11. Januar 2017

eVolunteering – Freiwillig im Netz? – Dossier 3, Beitrag #5 von

Von Gerald Czech unter Mitarbeit von Sarah Hasanović

Betrachtet man die Zivilgesellschaft, also jenen sozialen Raum, der sich – wie das Christoph Badelt (Badelt, 2002) so schön formuliert hat – „zwischen Marktversagen und Staatsversagen aufspannt“, so tut sich ein riesiges Spektrum an Aktivitäten auf, die in diesem unbespielten Feld jenseits jeglicher Marktlogik durchgeführt werden. Soziale, kulturelle oder sportliche Aktivitäten werden hier hauptsächlich von Nonprofit-Organisationen (NPOs) durchgeführt, mit einem signifikanten Anteil an unbezahlten Ehrenamtlichen, deren Motivatoren jenseits finanzieller Anreize zu suchen sind. Über die Motivation zur Freiwilligenarbeit in Nonprofit-Organisationen gibt es viel an Material, beispielsweise eine Metastudie zum Abschluss des „Internationalen Jahres der Freiwilligkeit“ (Czech & Hajji, 2011).

Wer beispielsweise im Informationsbereich als Freiwillige/r aktiv ist, hat oftmals zusätzlich persönliche Gründe oder Motivationen1 dafür, warum er/sie gewisse Informationen mit spezifischer Perspektive der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen möchte.

Die Entkoppelung der Logik der Gewinnoptimierung von dem persönlichen finanziellen Nutzen, führt in vielen Organisationen des Nonprofit-Sektors allerdings auch zu einer Selektion der engagierten Personen. Denn solches Engagement muss man sich leisten können und auch wollen. Aus diesem Grund gibt es weitaus mehr freiwillig engagierte Akademiker und Akademikerinnen als Freiwillige mit Pflichtschulabschluss. Auch steigendes Alter und damit einhergehende bessere soziale Absicherung steigert die Bereitschaft sich freiwillig zu engagieren. Der Österreichische Freiwilligenbericht zeigt den Stand (Hofer, 2012).

Die rechtliche Definition der Freiwilligenarbeit in Österreich (§2 FreiwG) beinhaltet die Tätigkeit für andere, in einem organisatorischen Rahmen, unentgeltlich, mit dem Zweck der Förderung der Allgemeinheit oder aus überwiegend sozialen Motiven und ohne Erwerbsabsicht. Per Gesetz sind demnach einige Bereiche des eVolunteerings nicht „freiwillig“, vor allem deswegen, weil der organisatorische Rahmen der Freiwilligenorganisation fehlt.2

Alter Wein in neuen Schläuchen?

eVolunteering kann nicht einfach anhand bestehender Erfahrungen als eine Art digitaler Aspekt in die klassische offline-Freiwilligkeit integriert werden. Denn hier ist nicht nur von digital geleisteter ehrenamtlicher Arbeit in klassischen Organisationen des Nonprofit-Sektors die Rede: durch die digitale Revolution haben sich komplett neue Organisationstypen ergeben, die unabhängig von klassischen Einrichtungen entstanden sind, in denen die digitale Freiwilligkeit oftmals bloß komplementär zu klassischen Formen des freiwilligen Engagements gebräuchlich ist.

So strukturieren und organisieren Digitale oft transnationale Organisationsformen – das sogenannte Internet – seit vielen Jahren, sei es im Bereich der offenen Software (Linux, GNU, …) oder im Bereich der offenen Informationen, zum Beispiel bei Wikipedia. Betriebssysteme wie Linux wären ohne freiwilliges Engagement der daran Beteiligten nicht möglich, auch Wikipedia ist eine Informationsquelle, deren Autorinnen und Autoren freiwillig ihre Informationen zu Verfügung stellen, auch der Review erfolgt durch Volunteers. Diese Freiwilligen im Web erweisen der Allgemeinheit nachweislich einen Dienst, tun dies entgegen aller idealistischen Vorstellungen jedoch nicht immer aus rein altruistischen Motiven3. Aber auch die meistverwendeten Server-CMS (Content Management Systems) Typo3, WordPress, Joomla sind Open Source (quelloffene) Produkte mit hohem Anteil an eVolunteers unter den EntwicklerInnen. Diese Perspektiven werden von den laufenden Diskursen meistens ausgespart. Im Zentrum stehen eher klassische Organisationen und ihre Freiwilligen.

