Artikel von Werner Reiter


  • Blog · Dossier 1 - Bildung · Dossiers17. April 2015

    Digitale Kompetenz ist keine Frage des Alters – Dossier #10

    Bei der digitalen Kompetenz verlaufen die Trennlinien eher zwischen den sozialen Schichten als zwischen den Altersgruppen; zumindest wenn man die Menschen betrachtet, die älter als die so genannten Digital Natives sind. Die heutige Generation 60+ hat größtenteils bereits Erfahrungen mit Smartphone, Computer und Internet und diejenigen, die noch nicht so fit damit sind, brauchen meist auch keine spezifischen, auf Senioren zugeschnittenen Bildungsangebote, um diese Fitness zu erlangen.

    Wer heute in Pension geht, hat während des Berufslebens meist schon mit digitalen Tools gearbeitet. Diese haben dann auch große Bedeutung für die aktive Gestaltung des Lebens im Ruhestand. Obwohl es eine Vielzahl digitaler Angebote und Geräte auf dem Markt gibt, die speziell für diese Zielgruppe vorgesehen sind, haftet ihnen der Ruf an, dass ihre Nutzerinnen und Nutzer „zum alten Eisen“ gehören. Und genau darum wollen sich viele nicht damit sehen lassen. Gutes Senior_innenmarketing besteht weniger darin, eigene Produkte für Ältere zu schaffen, als vielmehr darin, einen Zugang zu ermöglichen, der ihrer Lebenswelt entspricht. Genauso ist es auch mit der Senior_innenbildung.

    Technologie als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben

    Digitale Kompetenz und die entsprechende technische Ausstattung sind wichtige Grundlagen für ein aktives und selbstbestimmtes Leben. Vor allem Menschen mit eingeschränkter Mobilität können von der Digitalisierung profitieren. Dafür muss ihnen allerdings der Einstieg erleichtert werden (sofern sie nicht ohnehin bereits im Umgang mit digitalen Werkzeugen geübt sind) und es braucht Angebote, die tatsächlich auf ihre Bedürfnisse eingehen.

    Aktiv altern – Handy- und Internetnutzung bei älteren Menschen

    Das Handy gehört für die Älteren zur selbstverständlichen Grundausstattung: Über 90 % der Generation 60+ sind mobil erreichbar. Die von A1 in Auftrag gegebene Studie widerlegt das Vorurteil, dass Seniorinnen und Senioren nicht kompetent im Umgang mit ihren Handys seien: 51 % der Befragten geben an, sich mit dem Handy sehr gut beziehungsweise gut auszukennen. In der Altersgruppe 60 bis 69 Jahre sind es fast zwei Drittel der Befragten (64 %). Die Nutzung ist längst nicht mehr auf Telefonieren beschränkt: 38 % verschicken regelmäßig SMS (in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen sind es 49 %), 25 % nutzen ihr Handy zum Abrufen von Infos  (32 % bei den 60- bis 69-Jährigen) und je 21 % zum Versenden und Empfangen von E-Mails bzw. zum Surfen im Internet [1].

    Die Gruppe der so genannten Silver Surfer wächst besonders stark: Zählten 2009 noch 52 % der 60-69jährigen und 20 % der Menschen über 70 zu den Internetnutzern [2] so sind es 2014 bereits 67 % bei den 60-69jährigen und 39 % bei der Gruppe 70+.[3] Auch beim Internet ist die Kompetenz der Seniorinnen und Senioren mittlerweile sehr hoch. Knapp die Hälfte der aktiven Nutzerinnen und Nutzer (49 %) gibt an, sich mit dem Internet (sehr) gut auszukennen. Fast ein Drittel (28 %) hat sich den Internet-Anschluss selbst organisiert und auch selbst installiert. Und vier von zehn (39 %) haben sich den Umgang mit dem Internet selbst beigebracht. Besonders interessant: Wer den Einstieg in die Online-Welt geschafft hat, möchte nicht mehr darauf verzichten. 83 % der älteren Nutzerinnen und Nutzern möchten das Internet nicht mehr missen. Damit ist das Internet nach dem Fernsehen (84 %) das unverzichtbarste Medium bei den jeweiligen Nutzer_innen.

    Die digitale Kluft verläuft zwischen sozialen Schichten

    Diese Zahlen belegen, dass Seniorinnen und Senioren grundsätzlich bereit sind, die Vorteile der Digitalisierung für sich zu nutzen.

