5. Dezember 2016

News or Not von

Von einer anderen Perspektive aus…

80% der Jugendlichen könnten Werbung und News – also Nachrichten – nicht voneinander unterscheiden, so eine Meldung der Seite t3n, der ich bei Xing begegnet bin. Darin heißt es, dass die kalifornische Stanford Universität im Zeitraum Januar 2015 bis Juni 2016 die Datensätze von Schüler_innen (Mittel- und Oberstufe), sowie einiger Studierender ausgewertet habe. Die 7.804 Datensätze aus 12 US-Bundestaaten zeigten, dass 80% der Befragten Werbungen nicht von Nachrichten unterscheiden könnten. Ähnliche Ergebnisse seien bereits im Jahr zuvor von der britischen Medienaufsichtsbehörde gefunden worden, dabei wäre deutlich geworden, dass nur 31% der 12-15-jährigen Schüler_innen den Unterschied erkennen würden und die jüngeren in der Altersgruppe 8-11 würden diese Aufgabe gerade zu 16% bewältigen.

Als kritisch sei weiterhin anzusehen, dass Viele Informationen für wahr halten, sowie sie über Google zu finden seien (t3n 2016).

Ich hinke grad der Zeit hinterher, denn mir fiel die Meldung zwar am Erscheinungstag auf, allerdings kam ich zunächst nicht dazu, meine Gedanken zu formulieren. Da sich nun seit Tagen die „Konsequenzen aus diesen Untersuchungen“ durch viele Facebook und Xing Beiträge ziehen, Expert_innen ihre Besorgnis bekunden und Pädagog_innen planen, wie dies zu ändern sei, möchte ich es jetzt nachholen.

Die Forderung nach einer kritischen Mediennutzung ist nicht wirklich neu. Die Grundlagen, die es dazu braucht sind u.a. bei Baake seit vielen Jahren beschrieben. Denn die Medienpädagogik hat sich ja nicht mit der Klage über den „Verfall“ begnügt, sondern Dimensionen der Medienkompetenz klar formuliert. Gleichfalls gibt es hinreichend Untersuchungen, Modellprojekte, Evaluationen und entsprechende Literatur zur Notwendigkeit einer alltagspraktischen (um nicht zu sagen, einer alltagspragmatischen) Nutzung der Medien.

Dass die Nutzung von Medien mit Bildung und einer entsprechenden Reflexivität einhergehen muss, dürfte auch relativ unumstritten sein.

 

Was also sagt mir die Studie wirklich?

Mich erinnerte sie zunächst an meine Eltern, die sich beim Lesen des Prints der „Apotheken Umschau[1]“ über neue Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten informiert. Die Aussagen „Ich habe das da gelesen…“ und „… da stand, dass man xyz nehmen soll“ dürfte manchen vertraut sein. Der Effekt ist meiner Ansicht nach im Wesentlichen von den Print Medien zu bekannt, weshalb der Gesetzgeber dafür sorgte, dass Anzeigen von redaktionellen Beiträgen abgehoben werden müssen. Darüber hinaus gibt es klare rechtliche Vorgaben u.a. zur Werbung für Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Medikamenten, Heilmittel, Babynahrung und anderen Produkten.

Doch wie klar ist das für die Leser_innen zu trennen? Werden Beiträge zu Themen redaktionell aufgemacht und Werbung[2] entsprechend optisch nah gestaltet, so sind die Grenzen schwer zu erkennen.

Ebenso, wenn reine Werbebeiträge in einer redaktionell anmutenden Form publiziert werden. In beiden Fällen kann die angemahnte Unterscheidungsfähigkeit ja nur gegeben sein, wenn die entsprechenden Hinweise bekannt sind. WEISS der/die Leser_in nicht, worauf zu achten ist, wird es für ihn/sie schwierig Hinweise finden oder die Form richtig zu interpretieren.

Liegt es nun an „Defiziten“ der Rezipient_innen oder am Geschick der Anbieter_innen?

Ich finde es verkürzt, wenn der Diskurs sich zwischen den beiden Polen bewegt.

Dass die Fülle an Informationen, welche durch die digitalen Zugänge zur Verfügung stehen, mit entsprechenden (notwendigen!) Lernprozessen zur Differenzierung verbunden sein muss, ist aus der Perspektive deutlich, dass es eine kulturelle – also von Menschen gemachte und der gesellschaftlichen Phase entspringende Herausforderung ist.

Jugendliche stehen – ebenso, wie die Generation der Großeltern – vor der Aufgabe zu erkennen, wer ihnen welche Informationen bietet, mit welcher Intention und wie sich die Validität der Aussagen überprüfen und einordnen lässt.

Sie stehen allerdings noch mehr vor der Aufgabe, die Heterogenität der Aussagen und damit verbundenen Begründungslinien auf die Werte zu prüfen, die dahinterstehen und sich individuell für oder gegen die damit verbundenen Zugehörigkeiten zu entscheiden.

Um dies greifbarer werden zu lassen, möchte hier einen kurzen historischen Exkurs anbieten:

In den Jahren der Industrialisierung zogen die Menschen nicht nur vom Land in die Städte. In vielen Industriegebieten bildeten sich Siedlungsgemeinschaften[3], mit einem entsprechenden, dörflichen Charakter.  Die Werkssiedlungen sind heute zum Teil als „Erbe der Industriekultur“ geschützt. Doch was bedeutete diese Lebensform?

Die Familien hatten ihren Wohnraum und den sozialen Nahraum im Bereich des Werksgeländes. Dadurch war der Eigentümer (und Arbeitgeber) in der Lage zu kontrollieren, wer mit welchen Botschaften an die Arbeiter_innen herantreten konnte. Schule, Ausbildung, Sportvereine und geselliges Brauchtum spielte sich in einem milieuspezifischen, überschaubaren Rahmen ab.