Doch gerade in der Open Source-Bewegung spielt das freiwillige Engagement oft eine Rolle. Wenn der Produktnutzen schon von dem direkten finanziellen Mehrwert entkoppelt ist, macht es Sinn, auch die Entstehungsgenese vom monetären Aspekt und der damit kurzfristigen individuellen Nutzenmaximierung zu befreien.

eVolunteering, IRL Volunteering, blended Volunteering?

Für den theoretischen Zugang zum Phänomen eVolunteering ist es unumgänglich unterschiedliche Typen des ehrenamtlichen Engagements voneinander abzugrenzen, die in Reinform so wohl selten solitär existieren. Auf der einen Seite sind die – nennen wir sie – „klassischen Freiwilligen“, die ihre unbezahlte, zumeist altruistische Tätigkeit, live und als Person vor Ort erbringen. Auf der anderen Seite besteht der Typus des eVolunteers, der/die mit Hilfe digitaler Unterstützung eine Leistung erbringt. Beide engagieren sich ohne Bezahlung, allerdings ist die live-Verfügbarkeit am Ort der Leistungserbringung beim eVolunteer nicht zwangsläufig notwendig. Jähnert hat hier bereits vor einigen Jahren eine Klassifikation vorgeschlagen, in der die Orts- und Zeitunabhängigkeit das Kriterium ist, anhand dessen zwischen klassischem und eVolunteering unterschieden wird. (Jähnert, 2012)

Ob es Sinn macht, soziales altruistisches Engagement nach den unterschiedlichen Kanälen der Kommunikation mit den Benefizientinnen und Benefizienten oder den organisatorischen Backbones zu segmentieren, sei dahin gestellt. Denn heutzutage hat wohl jedes freiwillige Engagement einen gewissen Anteil an digitaler Kommunikation: sei es der Dienstplan im Google-Kalender oder in der Facebook-Gruppe, die eMailing-Liste für Informationen oder die Moodle-Plattform für das Online-Training der Freiwilligen. Dabei ist die Verwaltung der Leistungen noch gar nicht miterfasst.

Wichtig scheint diese Typologie mehr für die Organisationen als für die Freiwilligen selbst, denn sie müssen neue Möglichkeiten der Mitarbeit im digitalen Bereich anbieten. Sie müssen bestehende Freiwillige halten und attraktiv für potentielle Engagierte sein, die sich weder physisch an eine Organisation, noch geografisch an einen Ort binden lassen und die Fähigkeiten besitzen, die dem auch widerstreben würden. Natürlich kann bei Weitem nicht jede Freiwilligenarbeit in digitaler Form passieren, aber das Spektrum der Angebote für freiwilliges Engagement muss signifikant erweitert werden. Letztendlich dient das nicht nur den Freiwilligen, sondern auch den etablierten Organisationen selbst, da sie so besser wirken können.

Es braucht ein digitales Freiwilligenmanagement

Wie im klassischen Engagement gibt es auch im eVolunteering-Bereich unterschiedliche Ebenen: Die Bandbreite reicht von der bloßen Unterstützung für Initiativen (sogenannter Clicktivism), über das Nutzen eigener Netzwerke für die Kommunikation von Initiativen, bis hin zu regelmäßigem und langfristigem digitalen Engagement. Stellt eine Organisation den Freiwilligen die für sie passenden Angebote zur richtigen Zeit zur Verfügung, kann sie – wie im klassischen Freiwilligenmanagement auch – profitieren und die Fühler in Richtung neuer Wirkungsfelder ausstrecken. Neue Aufgaben schaffen Präsenz an neuen Orten und persönliche Befriedigung beim Engagierten.

