16. Januar 2017

Mit Code die Welt verbessern – ein Anspruch der nächsten Generation – Dossier 3, Beitrag #6 von

Interview mit Maria Reimer und Daniel Seitz

»Mit Code die Welt verbessern« – das ist das Motto von “Jugend hackt”, das als Programm zur Förderung des Programmiernachwuchses 2013 in Berlin startete. Zur ersten Veranstaltung kamen nicht wie erwartet zwanzig, sondern sechzig Jugendliche, die mit ihren technischen Fähigkeiten die Welt verbessern wollten. Heute ist das gemeinnützige Förderprogramm für junge computerbegeisterte Menschen in Deutschland, der Schweiz und Österreich aktiv.

“Jugend hackt” versteht sich allerdings nicht zuerst als Talenteschmiede für die Industrie, sondern vielmehr als Raum, in denen digitale Kompetenzen gemeinsam zelebriert und kollaborativ erweitert werden. Die Teilnehmer*innen werden von Mentor*innen deswegen nicht nur technisch unterstützt, sondern auch für die gesellschaftliche Relevanz ebendieser Fähigkeiten sensibilisiert. Es wundert also nicht, dass “Jugend hackt 2016” den Deutschen Engagementpreis in der Kategorie „Demokratie stärken“ gewonnen hat.

Wie ist die Idee zu “Jugend hackt” entstanden und warum habt ihr überhaupt eine Notwendigkeit für so ein Format gesehen?

Maria Reimer: Die technologische Revolution verändert alles: Unser wirtschaftliches Ökosystem, unser Sozialgefüge, unsere Arbeit, unsere Beziehungen. Aber wer diesen Wandel besteht oder, noch besser, gestalten kann, ist reiner Zufall. Der kundige, kritische Umgang mit Technologie und Medien darf aber kein Zufallsprodukt sein. Deshalb haben wir “Jugend hackt” gegründet – ein gemeinnütziges Förderprogramm für die nächste Generation, die wir zur Gestaltung unserer Gesellschaft dringend auf unserer Seite brauchen. Schon seit Jahrzehnten gibt es schließlich Jugendprogramme beispielsweise im Bereich Forschung oder Musik. Wir fanden, dass ein Förderprogramm für Computerbegeisterte und -talentierte überfällig war.

Was haben Coding und zivilgesellschaftliches Engagement eigentlich miteinander zu tun?

Maria Reimer: Ein enormer Teil von Technologie beeinflusst unser gesellschaftliches Zusammenleben. Wir brauchen eine ausführlichere kritische Auseinandersetzung, was den Einsatz von Technologie angeht: Sind Wahlcomputer wirklich eine so gute Idee? Wer haftet, wenn Drohnen Unfälle bauen oder gar Menschen töten? Und wo kann Programmcode unser Zusammenleben besser machen? Aber es geht nicht nur um das große Ganze. Auch die individuelle Verantwortung muss beleuchtet werden. Welche Moral und Zivilcourage erwarten wir von den Menschen, die einen Staatstrojaner programmieren sollen oder wie Edward Snowden von weltweiten Ausspähprogrammen erfahren? Es ist unmöglich, die beiden Bereiche nicht miteinander zu denken.

Wie sieht es in der Praxis aus, wenn Jugendliche mit Code die Welt verbessern?

Daniel Seitz: Die Bandbreite der erarbeiteten Ideen und umgesetzten Prototypen der Jugendlichen ist riesig. Dabei ist immer wieder spannend, wie unkonventionell die Teilnehmenden Themenfelder identifizieren und Lösungen erarbeiten. Wir haben z.B. im Oktober 2016 den Themenschwerpunkt “Grenzen im Kopf” angeboten, um die Aufmerksamkeit der Jugendlichen auf (ihren) Alltagsrassismus und individuelle Verantwortung in einer globalisierten Gesellschaft zu lenken. Dabei entstand “Stereotyper”, ein “Tinder” für Rassismus. “Tinder” ist eine aktuell sehr beliebte Dating-App (Anwendungssoftware), die über einfaches Wischen des Screens Menschen miteinander verbindet. “Stereotyper” geht weiter und sucht nach inhaltlichem Austausch, der nach Abarbeiten eines Fragenkatalogs zwei Menschen mit sehr unterschiedlichen Stereotypen auf Bevölkerungsgruppen miteinander verbindet und ihnen somit die Chance gibt, diskursiv an ihren Alltagsrassismen zu arbeiten.