Wenn wir heute von „Filterblasen“ und „Echoraum“ durch die Algorithmen lesen, scheint mir dabei die Unterschiedlichkeit von Lebenswelten noch immer nicht ins Bewusstsein gelangt zu sein.

Simmels Kreuzung zeigt schön auf, dass wir nur mit jenen in Austausch gehen können, die wir kennen. Lebenswelten (Interessen, Weltzugänge, Werte) die uns so bekannt sind, dass wir anschlussfähig sind, finden sich als Erklärung bei Luhmann ebenso, wie die Schwierigkeit miteinander zu kommunizieren, wenn die Begriffe [4] unterschiedlich besetzt sind.

 

Zurück zum Topic des Beitrags – was bedeutet das für die Ergebnisse der Studie?

  1. Die Jugendlichen können nur erkennen und unterscheiden, was sie als Unterscheidbar begreifen können, weil es ihnen bekannt ist.
  2. Die Intentionen derer, die Informationen bereitstellen, zu erkennen geht nur dann, wenn die Möglichkeit, dass es unterschiedliche Interessen geben könnte als solche bewusst ist.
  3. Die Generationen zuvor sind auch nicht „besser“.
  4. Es ist die auch (medien)pädagogische Aufgabe, das (kognitive) Handwerkszeug zum kritischen Diskurs zu vermitteln.
  5. Eine Aufgabe der Pädagogik besteht darin, ihr eigenes Normalitätskonstrukt kritisch zu reflektieren und sich der Vielfalt von möglichen Grenzlinien bewusst zu werden.
  6. Dies Bewusstsein sollte im Idealfall zu einer Wertneutralität führen, die nicht Toleranz mit Opfertum verwechselt, sondern die Werte, Normen und Dogmen als solche einer kritischen Betrachtung unterzieht und auf ihre kulturelle Entstehung hin betrachtet.
  7. Dies kann dazu führen, dass eine aufrichtige Wertschätzung für das „Alte[5]“ entsteht, die es dennoch nicht zwanghaft erhalten muss.
  8. Es soll dazu führen, dass die Richtung von Veränderungen durch Grundwerte der gegenseitigen Achtung gestaltet wird (analog zum Gebot der Gottes- Selbst- und Nächstenliebe, wie zu den UN Menschenrechten).

 

Quellen und Fußnoten

t3n 2016 http://t3n.de/news/news-werbung-internet-unterscheiden-jugendliche-769460/?xing_share=news

[1] „Das alles ist handwerklich durchaus gut gemacht; mehrfach wurden Geschichten aus der Umschau sogar mit Journalistenpreisen ausgezeichnet. Neben Artikeln ist das Magazin prallvoll mit dem, was jeder Verlagsmanager gerne sieht: Anzeigen. Für Medikamente und Reisen, Badewannenlifte und Gedenkmünzen. Seitenpreis: rund 63.000 Euro.“

https://www.welt.de/wirtschaft/article13815044/Der-zwiespaeltige-Erfolg-der-Apotheken-Umschau.html

[2] Die Interessenslagen sind dabei unter Umständen sehr verschieden – und der Umgang damit ungewohnt. „Kommerzielle Kommunikation ist essentiell für unsere Wirtschaftsordnung! Daher ist jeder politische Eingriff in die Werbungbedenklich für unsere Marktwirtschaft.“ Dr. Hans-Henning Wiegmann

Quelle: www.zaw.de, 13.03.2015. http://www.zaw.de/zaw/zitate_texte/zitat_10.php

[3] Die entsprechenden Dynamiken finden sich z.B. bei Elias/Scotson (1965) „Etablierte und Außenseiter“ hervorragend skizziert. Die Ergebnisse lassen sich auf viele der aktuellen Marginaliserungsprozesse von Gruppen übertragen.

[4] Nimmt man Luhmanns binären Code, so sind in den Systemen die Werte nicht nur zweipolig und stehen sich damit diametral gegenüber. Sie sind auch untereinander nicht in er Lage miteinander so zu kommunizieren, dass sie einander „verstehen“, sondern sie beziehen sich (vom Ziel) nur auf den Selbsterhalt – somit auf sich selbst. Nimmt man Watzlawick und den gemäßigten Konstruktivismus hinzu, werden die Folgen deutlich, besonders prägnant in der Geschichte vom Hammer.

[5] In den Mythen der Welt und den Kindergeschichten, wie Hui Buh, kann das Alte aufhören zu spuken (und dem Neuen in die Suppe zu spucken), wenn es erkannt und in seinem Kontext als sinnvoll begriffen/gesehen wurde. Vielleicht wert, auf dieser Basis zu prüfen, was in unseren kulturellen Leit-Bildern alles spukt….

Autorin: Sabine Oymanns
Bildungswissenschafterin MA familylab-Seminarleiterin Als Seminarleiterin, Wissenschaftlerin und als Mensch liegen mir Herausforderungen am Herzen. Wie können wir mit Begrenzungen und Grenzen umgehen? Wie sagen wir Ja und Nein und was sagen wir, wenn wir uns grad nicht in der Lage fühlen uns zu entscheiden? Die Gestaltung der Interaktionen, Reflexion der Prozesse und die wertschätzende Integration der eigenen Lebenserfahrung sind für mich die Schlüssel zum Gelingen. Hierbei fließen interdisziplinäre Zugänge in meine Arbeit ein, die ich individuell mit dem Menschen vor mir auswähle.

 

Hinweis: 
Passend zum Thema des Beitrages findet am 9.12. um 11.00 das Webinar „Factchecking im Internet“ statt.

Factchecking im Internet – Webinar

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