8. Februar 2017

NoHateSpeech ist sowas von 2016 – Dossier 3, Beitrag #9 von

In der erlauchten LeserInneschaft Personen zu finden, die 2016 dem Thema Hass im Netz nicht begegnet sind, ist sehr unwahrscheinlich. Medien, NGOs und die Politik haben diesen Begriff verwendet und je nach Interessenlage mit Inhalten aufgeladen. Die Botschaft ist klar – wir sind gegen Hassrede im Internet. Doch die Mittel zum Umgang sind verschieden und die einhergehenden Herausforderungen werden sehr unterschiedlich aufgefasst. Eines hat sich schon abgezeichnet: Ohne einen Schulterschluss aller interessierten Kräfte und ohne konsequenter Bewusstseinsbildung wird diesem Phänomen nicht beizukommen sein.
Dieser Beitrag soll einen Überblick geben und zur vertiefenden Auseinandersetzung einladen. Die gute Nachricht: Es gibt einige Initiativen, die beispielhaft vorangehen und handeln. Mein persönliches Anliegen ist eine Begriffswendung weg vom Hass, dem wir sprachlich machtlos ausgeliefert sind, hin zu einer Digitalen Courage, die uns Wege im Umgang mit dieser Netzkultur weist.

Und jetzt doch eine kurze Begriffsdefinition: „Hate Speech ist, wenn man Worte und Bilder als Waffe einsetzt, bewusst, gezielt und voll auf die Zwölf. Wenn Menschen abgewertet, angegriffen oder wenn gegen sie zu Hass oder Gewalt aufgerufen wird, dann nennt man es Hate Speech. Oft sind es rassistische, antisemitische oder sexistische Kommentare, die bestimmte Menschen oder Gruppen als Zielscheibe haben“ (hier zu finden). Viele dieser Meldungen und Kommentare verlassen nicht nur den Pfad des guten Geschmacks sondern auch den gültigen Rechtsrahmen. Sie schaffen Zerrbilder der Realität und schrecken auch nicht davor zurück zu lügen.

Relevanz durch Verbreitung

Die teilweise sehr rau formulierten Meldungen sind in der Netzkultur nichts neues. Wir alle kennen die unglaublich langen Diskussionen unter Newsbeiträgen von fragwürdigen Plattformen, in denen sich Personen mal mehr, mal weniger qualifiziert unter teilweise kreativen Namen mit ebenso haarstäubenden Thesen einbringen. Doch hat sich durch die laufende Technologisierung eine neue Kultur etabliert. Netzwerke wie Facebook sind neue Verteilerzentren für Inhalte mit geringer, bis teilweise vollkommen fehlender Qualitätssicherung. Anbieter fragwürdiger Inhalte finden dort nicht nur LeserInnenschaft, sondern auch die Personen/Accounts, die zur Weiterverbreitung anregen. Gepaart mit einer stabilen Netzgläubigkeit breiter gesellschaftlicher Schichten und dem Phänomen Suchmaschine, werden neue Wahrheiten geschaffen. In manchen Fällen werden Falschmeldungen von uns sogar als lustig empfunden. Das Hereinfallen beispielsweise auf Beiträge der Satireplattform „DieTagespresse“ gehört sicher zu den Aha-Erlebnissen von durchaus aufgeklärten und kritisch lesenden Menschen. Sobald solche Falschmeldungen die Satire verlassen und von populistischen und hetzerischen Strömungen genutzt werden, verlieren die Postings ihre Leichtigkeit und werden zu veritablen politischen Problemen.

Make your own Media – Hass ist keine Meinung

Wenn es zu einem Thema noch keinen Newsfeed gibt, wird eben einer geschaffen. Die Medienanbieter verfolgen teilweise das Interesse Unzufriedenheit in der Gesellschaft zu streuen. Abseits der Verwirrung durch Fehlinformation, lässt sich mit erfolgreichen „Falsch“-Meldungen sogar Geld verdienen. Im amerikanischen Wahlkampf wurde sichtbar, dass die Inhalte einerseits als politisches Wahlkampfmittel verwendet, andererseits aber auch aus rein monetären Interessen verbreitet wurden. Die VerbreiterInnen solcher Falschmeldungen überlegen nach den Hasskampagnen gegen PolitikerInnen als nächstes Thema Gesundheit und Ernährung zu nutzen, um Geld zu verdienen. Somit entstehen Inhalte, die bewusst politisch, oder rein nach kommerziellen Interessen geschaffen werden. In trauter Einigkeit mit Facebook, Twitter, Google & Co werden diese Meldungen meinungsbildend und bedrängen den klassischen Journalismus. Also wem noch vertrauen? Viele zivilgesellschaftliche Initiativen versuchen parallel zum Qualitätsjournalismus diese Contentbrille anzubieten – entweder durch Meldesysteme, oder durch Sensibilisierung.