    Um ältere Menschen aus benachteiligten sozialen Schichten zu erreichen braucht es:

    • zielgruppenspezifische Bildungsangebote zum Erwerb der Basiskompetenzen
    • auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmte Inhaltsangebote
    • einfach zu bedienende Geräte
    • leistbare Geräte und Tarife
    • spezielle Services, die den Alltag erleichtern

    Zielgruppenspezifische Bildungsangebote

    In Österreich hat sich insbesondere die Plattform Seniorkom.at um die Kompetenzvermittlung verdient gemacht. Die kostenlosen Kurse, die in allen Bundesländern angeboten werden, reichen von „Erste Schritte ins Internet“ über „Suchen und Finden im Internet“ bis hin zu speziellen Angeboten wie etwa „Sicherheit im Internet“. Seniorkom.at bietet auch „Ältere lernen von Jüngeren!“, wo Schülerinnen und Schüler ihr Internetwissen an Ältere vermitteln.  Generell gibt es bei einige Punkte zu beachten:

    • „Es braucht eine intensive und wertschätzende Auseinandersetzung mit der Zielgruppe, die ohne Vorurteile auf die Zielgruppe eingeht und sich mit positiven Bildern des Alterns beschäftigt.
    • Die Arbeit mit Senior/innen ist sehr anspruchsvoll. In der Konzeption von zielgruppenspezifischen Bildungsangeboten sind Qualitätsstandards notwendig.
    • Maßnahmen zur Vermittlung von Internetwissen müssen der Vielfalt der Lebenswelten von Senior/innen entsprechen. Eine „One-Fits-All“-Lösung in der Zielgruppenansprache gibt es nicht.“ [4]

    Inhaltsangebote für ältere Menschen

    Wer im Internet nach Apps für Senior_innen sucht, findet zuerst einmal Anwendungen für geistige Fitness und „Gehirnjogging“[6] oder für die einfachere Bedienung von Smartphones [5]. Diese sind sicherlich hilfreich für viele Menschen, allerdings gilt für Inhalte genauso wie für andere Senior_innenprodukte: Sie werden besser angenommen, wenn sie nicht Bezug auf körperliche und geistige Defizite nehmen und dafür auf die Themen setzen, für die sich ältere Menschen interessieren: Enkelkinder, Garten, Haustiere, Kochen, Reisen, Finanzen und auch Religion [7].

    Einfach zu bedienende Geräte und Komplettservice

    Auch hier zeigt sich, dass es meist keine speziellen Geräte braucht, die für Senior_innen produziert werden. Produkte wie das Apple iPad werden mit ihrer Usability von allen Altersgruppen angenommen. „Große Tasten und ein gut lesbares Display reichen keineswegs, um ältere Menschen zufriedenzustellen. Gute Handbücher, Komplettservice-Angebote, einfache intuitive Handhabung, persönliche Betreuung sowie leicht zugängliche Antworten und Problemlösungen sind für sie wesentlich. Generell haben SeniorInnen höhere Ansprüche als andere KäuferInnengruppen, was Service und Anleitung betrifft.“ [8]

    Leistbare Geräte und Tarife

    Auch dies ist kein spezifisches Seniorenthema. Wie oben beschrieben, müssen Bestrebungen zur Schließung der digitalen Kluft vor allem bei sozialen und Einkommensunterschieden und weniger beim Alter ansetzen.

    Spezielle Services, die den Alltag erleichtern

    Gerade hier bieten neue Technologien eine Unmenge an Möglichkeiten, um älteren Menschen mehr Autonomie im Alltag zu ermöglichen.

    • E-Health und Ambient Assisted Living: „Viele ältere Menschen nutzen innovative Technik im Gesundheitsbereich, zum Beispiel digitale Lösungen zur Messung von Vitalfunktionen oder Notrufsysteme. Untersuchungen zeigen, dass viele medizintechnische Produkte auch älteren Menschen keine Probleme bereiten, weil sie häufig über eine klare und kurze Bedienungsanleitung und eine einfache Bedieneroberfläche verfügen und durch ein entsprechendes Dienstleistungsangebot (Einschulungen, Online-Support, Plattformen für Erfahrungsaustausch) ergänzt werden.“[9] Lösungen für Ambient Assisted Living (Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben) nutzen verschiedenste Technologien, um Menschen situationsabhängig und möglichst unaufdringlich bei der Bewältigung des Alltages zu unterstützen. Dazu zählen etwa „automatische Abschaltung des Herdes bei Abwesenheit, Schutzmaßnahmen gegen Einbrüche sowie kontextabhängige Beleuchtungs-, Raumtemperatur- oder Musiksteuerung.“[10]
    • E-Government und Online-Behördenwege: Österreich ist zu Recht stolz darauf, Vorreiter im Bereich E-Government zu sein. Gerade für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, bieten Online-Behördenwege eine große Erleichterung. Dafür braucht es aber Grundkenntnisse und Internetzugang.
    • Online-Kommunikation: Über das Internet kann man nicht nur Kontakt zu Bekannten und Familienangehörigen pflegen, sondern auch mit Ärzt_innen oder medizinischem Personal. Neben herkömmlichen Anwendungen wie E-Mail, Videotelefonie und Social Networks gibt es auch spezielle Services, die für die Betreuung kranker Menschen entwickelt werden.

