen in den Raum stellen. Glaubenskrieger halten das für echt, deshalb ist es plötzlich angemessen, jedes Mittel zu ergreifen um darauf hinzuweisen. Nachdem Falschmeldungen richtiggestellt werden, liest man von ihnen zum Beispiel oft den Satz „Aber es hätte auch wahr sein können“. Da geht es nur noch darum, dass etwas gefühlt wahr sein könnte und dadurch gibt es eine große Gleichgültigkeit gegenüber beweisbaren Fakten. Und auch eine besondere Aggression gegenüber Andersdenkenden, die schnell verunglimpft werden.

Es wird dann keine Quelle mehr akzeptiert, die etwas Abweichendes behaupten könnte. Die Tendenz haben wir bei manchen Themen aber alle, oder?

Ja. Aber es gibt Medienkonsum- und allgemeine Verhaltensformen, die einem helfen können, nicht zu einem harten Glaubenskrieger zu werden. Der Kontakt mit Andersdenkenden und Quellen, die nicht hundertprozentig dem eigenen Weltbild entsprechen, ist etwa sehr wichtig. Menschen, die etwa im Beruf viel mit Andersdenkenden konfrontiert sind, sind Studien zufolge auch besser informiert. Kann man mit anderen nicht mehr sachlich diskutieren, sitzt man selbst viel öfter Falschmeldungen auf. Intellektuell im Gespräch bleiben und Medien lesen, die etwas anders denken – mit solchen „Tricks“ kann man sich etwas davor schützen, es sich zu leicht zu machen.

Welche Rolle spielt da Facebook mit seinen Algorithmen?

Wir wissen es nicht. Facebook gibt unabhängigen Wissenschaftlern keinen Zugang zu den nötigen Daten. Eine aus wissenschaftlicher Hinsicht zutiefst umstrittene Studie zur Filterblase haben Facebook-Mitarbeiter selbst durchgeführt. Die wurde dann so dargestellt, als wäre der Effekt sehr klein. Aber selbst in dieser Studie gab es einen messbaren Unterschied zwischen liberalen und konservativen Nutzern. Das Problem ist eine Mischung aus Mensch und Maschine. Wir Menschen haben uns natürlich schon immer mit Nachrichten versorgt, die unser Weltbild bestätigen. Früher gab es Parteizeitungen. Aber auf Facebook geht das noch viel weiter ins Detail.

Was gibt es für einen politischen Handlungsbedarf bei Hass im Netz?

Wir haben im deutschsprachigen Raum eigentlich recht gut Gesetze. Da besteht nur zum Teil rechtlicher Nachbesserungsbedarf. Einer wäre, dass bedrohliche Kommentare derzeit keine gefährliche Drohung nach juristischer Definition sind. Etwa wenn jemand schreibt: „Du solltest dich nicht wundern, wenn du eines Nachts überfallen und vergewaltigt wirst“. Das ist juristisch nicht konkret genug, für das Opfer ist das aber vergleichbar. Wenn etwas kein Offizialdelikt ist – also etwa auch Beleidigungen – hat die Staatsanwaltschaft aber keine Handhabe, kann deshalb auch nicht aktiv werden und Täter ausforschen.

Was würdest du jemandem raten, wenn er im Web schwer beleidigt oder bedroht wird?

Auf jeden Fall alles dokumentieren. Viele Betroffene erzählen mir, dass sie im ersten Schock alles gelöscht haben. Dann kann man es nicht vor Gericht bringen und weiß auch nicht, wer der User war. Wenn man sich wirklich bedroht fühlt, dann sollte man es auch wirklich anzeigen. Viele Menschen glauben, das hat keine Chance. Aber es gibt eine. Und je mehr angezeigt wird, desto mehr wird auch durchgehen. Das Dritte ist: Nicht alleine bleiben. So etwas nagt an einem. Man sollte sich Verbündete suchen, auch Freunde auf Facebook darauf hinweisen.

Das heißt, du würdest auch Leuten raten, einzuschreiten und etwas zu schreiben, wenn sie so etwas mitbekommen?

Viele Betroffene sagen, Unterstützung hat sehr geholfen. Dadurch sieht man, dass die Anfeinder komisch sind und nicht man selbst. Man muss nach seinem Einschreiten dann auch nicht ewig mit aggressiven Usern herumdiskutieren. Es gibt kein Recht auf eine Antwort auf einen Kommentar. Und man kann natürlich auch einschreiten, wenn man inhaltlich mit der betroffenen Person nicht übereinstimmt.

Bio: Das Gespräch führte Tom Schaffer. Tom ist freier Journalist und Medienmacher mit einer Leidenschaft für sachliche Diskussionen. Er betreibt unter zurpolitik.com, ballverliebt.eu und rebell.at Blogs und Podcasts zu den Themen Politik & Medien, Fußball sowie Games & Technologie.

Podcast-Musik: Sidewalk Shade – slower von Kevin MacLeod (http://incompetech.com), Creative Commons: By Attribution 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/ )

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