Artikel zu Digitale Kompetenzen

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    Eine Hoffnung für den Wandel in der Gesellschaft – Wie das kulturelle Erbe die Zukunft lebendig mitgestalten wird – Dossier 3, Beitrag #8

    Derzeit ist ein überwiegender Teil der Bevölkerung der Annahme, dass digitale Kompetenzen sich fast ausschließlich über die Technik erschließen. Wir wollen in diesem Beitrag einmal genauer hinsehen, ob dem tatsächlich Rechnung getragen werden kann.

    Dem Digital Scoreboard der Europäischen Kommission zufolge ist die digitale Kompetenz in Österreich im Vergleich zum EU-Durchschnitt überdurchschnittlich gut und aufsteigend. Jede Analyse liegt einer Messbarkeit zugrunde und diese Messbarkeit wird von der EU mit den Eckpunkten „Konnektivität“, „Humankapital“, „Internetgebrauch“, „Integration von digitalen Technologien“, „digitale Dienstleistung für die Öffentlichkeit“ und „Forschung & Entwicklung (R&D)“ ausgezeichnet. Was verbirgt sich hinter diesen Überschriften?

    Die „Konnektivität“ bezieht sich auf den Breitband-Ausbau und damit auf die technische (Grund-)Versorgung. Bei „Humankapital“ ist Österreich auf Platz 8 im EU-Ranking, wobei gemessen wird wie hoch der Bevölkerungsanteil ist, der Internet einfach nur benutzt. Etwas weniger wird es, sobald es um den Anteil an Expertinnen und Experten der Informations- und Kommunikationstechnologien als Arbeitskräfte geht. 2013 war Österreich unter den Top 3 von Abschlüssen in STEM (science, technology, engineering and mathematics).

    Unter dem dritten Punkt „Internetgebrauch“ finden wir eine interessante Interpretierung der Ergebnisse:

    “When it comes to some of the more common uses of the Internet by private individuals, Austria ranks only 25th among EU countries. This is surprising considering that Austrians have digital skills above the European average with a widely available and affordable Internet. Austrians are therefore in a good position to exploit the Internet for a variety of uses.“1

    Wenn es also nur um ein wenig über die allgemein herkömmliche Art des Internetgebrauchs geht, fällt die Österreicherin oder der Österreicher plötzlich stark nach hinten ab und dass, obwohl in diesem Land doch ausgezeichnete Voraussetzungen gegeben wären. Keine Sorge! Dementsprechend gut schneiden wir wieder beim Online-Shopping und e-Banking ab.
    Die „Integration von digitalen Technologien“ funktioniert bei größeren Betrieben überdurchschnittlich, bei Klein- und Mittelunternehmen gibt es jedoch Verbesserungsbedarf. Im Bereich „Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen“ erkennt Österreich die Potenziale, denn es geht um Kosten- und Zeitersparnis und ist eine Win-Win-Situation sowohl für den User, als auch für den Provider. Im Absatz zu „Forschung und Entwicklung“ kann man genauer nachlesen wie die Drittmittel verteilt werden. Hier spiegeln sich die bereits erwähnten Ergebnisse.

    OpenGLAM – Das kulturelle Erbe braucht kulturelle Transformation

    Was sich jedoch in diesem Digital Scoreboard auch spiegelt, ist die Aufmerksamkeit, die der Technik zukommt und die Vernachlässigung der Ansicht, dass die Technik ja nur ein Mittel zum Zweck ist wie digitale Transformation vonstatten geht. Diese Annahme lässt sich auch im Bereich der GLAMs beobachten. OpenGLAM steht für Open Data des kulturellen Erbes (galleries, libraries, archives and museums) und ist ein Teilbereich der Open Data Bewegung.

    Als 2013 die PSI-Richtlinien (Public Sector Information), welche die Weiterverwendung von Informationen des öffentlichen Sektors regulieren, in einer Novelle von der EU auf das kulturelle Erbe erweitert wurden, war das ein Anstoß für die betroffenen Institutionen aus dem Dornröschenschlaf aufzuwachen. Diese Richtlinie muss bis 2018 in nationales Recht umgesetzt werden. Leider hinken Archive, Bibliotheken und Museen der digitalen Transformation noch etwas hinterher. Hier ist Österreich keine Ausnahme und es nimmt auch keine Vorreiterrolle ein.