Das Phänomen der digitalen Kluft ist auch unter Jugendlichen zu beobachten. Faktoren wie Haushaltseinkommen, Geschlecht oder Bildung der Eltern haben nach wie vor Einfluss auf die Fähigkeiten der Jugendlichen. Sollten die Kompetenzen, die für solche weltverbessernden Projekte notwendig sind, deswegen langfristig auch in der Schule Platz finden?

Maria Reimer: Ja. Medienbildung muss natürlich noch stärker in die Lehrpläne Eingang finden. Ob das ein separates Schulfach sein sollte, ist eine andere Debatte, die ich persönlich verkürzt und nicht zielführend finde. Aber wie sollen Geschichte, Physik, Englisch, Sozialkunde ohne die Beschäftigung mit Computern, Medien, Technik in Zukunft noch erfolgreich funktionieren?

Wie ist der status quo hinsichtlich Medienpädagogik? Wo seht ihr Potentiale und Aufgaben für die nächsten Jahre?

Daniel Seitz: Nach wie vor werden Medienpädagogik und Medienbildung stiefmütterlich behandelt – entgegen vieler Lippenbekenntnisse aus Politik und Wirtschaft. Aktuelle Phänomene wie “Fake-News” und die Debatten um “Social-Bots” zeigen nicht nur, wie schnell neue Themen aufkommen können, sondern auch, wie schwach ausgeprägt strukturelles Wissen um Technologie in der Breite der Gesellschaft ist. Neben den dringend anstehenden Aufgaben im Schulbereich, bedeutet dies auch für alle anderen Bildungsbereiche hohen Bedarf für aktuelle Inhalte und neue Formate. Gerade werden wegweisende Technologien eingeführt – ohne eine breite kritische Zivilgesellschaft, die deren Auswirkungen auf unser Zusammenleben diskutiert und begleitet.

Was kann die politische Ebene dazu beitragen?

Daniel Seitz: Eine informierte Öffentlichkeit herstellen, indem sie kurz- und mittelfristig auf die Bildungsbedarfe reagiert. Weder wird ein “Wahrheitsministerium” als Reaktion auf “Fake-News” weiterhelfen, noch werden Diskussionen um moralische Standards zur Bundestagswahl zum Einsatz von “Social-Bots” helfen, wenn rechtspopulistische Parteien wie die AfD (Alternative für Deutschland) diese einsetzen und keine kritische Öffentlichkeit existiert, die den moralisch richtigen Weg der anderen Parteien unterstützt.

 

Bio:

Maria Reimer arbeitet bei der Open Knowledge Foundation Deutschland, für die sie 2013 “Jugend hackt” ins Leben gerufen hat. Zudem ist sie ehrenamtlich bei FragDenStaat.de aktiv. Die studierte Politikwissenschaftlerin hat beim Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) zur Innovationsfähigkeit des föderalen Bildungssystems geforscht und für Transparency International Deutschland eine Strategie zur digitalen Öffnung des Vereins geschrieben. Maria Reimer war bis 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten.

Daniel Seitz ist Gründer von medialepfade.org. Als Medienpädagoge ist er überzeugt, dass Medienbildung einen wichtigen gesellschaftlichen Anteil zu politischer Teilhabe, Selbstentfaltung und Kreativität leisten kann. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind politische Bildung mit Webvideo sowie coding, making und deren gesellschaftlichen Auswirkungen.
Daniel Seitz engagiert sich in der „Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur“ (GMK) und im Beirat des „Fonds Soziokultur“ und schreibt u.a. für das Medienpädagogik Praxisblog und netzpolitik.org.

Magdalena Reiter arbeitet als selbständige Designerin mit einem Schwerpunkt auf Gestaltungstheorie und Netzpolitik. In ihrer Arbeit untersucht sie sowohl theoretisch als auch prototypisch, welche Bedingungen fruchtbar für kollaboratives Schaffen und kreative Zusammenarbeit in der digitalen Gesellschaft sind. Reiter war maßgeblich daran beteiligt, das gemeinnützige Programm “Jugend hackt 2016” gemeinsam mit der OPEN COMMMONS LINZ nach Österreich zu bringen. Zudem koorganisiert sie seit 2015 als Gründungsmitglied den Netzpolitischen Abend im Metalab, Wien.

Fotocredits:

Foto: Leonard Wolf (Maria Reimer)
Foto: CC BY bpb.de (Daniel Seitz)
Foto: CC BY-SA 3.0 Katharina Meissner (Magdalena Reiter)

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