    [1] A1 Seniorenstudie: Durchgeführt vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut GfK Austria. Bei dieser repräsentativen Befragung wurden im Jänner und Februar 2014 1.000 Österreicherinnen und Österreicher ab 60 Jahren befragt.

    [2] Austrian Internet Monitor, Q2 / 2009 

    [3] Austrian Internet Monitor, Q2 / 2014 

    [4] Studie „Maßnahmen für Senior/innen in der digitalen Welt„, Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT), 2015

    [5] Siehe etwa: www.app60.de

    [6] Siehe etwa: www.android-user.de 

    [7] Siehe hier: www.seniorenfreundlich.de 

    [8] Siehe hier: www.aktivaltern2012.at 

    [9] Siehe hier: www.aktivaltern.at 

    [10] Siehe Wikipedia 


  • Lernen darf Spaß machen – Dossier #9

    „Wenn alles schläft und einer spricht, den Zustand nennt man Unterricht.“ – Die meisten kennen diesen Spruch. Er drückt ein Gefühl aus, das Schülerinnen und Schüler seit vielen Generationen verspüren. Frontalunterricht langweilt aber nicht nur diejenigen, die ihn mehr oder weniger schlafend „genießen“, sondern auch diejenigen, die Jahr für Jahr dieselben Inhalte vortragen müssen.  Das Erlernen von Stoff kann auch anders erfolgen und es kann vor allem auch Spaß machen.

    Es geht auch anders: Flipping the Classroom

    Die Digitalisierung bietet eine sehr einfache Möglichkeit, diese Situation zu ändern. Der Frontalunterricht wird auf Online-Tools ausgelagert, der Unterricht wird dazu genutzt, gemeinsam Aufgaben zu lösen und die Pädagoginnen und Pädagogen können ihre Rolle als Coaches und Begleiter wahrnehmen. Das Gute an diesem Konzept der „Flipped Classrooms“: Es braucht keine Bildungsreform dafür. Es lässt sich in den bestehenden Schulbetrieb integrieren, indem Hausaufgaben und Schulunterricht getauscht werden. Schülerinnen und Schüler erlernen den Stoff online – zum Beispiel durch das Ansehen von Lehrvideos zu Hause – und nutzen die Zeit mit den Lehrenden dazu, ihn gemeinsam anzuwenden.

    Im deutschsprachigen Raum wird diese Methode von Christian Spannagel, Professor für Mathematik und Mathematikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, propagiert. In diesem Video stellt er das Prinzip vor:

     Aufwändige Produktion

    Margit Pollek, Koordinatorin des eLearning Clusters Wien und selbst Mathematiklehrerin an der HLW 10, wendet das Konzept in ihrem Unterricht an und hat schon viel positives Feedback dafür bekommen. Vor allem schwächere Schülerinnen und Schüler waren in der Lage, die in den Online-Videos gestellten Aufgaben zu lösen. Der Hauptgrund für diese Erfolgserlebnisse liegt schlichtweg darin, dass sie „Nachhilfelehrer immer bei sich“ haben. Die Produktion von Lernvideos ist allerdings recht aufwändig. Pollek verwendet PowerPoint-Präsentationen als Basis und reichert diese mit gesprochenen Erklärungen und handschriftlichen Einträgen an. Dafür gibt es ein Plugin von Microsoft, mit dem die multimediale Präsentation als Video abgespeichert werden kann. Publiziert wird es dann auf der Plattform Office Mix  als „offener“ Content, im Sinne der freier Bildungsressourcen (OER). Das ist noch immer viel Aufwand, aber auf solchen Plattformen können sich Communities von Lehrenden bilden, die die Inhalte auch für ihre Schülerinnen und Schüler nutzen und ggf. adaptieren können. Bisher war das Problem mit E-Learning-Contents, dass die unabhängige Evaluation und die finanziellen Mittel für die professionelle Herstellung fehlten. Dem lässt sich mit OER und der gegenseitigen Unterstützung bei der Produktion der Inhalte entgegenwirken. Die positiven Erfahrungen, die Margit Pollek, ihr Oberösterreichischer Kollege Kurt Söser, wie auch der Salzburger Englischlehrer Walter Steinkellner mit „Flipped Classrooms“ gesammelt haben, sprechen aus ihrer Sicht dafür, den Ansatz vor allem für die Vermittlung von Basiswissen in den Oberstufen weiterzuverfolgen. Für Jüngere ist diese Art des eigenständigen Erarbeitens von Inhalten weniger geeignet. Pollek bringt noch ein weiteres Argument: „vergessene“ Hausuagaben sollte es nicht mehr geben. Fast alle Schülerinnen und Schüler hätten ein Smartphone und könnten die Videos auf dem Weg zur Schule sehen.