    In einem 2013 erschienenen Artikel zum Thema “Transformative Forschung als Motor für die Gestaltung von Systemübergängen” heißt es:

    “Mit diesem Umbruch geht ein neues Innovationsparadigma einher, das von der Fortschreibung eines rein ökonomisch-technologischen Fortschrittsmodells abrückt. Soziale und kulturelle Innovationen gewinnen dagegen an Bedeutung: Gefordert sind institutionelle Reformen, neue Organisations- und Geschäftsmodelle sowie eine Kulturrevolution für suffiziente Lebensstile.”2

    In diesem Artikel wird deutlich, dass soziale und kulturelle Innovation an Bedeutung gewinnt. Ganz aktuell wird bei der neuen Charta für digitale Grundrechte auch darauf hingewiesen, dass ‘technischer Fortschritt stets im Dienste der Menschheit zu stehen hat. Neue Formen der Organisation gilt es zu entwickeln und im Zentrum steht der Mensch, die Mitarbeiterin, der Kunde, die Lernenden.

    In den GLAMs geht die digitale Transformation jedoch – meiner Beobachtung nach – vorrangig von dem Inhalt und der Technik aus. Unter diesen Bedingungen kann digital alles andere als phänomenal sein und genau gar nichts bewirken. Hinzu kommt, dass bei einem Transformationsprozess kooperativ gedacht, kommuniziert und gehandelt werden muss, um ein Projekt oder ein Unternehmen oder eine Institution erfolgreich werden zu lassen. Laut einer Studie von CISCO und der Wirtschaftskammer sind in Österreich 51,9% der Befragten der Meinung, dass eine Kooperationsbereitschaft “kaum vorhanden” ist. In den Kulturinstitutionen scheint mir, dass das Gedränge um die immer weniger werdende Förderung diesen Faktor noch verstärkt.

    Wie die Digital Humanities ihre eigenen Kompetenzen unterschätzen

    Innovationsprozesse erfolgen in erster Linie über Systemveränderungen. Diese gestalten sich in erster Linie durch Organisationsentwicklung und in weiterer Folge über Fragen wie: was ist überhaupt ein Archiv und wie kann dieses für den Menschen erlebbar gemacht werden?

    Die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaft ist hierbei eine erhebliche, um den Fokus auf kulturelle Entwicklungen zu überprüfen. Diese Rolle wird derzeit sowohl in einzelnen Projekten als auch in breit angelegten Digitalisierungsprozessen noch stark vernachlässigt. Hier gilt es Kompetenzen auszubilden, zu stärken und berufliche Positionen zu schaffen, die es ermöglichen einen nachhaltigeren Übergang flächendeckend zu schaffen. Eine ausgezeichnete digitale Basisstruktur ermöglicht der Gesellschaft die vielfältige Teilhabe am Wissen unseres kulturellen Erbes. Und bekanntlich hat Bildung in einer demokratischen Ordnung und ihre selbstregulierende Wirkung der Gesellschaft in jeder positiven Hinsicht genutzt.

    Wie es sich am Beispiel der Bibliotheken in Österreich gezeigt hat, ist es neben hierarchischen Strukturen sehr hilfreich eine schnell kommunizierende Struktur zu schaffen, die einzelne Institutionen und Akteure miteinander vernetzt und die Kooperation dieser fördert. So entstand das Netzwerk der OANA (Open Access Netzwerk Austria, initiiert vom Österreichischen Bibliothekenverbund und vorangetrieben vom FWF – Fonds wissenschaftlicher Forschung), welches innerhalb kurzer Zeit bereits Ergebnisse vorlegte um die digitalen Entwicklungen in der österreichischen Bibliothekswelt zu begünstigen. Beispielhaft könnte vom Bundeskanzleramt für Kunst & Kultur ein vergleichbares Netzwerk initiiert werden, welches GLAMs fördert ihr kulturelles Erbe für die breite Bevölkerung zugänglich zu machen.