mimikama Meldeplattform
Österreichisches Rotes Kreuz
Mauthausen Komitee
Neue deutsche Medienmacher
#aufstehn
Zara
Amadeu Antonio Stiftung
Bundestrollamt für gegen Hass im Netz

Die Sprache ist das Werkzeug

Erschreckend ist die ungewohnte Sprache mit oft vereinfachten Botschaften und teilweise infamen Lügen in den Texten. Die in solchen Diskussionen gelernte, bzw. gelesene Sprachkultur wirkt sich direkt und indirekt auf den Austausch in diesen Netzwerken aus. Plötzlich werden Worte und Formulierungen salonfähig, die entweder vorher noch niemand kannte, oder so nie über die jeweiligen Lippen gekommen wären.

Die Hassrede ist in der Geschichte ein viel verwendetes Mittel. In der Antike ist sie ebenso zu finden, wie im Sprachgebrauch eines Nationalsozialistischen-Regimes. Es ist ein stetiger Versuch die Sprache zu verändern, radikale Formulierungen zu etablieren. „Die so veränderte Sprache bleibt nicht immer nur in der Dimension des Textes stehen, Sprachentgleisungen schreiten nicht einfach nur unbegrenzt fort, an ihrem Höhepunkt angelangt bereiten sie vielfach eine neue Dimension vor, jene, in der die Tat in der Lage ist, das Wort zu überschreiten.“ (näheres auch bei Dr. Paul Sailer-Wlasits).

Es gilt auf die Verwahrlosung der Sprache hinzuweisen, es heißt diese Sprache selbst nicht zu verwenden, es heißt selbst Übersetzungen zu verwenden und Medien darauf aufmerksam zu machen, wenn sie in die Falle dieser einfachen Sprache tappen.

Der Algorithmus ist ein Hund

Ingrid Brodnig (Profiljournalistin und Buchautorin) hat in einem Beitrag darauf hingewiesen, dass jegliche Aufmerksamkeit für Inhalte durch Kommentieren, Liken und Teilen, automatisch deren Verbreitung fördern. Egal, ob es sich um eine positive, oder negative Auseinandersetzung handelt. Diese Sichtweise schlägt einen sehr radikalen Umgang mit negativen Meldungen vor – einfach ignorieren ist die Devise. Der Algorithmus ist das größte Geheimnis aller Community-Anbieter. Solange es um die Vorliebe der UserInnen für Katzen, Bergfotos, oder Landschaftsbilder geht ist die Idee der BetreiberInnen durchaus sinnvoll. Sobald es jedoch in Richtung politischer Meinungsbildung geht zeigt das Konzept Lücken. Eines ist klar: Die Systeme zielen darauf ab allen BenutzerInnen die Inhalte zu zeigen, die sie potentiell interessieren. Das bedeutet in der momentanen Ausprägung den Ausschluss alternativer Meinungen – somit anders denkender Menschen im eigenen Netzwerk. Hier sind die Plattformen und ProgrammiererInnen gefragt neue Lösungen anzubieten. Ohne der aktiven Veränderung dieser digitalen Echokammern ist es auch für versierte NetzbenutzerInnen schwer ein objektives Meinungsbild zu erhalten.

Moderation zählt

Die neu gewonnene Freiheit im Meinungsaustausch heißt Page, Forum, Gruppe etc. Durch Shitstorms haben auch die überzeugtesten VerteidigerInnen einer Idee die Lust verloren sich an Diskussionen zu beteiligen. Das Wort Troll (der mit provokanten Meldungen seine Angel auswirft und wartet wer anbeißt) alleine genügt nicht mehr. Wir sprechen auch von Glaubenskriegern, die für ihre Idee in den Diskussionen mit allen Mitteln eintreten. Neben dem Versuch den Personen eine Typologie zu geben, hat sich dadurch eine ganz neue Form der Moderation entwickelt. Alles nicht dem gesellschaftlichen Rahmen entsprechende wird ausgeblendet – also für LeserInnen nicht mehr sichtbar gestellt. Das bedeutet den Verlust der Leichtigkeit von diesen freien Diskussionsorten. In größeren Strukturen ist es ohne dieser neuen Dienstleistung nicht mehr möglich lesbare Diskussionen zu führen. Umgekehrt wird es von einigen Gruppierungen auch genutzt, um konkrete Stimmung in eine Richtung zu betreiben. Plötzlich bleiben teilweise bedenkliche Inhalte lesbar und beschwichtigende, relativierende Beiträge werden gelöscht (nachzulesen am Beispiel von Claus Schwertner)