Im Sinne einer Leiter des Engagementlevels, der so genannten „Ladder of Engagement“, wie sie auch im digitalen Kampagnenmangement eingesetzt wird, kann auch hier je nach Ausbildungs- und Sozialisierungsgrad der oder des jeweiligen Freiwilligen ein erreichbares Ziel gesteckt werden. Denn die globalen strategischen Ziele einer Nonprofit-Organisation können ob ihrer Unerreichbarkeit für den Einzelnen hemmend und überfordernd wirken: eine Welt ohne Krieg, ohne hungernde Kinder, ohne Rassismus , ohne leidende Kranke. Werden diese idealisierten Ziele in kleine, verträgliche Arbeitspakete umgewandelt, fühlt sich der/die einzelne Freiwillige gebraucht und in seinem/ihrem Tun bestärkt.

Gleichzeitig kann man die Perspektive der Mitarbeitenden von nicht enden wollender laufender Arbeit – denn dazu führen die unerreichbaren höheren Ziele – hin zur Kampagnenarbeit, adaptieren. Das bedeutet auch eine Disruption etablierter Organisationsformen (Maderthaner, 2015), die die persönliche Wirkung in den Mittelpunkt stellt.

Neben der Übersetzung von übergeordneten strategischen Organisationszielen in die Mikroebene der tagtäglichen Arbeit, braucht es beim digitalen Engagement in NPOs auch eine Angebotsebene, die sich abseits von örtlichen Zugehörigkeiten bewegt. Gerade österreichische Nonprofit-Organisationen mit einem geographischen Paradigma der Zuständigkeit – ein Nebeneffekt der föderalen Organisation Österreichs – neigen dazu, Organisationsherausforderungen nicht zu sehen, wenn die Brille der Bundesländer und Postleitzahlen kein Bild liefert. Hier braucht es Lösungsformate, die von der geographisch geprägten Struktur unabhängig dieselben Methodensets einsetzen können, um Engagement zu kanalisieren und im Sinne der Organisationsziele zu fokussieren: es braucht also ganz klar ein überregionales digitales Freiwilligenmanagement.

Integrierte Organisation oder distinkte eVolunteering-Silos?

In den vergangenen Jahren haben sich weltweit digitale Freiwillige in vielen Bereichen etabliert. Dabei gibt es einerseits Initiativen, die diese Art des Engagements bündeln und dann anderen Organisationen zur Verfügung stellen: Crisis-Mappers zum Beispiel, ein internationales Netz an Crowdmappern, die, auf Anforderung der vor Ort befindlichen NPOs und UN-Agenturen, bei großen internationalen Katastrophen Lagekarten und andere mapping-Produkte on-the-fly erstellen. Patrick Meier, einer der Gründer der Initiative, erklärt die Idee dieser Form des Engagements in einem Video.

Eine andere Variante ist, digitale Freiwillige in das Konzept einer Organisation miteinzubinden. Das Kolumbianische Rote Kreuz bittet beispielsweise Freiwillige, ihre Trainings- und Ausbildungsunterlagen zu erstellen. Auch das Österreichische Rote Kreuz greift immer wieder auf online-Volunteers innerhalb der Organisation zurück. Sei es im Bereich des Lektorats von Buchprojekten, dem Social Media-Management bei großen Katastrophen, Übersetzungsarbeit oder Programmierungen.

Darunter fällt auch das Engagement für mehr Menschlichkeit in den sozialen Medien. Gerade als in sozialen Netzwerken aktive Organisation ist das Rote Kreuz an einem produktiven, menschlichen Dialog auf all seinen Online-Präsenzen interessiert. Um diesen zu erhalten und unmenschliche Stimmen zu neutralisieren, engagiert sich das Rote Kreuz gemeinsam mit anderen Playern gegen Hass im Netz. User (BenutzerInnen) werden dabei zu BotschafterInnen der Menschlichkeit auf Facebook – auch so kann eVolunteering ausschauen. In allen genannten Bereichen war und ist die Anbindung der Freiwilligen an die Organisation nicht über die standardisierten Schnittstellen möglich, sondern passiert spontan und individuell.