    Distribution und ihre Auswirkungen

    Zusätzlich zu technischen Anforderungen wird oftmals auch die rechtliche Situation als Barriere zum Zugang zu kulturellem Wissen empfunden. Auch in diesem Zusammenhang können wir von einem Phänomen des fehlgeleiteten Diskurses ausgehen. Abermals stehen die strukturellen, organisatorischen und gesellschaftlichen Veränderungen dieser Rechtsdiskussion voran, welche noch nicht bearbeitet wurde und noch keine Lösung herbeigeführt hat. Wodurch es eine große Verunsicherung gibt, die vor der Öffnung von Digitalisaten und ihren Metadaten noch abschreckt. Ein europäisches Lizenzierungssystem wäre vermutlich ein Weg, um diese Barriere zu überwinden. Denn erst wenn wir Daten für die Öffentlichkeit frei verfügbar, wiederverwendbar und weiterverwertbar machen, erreichen wir eine nachhaltige Entwicklung in der Gesellschaft. Erst wenn das Kulturgut in eine allgemein zugängliche Ressource umgewandelt und auch als solches wahrgenommen wird, kommt es zu dem Effekt, dass Start-Ups entstehen, Wissen in die Bildung übernommen werden kann und insgesamt dem kulturellen Erbe eine größere Bedeutung, auch in gesellschaftspolitischen Fragestellungen, zukommt. Das kulturelle Erbe hat ein unglaubliches Potenzial um auf wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Probleme reagieren zu können, wenn wir diese Chance nur nutzen wollen und anhand von Finanzierung und Kommunikation ermöglichen.3

    1 Europäische Kommission, Digital Scoreboard Austria, 3. Use of Internet:
    https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/scoreboard/austria

    2 Transformative Forschung als Motor für die Gestaltung von Systemübergängen: https://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/oew_leseproben/OEW_2_2013_15_Schneidewind_Singer-Brodowski.pdf

    3 The Impact of Open Access on Galleries, Libraries, Museums & Archives:
    http://siarchives.si.edu/sites/default/files/pdfs/2016_03_10_OpenCollections_Public.pdf

    Linksammlung:

    • Amtsblatt der Europäischen Union zur PSI-Richtlinie:
    http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2013:175:0001:0008:DE:PDF
    • Informationsweitergabegesetz des Bundeskanzleramtes:
    http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20004375
    • Auswirkungen und Handlungsempfehlung:
    http://okfn.at/2013/09/03/welche-auswirkungen-hat-die-novelle-der-psi-richtlinie-fur-bibliotheken-museen-und-archive/
    • Empfehlungen für die Umsetzung von Open Access in Österreich:
    https://zenodo.org/record/33178#.WE7cxXeX-t9
    • Europäische Kommission, Digital Scoreboard Austria:
    https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/scoreboard/austria
    • Kooperationsbereitschaft in Österreich:
    http://www.cisco.com/c/dam/global/de_at/assets/docs/presse/08_PK_Cisco_WKO_final_0208.pdf
    • Digitale Grundrechte – Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union:
    https://digitalcharta.eu
    • Transformative Forschung als Motor für die Gestaltung von Systemübergängen: https://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/oew_leseproben/OEW_2_2013_15_Schneidewind_Singer-Brodowski.pdf
    • The Impact of Open Access on Galleries, Libraries, Museums & Archives:
    http://siarchives.si.edu/sites/default/files/pdfs/2016_03_10_OpenCollections_Public.pdf
    • TEDx talk from Wim Pijbes, „How the Rijksmuseum is reinventing the museum“: https://www.youtube.com/watch?v=L4V-6albaG0&feature=youtu.be

    Bio:
    Sylvia Petrovic-Majer ist derzeit selbstständige Kulturwissenschaftlerin. 2013 gründete sie die Arbeitsgruppe OpenGLAM in Österreich. Sie beschäftigt sich seit 2011 intensiv mit partizipativen (Gruppen-)Arbeitsprozessen. Davor studierte sie an der Universität Wien am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft und am Institut für Kunstgeschichte, während sie verschiedenste Ausbildungen und Tätigkeiten im Kulturmanagement, Design Thinking und Prozess- und Projektmanagement absolvierte und ausübt.
    Sylvia arbeitet vorwiegend an interdisziplinären Themen und versteht sich als „Brückenbauerin“. Dazu entwickelt sie mit Gruppen Innovationsprojekte und Kooperationen. Sie lebt, forscht und arbeitet zum Wandel der Gesellschaft.