    Game-based learning: Alt, aber digital noch besser

    Was heutzutage unter dem Namen Gamification als neuer Trend in der Wissensvermittlung vermarktet wird, ist bei genauer Betrachtung ein alter, aber bewährter Hut. Wohl die meisten Eltern der so genannten Digital Natives haben als Kinder Aufgaben mit LÜK-Kästen gelöst und die Erfolgserlebnisse genossen, die nach dem Umdrehen der Plastikkärtchen in Form symmetrischer Muster vor ihnen gelegen sind. Heute bietet der Hersteller auch Smartphone-Apps an, bei denen das Prinzip „Lernen-Üben-Kontrollieren“ digitalisiert wurde. Dass wir besser und motivierter lernen, wenn das Lernen in spielerischer Form erfolgt und in Geschichten verpackt ist, gilt schon lange als Common Sense. Es reicht eben nicht, Lernende Punkte oder Badges sammeln zu lassen. Sich mit anderen messen zu können, mag besonders Ehrgeizigen als Motivation reichen, sich mit neuen, oftmals schwer verdaulichen, Inhalten auseinanderzusetzen. Die meisten durchschauen aber den Versuch, Brokkoli mit etwas Schokoladeglasur schmackhafter zu machen, wie Jörg Hofstätter es ausdrückt. Hofstätter entwickelt mit seiner Agentur ovos digitale Anwendungen, die das zu vermittelnde Wissen insgesamt schmackhafter machen wollen. „Ludwig“ etwa verpackt den Physiklernstoff der Unterstufe in ein Videospiel. Spielerinnen und Spieler ab 11 Jahren erforschen physikalische Phänomene und führen den Roboter Ludwig durch vier verschiedene Themenwelten (Energie durch Verbrennung, Wasserkraft, Sonnenenergie und Windkraft). Sie wenden das gewonnene Wissen gleich an, um gemeinsam mit Ludwig Abenteuer zu bestehen. „Ludwig“ wird als offizielles Unterrichtsmittel an mehr als 500 österreichischen Schulen eingesetzt. Und es ist ein wahrer Exportschlager: Mittlerweile gibt es das Spiel in zahlreichen Sprachen. „Cure Runners“ widmet sich dem schwierigen Thema Finanzkompetenz. Die Initiative Three Coins hat dieses Jump’n’run-Game gemeinsam mit ovos realisiert, um diese jungen Menschen zu vermitteln, ohne dass es nach Brokkoli schmeckt.

    Schluss mit Schlafen!

    Während die einen lautstark eine umfassende Bildungsreform fordern, die junge Menschen perfekt auf das Leben im Internetzeitalter vorbereiten, arbeiten andere in bestehenden Strukturen mit neuen Methoden, die genau darauf abzielen. Es braucht wohl beides: Die Reform wird nicht stattfinden, wenn wir nicht laufend neue Instrumente erproben, die durch das Internet möglich werden.

    Links:


  • Blog · Dossier 1 - Bildung · Dossiers24. Februar 2015

    Lernen nach dem „Do it yourself“-Prinzip / Dossier_Bildung #3

    Digitale Tools heben etablierte Lernkonzepte auf eine neue Ebene: Plattformen werden zum gemeinsamen Erarbeiten von Lerninhalten eingesetzt, Games dienen zur Wissensvermittlung, und nicht zuletzt bildet das Internet selbst die größte Recherchequelle, auf die Menschen jemals zugreifen konnten.

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