Es scheint daher sinnvoll, für den Bereich der Online-Freiwilligkeit eigene Strukturen zu etablieren, entweder im Bereich von bundesweiten Dachorganisationen, oder als eigene distinkte auf ein Thema oder eine Leistung spezialisierte Einheiten, die ihre Dienste dann im Sinne von Meta-Nonprofits für andere Organisationen anbieten.

Einige Best-Practices zum digitalen Volunteering

Mapathon: Ärzte ohne Grenzen und Österreichisches Rotes Kreuz laden immer wieder ein, gemeinsam digital zu helfen
● Crowdtasking: Hier gibt es erste Initiativen zum Einsatz von Crowdtasking im Bereich des Katastrophenmanagements: www.reacta.at
● UN Volunteers auf onlinevolunteering.org vernetzen potentielle Freiwillige mit Projekten im Bereich der nachhaltigen internationalen Zusammenarbeit
● Wheelmaps: Eine Landkarte der Barrierefreiheit www.wheelmap.org
● Ushahidi ist eine Plattform zum Crowdmapping, die auf eine Initiative aus Kenia zurückzuführen ist: www.ushahidi.com

1 Die Motivationsdifferenzen unterschiedlicher Freiwilliger bei gleichen Zielen ist generell ein spannendes Thema, das einer näheren Betrachtung wert wäre. So finden sich beispielsweise religiös Motivierte gemeinsam mit friedensbewegten Atheisten und linken Weltverbesserern in der geteilten Rotkreuz-Idee der Menschlichkeit.

2 So wie das gesamte Freiwilligengesetz in der Hauptsache der Definition von freiwilligem Sozialen Jahr und Gedenk-, Friedens- und Sozialdienst im Ausland gewidmet ist.

3 Wiewohl hier die Motivlage wahrscheinlich eher der Informationsfunktion und der daraus entstehenden Wirkungen zukommt, als der Tatsache, dass diese freiwillig erfolgt.

Literaturverzeichnis

Badelt, C. (2002). Zwischen Marktversagen und Staatsversagen? : Nonprofit Organisationen aus sozioökonomischer Sicht . In M. M. Christoph Badelt (Herausgeber), Handbuch der Nonprofit Organisation : Strukturen und Management. (S. 107-128). Stuttgart: Schäffer-Pöschel.
Czech, G., & Hajji, A. (2011). Warum man sich das antut: Motivationsfaktoren für freiwilliges Engagement in Österreich. Wien: Österreichisches Rotes Kreuz.
Hofer, B. (2012). Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des Freiwilligen Engagements in Österreich. Wien: Sozialministerium.
Jähnert, H. (2012). Was ist Online-Volunteering. Von Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement: http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2012/03/nl05_jaehnert_online-volunteering.pdf abgerufen
Maderthaner, P. (2015). The New Immediacy: How Campaigning disrupts Organizations of All Kinds. Campaigning Summit.

Bio:
Gerald Czech ist interimistischer Leiter Marketing und Kommunikation im Österreichischen Roten Kreuz und seit vielen Jahren als @redcrosswebmast in den sozialen Medien aktiv. Als Sozioökonom mit Schwerpunkt auf NPO-Management ist er auch immer wieder im Grenzland zwischen Sozialwissenschaften, Resilienzforschung und Katastrophenmanagement tätig und bleibt als ehrenamtlicher seiner Rotkreuz-Bezirksstelle in Brunn am Gebirge treu.

Sarah Hasanović ist im Kommunikationsteam des Österreichischen Roten Kreuzes tätig. Nach einige Jahren im off- und online-Journalismus und einem Jahr bei einer NGO im Ausland kümmert sie sich seit 2012 im Team New Media & Campaigning um die Content und Social-Media-Agenden der Organisation.

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