    Motivation: Neue Lösungen für bestehende Herausforderungen der bisherigen Strukturen entstehen zu lassen.

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    News or Not

    Von einer anderen Perspektive aus…

    80% der Jugendlichen könnten Werbung und News – also Nachrichten – nicht voneinander unterscheiden, so eine Meldung der Seite t3n, der ich bei Xing begegnet bin. Darin heißt es, dass die kalifornische Stanford Universität im Zeitraum Januar 2015 bis Juni 2016 die Datensätze von Schüler_innen (Mittel- und Oberstufe), sowie einiger Studierender ausgewertet habe. Die 7.804 Datensätze aus 12 US-Bundestaaten zeigten, dass 80% der Befragten Werbungen nicht von Nachrichten unterscheiden könnten. Ähnliche Ergebnisse seien bereits im Jahr zuvor von der britischen Medienaufsichtsbehörde gefunden worden, dabei wäre deutlich geworden, dass nur 31% der 12-15-jährigen Schüler_innen den Unterschied erkennen würden und die jüngeren in der Altersgruppe 8-11 würden diese Aufgabe gerade zu 16% bewältigen.

    Als kritisch sei weiterhin anzusehen, dass Viele Informationen für wahr halten, sowie sie über Google zu finden seien (t3n 2016).

    Ich hinke grad der Zeit hinterher, denn mir fiel die Meldung zwar am Erscheinungstag auf, allerdings kam ich zunächst nicht dazu, meine Gedanken zu formulieren. Da sich nun seit Tagen die „Konsequenzen aus diesen Untersuchungen“ durch viele Facebook und Xing Beiträge ziehen, Expert_innen ihre Besorgnis bekunden und Pädagog_innen planen, wie dies zu ändern sei, möchte ich es jetzt nachholen.

    Die Forderung nach einer kritischen Mediennutzung ist nicht wirklich neu. Die Grundlagen, die es dazu braucht sind u.a. bei Baake seit vielen Jahren beschrieben. Denn die Medienpädagogik hat sich ja nicht mit der Klage über den „Verfall“ begnügt, sondern Dimensionen der Medienkompetenz klar formuliert. Gleichfalls gibt es hinreichend Untersuchungen, Modellprojekte, Evaluationen und entsprechende Literatur zur Notwendigkeit einer alltagspraktischen (um nicht zu sagen, einer alltagspragmatischen) Nutzung der Medien.

    Dass die Nutzung von Medien mit Bildung und einer entsprechenden Reflexivität einhergehen muss, dürfte auch relativ unumstritten sein.

     

    Was also sagt mir die Studie wirklich?

    Mich erinnerte sie zunächst an meine Eltern, die sich beim Lesen des Prints der „Apotheken Umschau[1]“ über neue Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten informiert. Die Aussagen „Ich habe das da gelesen…“ und „… da stand, dass man xyz nehmen soll“ dürfte manchen vertraut sein. Der Effekt ist meiner Ansicht nach im Wesentlichen von den Print Medien zu bekannt, weshalb der Gesetzgeber dafür sorgte, dass Anzeigen von redaktionellen Beiträgen abgehoben werden müssen. Darüber hinaus gibt es klare rechtliche Vorgaben u.a. zur Werbung für Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Medikamenten, Heilmittel, Babynahrung und anderen Produkten.

    Doch wie klar ist das für die Leser_innen zu trennen? Werden Beiträge zu Themen redaktionell aufgemacht und Werbung[2] entsprechend optisch nah gestaltet, so sind die Grenzen schwer zu erkennen.