Politischer Wille ist gefragt

Mit wenigen Ausnahmen hat die Politik das Phänomen erkannt. Die Problemlösungsansätze unterscheiden sich. Das Ziel ist in den meisten Fällen dasselbe – den negativen Trend umzukehren. Eine Europaratskampagne mit dem klingenden Titel „No Hate Speech Movement“ hat es sich zur Aufgabe gemacht zu informieren und zu sensibilisieren. Durch Länderinitiativen begleitet werden so neue Inhalte geschaffen, die der Radikalisierung entgegentreten, die rechte Hetze im Netz aufzeigen und der Aufgabe, ein Meldewesen zu etablieren, nachkommen. In der von Mario Lindner (ehem. Bundesratspräsident) initiierten Enquete #DigitaleCourage ist in vielen ExpertInnenbeiträgen augenscheinlich geworden, dass es abseits der stetigen Sichtbarmachung von Hass eine Bewegung braucht, die nicht gegen etwas, sondern auch für etwas eintritt. Also von der Machtlosigkeit des Hassbegriffs zu einer couragierten Empfehlungskultur führt. Bildungsministerin Hammerschmid stärkt für 2017 noch den Begriff der Digitalen Kompetenz mit dem theoretischen Modell ein eigenes Schulfach daraus zu machen. Im Bereich Netzkultur gibt es aus vielen Ministerien sehr konkrete Ansagen und Angebote. Im letzten Jahr haben sich abseits der bisher genannten auch Bundeskanzler Kern, die zuständige Staatssekretärin Muna Duzdar, die Familienministerin Sophie Karmasin, die Frauenministerin Sabine Oberhauser, der Justizminister Wolfgang Brandstetter mit durchaus interessanten Ideen zu Wort gemeldet. Die breite Einigkeit, dass es ein juristisches und gesellschaftliches Phänomen ist, lässt hoffen, dass in diesem Themenkomplex ressortübergreifend agiert wird.

Sagen wir 2017 doch #DigitaleCourage

Abschließend mein Plädoyer für eine Änderung im eigenen Sprachgebrauch. Der Fachterminus „Hassposting“ und „Hass im Netz“ scheint so in Stein gemeisselt, dass daran nicht zu rütteln ist. Alleine beim Schreiben dieses Beitrags wurde mir wieder bewusst wie kompliziert es wird, nicht die erwähnten Worte zu verwenden und trotzdem auf die Schwere dieses Themas hinzuweisen (ich habe deshalb die Worte auch nicht konsequent vermieden). Sobald eine vertiefende Diskussion stattfindet, ist festzustellen, dass nicht mehr nur von Hass, sondern in einer fast militärischen Diktion von Verteidigung, Kampf gegen Hasspostings, Krieg im Internet etc. gesprochen wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir an unserem eigenen Umgang mit dem Thema arbeiten müssen und den Sprachgebrauch (vor allem gegenüber den Medien) ändern müssen. Lassen Sie uns von Digitaler Courage sprechen, lassen Sie uns die positiven Erlebnisse hervor streichen und schaffen wir Vorbilder wie es anders geht.

Bei einem von Staatssekretärin Muna Duzdar eingeladenen Netzwerktreffen äußerten viele TeilnehmerInnen den Wunsch nach guter Vernetzung, objektiver Information und finanzieller Unterstützung beim Aufbau zivilgesellschaftlicher Projekte für eine positive Netzkultur und für eine Bewusstseinsbildung, die mit Verantwortung mit dem Betrieb von eigenen Onlineplattformen verbunden ist. Dieses Thema verlangt viel Aufmerksamkeit und geht durch alle Gesellschaftsschichten, Alterskohorten und Bildungsbiografien. Diesen Wünschen kann ich mich nur anschließen.

Christian Kern hat seine Position im Plan A unter dem Titel Hass ist keine Meinung mit den Kernforderungen: Verstärkung und Förderung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, Medienrecht auch für Foren und Social-Media-Plattformen, Verbesserung der Ahndung von strafrechtlich relevanten Delikten, Beratung und Hilfe für betroffene und verunsicherte NutzerInnen zusammengefasst und lädt zur aktiven Mitgestaltung ein.

Abschließen möchte ich mit einer Aufforderung des Bundestrollamtes:
Lassen Sie nicht zu, dass in unserem wunderschönen Cyberraum aus Nullen und Einsen, die Nullen das Sagen haben. Hass ist keine Meinung – machen Sie mit, laut und freundlich.

Weitere noch nicht erwähnte Links:

Grünbuch Digitale Courage
10 Tipps gegen Hass im Netz
Safer Internet

Bio:
Helmuth Bronnenmayer ist Unternehmer in Wien und berät im Bereich Digitale Kommunikation. Politisch engagiert er sich für Open Data und hat gemeinsam mit dem Bundesratspräsidenten Mario Lindner den Themenschwerpunkt Digitale Courage initiiert.

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