    Ebenso, wenn reine Werbebeiträge in einer redaktionell anmutenden Form publiziert werden. In beiden Fällen kann die angemahnte Unterscheidungsfähigkeit ja nur gegeben sein, wenn die entsprechenden Hinweise bekannt sind. WEISS der/die Leser_in nicht, worauf zu achten ist, wird es für ihn/sie schwierig Hinweise finden oder die Form richtig zu interpretieren.

    Liegt es nun an „Defiziten“ der Rezipient_innen oder am Geschick der Anbieter_innen?

    Ich finde es verkürzt, wenn der Diskurs sich zwischen den beiden Polen bewegt.

    Dass die Fülle an Informationen, welche durch die digitalen Zugänge zur Verfügung stehen, mit entsprechenden (notwendigen!) Lernprozessen zur Differenzierung verbunden sein muss, ist aus der Perspektive deutlich, dass es eine kulturelle – also von Menschen gemachte und der gesellschaftlichen Phase entspringende Herausforderung ist.

    Jugendliche stehen – ebenso, wie die Generation der Großeltern – vor der Aufgabe zu erkennen, wer ihnen welche Informationen bietet, mit welcher Intention und wie sich die Validität der Aussagen überprüfen und einordnen lässt.

    Sie stehen allerdings noch mehr vor der Aufgabe, die Heterogenität der Aussagen und damit verbundenen Begründungslinien auf die Werte zu prüfen, die dahinterstehen und sich individuell für oder gegen die damit verbundenen Zugehörigkeiten zu entscheiden.

    Um dies greifbarer werden zu lassen, möchte hier einen kurzen historischen Exkurs anbieten:

    In den Jahren der Industrialisierung zogen die Menschen nicht nur vom Land in die Städte. In vielen Industriegebieten bildeten sich Siedlungsgemeinschaften[3], mit einem entsprechenden, dörflichen Charakter.  Die Werkssiedlungen sind heute zum Teil als „Erbe der Industriekultur“ geschützt. Doch was bedeutete diese Lebensform?

    Die Familien hatten ihren Wohnraum und den sozialen Nahraum im Bereich des Werksgeländes. Dadurch war der Eigentümer (und Arbeitgeber) in der Lage zu kontrollieren, wer mit welchen Botschaften an die Arbeiter_innen herantreten konnte. Schule, Ausbildung, Sportvereine und geselliges Brauchtum spielte sich in einem milieuspezifischen, überschaubaren Rahmen ab.

    Wenn wir heute von „Filterblasen“ und „Echoraum“ durch die Algorithmen lesen, scheint mir dabei die Unterschiedlichkeit von Lebenswelten noch immer nicht ins Bewusstsein gelangt zu sein.

    Simmels Kreuzung zeigt schön auf, dass wir nur mit jenen in Austausch gehen können, die wir kennen. Lebenswelten (Interessen, Weltzugänge, Werte) die uns so bekannt sind, dass wir anschlussfähig sind, finden sich als Erklärung bei Luhmann ebenso, wie die Schwierigkeit miteinander zu kommunizieren, wenn die Begriffe [4] unterschiedlich besetzt sind.

     

    Zurück zum Topic des Beitrags – was bedeutet das für die Ergebnisse der Studie?

    1. Die Jugendlichen können nur erkennen und unterscheiden, was sie als Unterscheidbar begreifen können, weil es ihnen bekannt ist.
    2. Die Intentionen derer, die Informationen bereitstellen, zu erkennen geht nur dann, wenn die Möglichkeit, dass es unterschiedliche Interessen geben könnte als solche bewusst ist.
    3. Die Generationen zuvor sind auch nicht „besser“.
    4. Es ist die auch (medien)pädagogische Aufgabe, das (kognitive) Handwerkszeug zum kritischen Diskurs zu vermitteln.
    5. Eine Aufgabe der Pädagogik besteht darin, ihr eigenes Normalitätskonstrukt kritisch zu reflektieren und sich der Vielfalt von möglichen Grenzlinien bewusst zu werden.
    6. Dies Bewusstsein sollte im Idealfall zu einer Wertneutralität führen, die nicht Toleranz mit Opfertum verwechselt, sondern die Werte, Normen und Dogmen als solche einer kritischen Betrachtung unterzieht und auf ihre kulturelle Entstehung hin betrachtet.
    7. Dies kann dazu führen, dass eine aufrichtige Wertschätzung für das „Alte[5]“ entsteht, die es dennoch nicht zwanghaft erhalten muss.
    8. Es soll dazu führen, dass die Richtung von Veränderungen durch Grundwerte der gegenseitigen Achtung gestaltet wird (analog zum Gebot der Gottes- Selbst- und Nächstenliebe, wie zu den UN Menschenrechten).

     

    Quellen und Fußnoten

    t3n 2016 http://t3n.de/news/news-werbung-internet-unterscheiden-jugendliche-769460/?xing_share=news

    [1] „Das alles ist handwerklich durchaus gut gemacht; mehrfach wurden Geschichten aus der Umschau sogar mit Journalistenpreisen ausgezeichnet. Neben Artikeln ist das Magazin prallvoll mit dem, was jeder Verlagsmanager gerne sieht: Anzeigen. Für Medikamente und Reisen, Badewannenlifte und Gedenkmünzen. Seitenpreis: rund 63.000 Euro.“

    https://www.welt.de/wirtschaft/article13815044/Der-zwiespaeltige-Erfolg-der-Apotheken-Umschau.html

    [2] Die Interessenslagen sind dabei unter Umständen sehr verschieden – und der Umgang damit ungewohnt. „Kommerzielle Kommunikation ist essentiell für unsere Wirtschaftsordnung! Daher ist jeder politische Eingriff in die Werbungbedenklich für unsere Marktwirtschaft.“ Dr. Hans-Henning Wiegmann

    Quelle: www.zaw.de, 13.03.2015. http://www.zaw.de/zaw/zitate_texte/zitat_10.php

    [3] Die entsprechenden Dynamiken finden sich z.B. bei Elias/Scotson (1965) „Etablierte und Außenseiter“ hervorragend skizziert. Die Ergebnisse lassen sich auf viele der aktuellen Marginaliserungsprozesse von Gruppen übertragen.

    [4] Nimmt man Luhmanns binären Code, so sind in den Systemen die Werte nicht nur zweipolig und stehen sich damit diametral gegenüber. Sie sind auch untereinander nicht in er Lage miteinander so zu kommunizieren, dass sie einander „verstehen“, sondern sie beziehen sich (vom Ziel) nur auf den Selbsterhalt – somit auf sich selbst. Nimmt man Watzlawick und den gemäßigten Konstruktivismus hinzu, werden die Folgen deutlich, besonders prägnant in der Geschichte vom Hammer.

    [5] In den Mythen der Welt und den Kindergeschichten, wie Hui Buh, kann das Alte aufhören zu spuken (und dem Neuen in die Suppe zu spucken), wenn es erkannt und in seinem Kontext als sinnvoll begriffen/gesehen wurde. Vielleicht wert, auf dieser Basis zu prüfen, was in unseren kulturellen Leit-Bildern alles spukt….

    Autorin: Sabine Oymanns
    Bildungswissenschafterin MA familylab-Seminarleiterin Als Seminarleiterin, Wissenschaftlerin und als Mensch liegen mir Herausforderungen am Herzen. Wie können wir mit Begrenzungen und Grenzen umgehen? Wie sagen wir Ja und Nein und was sagen wir, wenn wir uns grad nicht in der Lage fühlen uns zu entscheiden? Die Gestaltung der Interaktionen, Reflexion der Prozesse und die wertschätzende Integration der eigenen Lebenserfahrung sind für mich die Schlüssel zum Gelingen. Hierbei fließen interdisziplinäre Zugänge in meine Arbeit ein, die ich individuell mit dem Menschen vor mir auswähle.

     

    Hinweis: 
    Passend zum Thema des Beitrages findet am 9.12. um 11.00 das Webinar „Factchecking im Internet“ statt.

    Factchecking im Internet – Webinar

  • Teaser_Dossier_neutral
    Blog · Dossier 2 - Arbeitswelt9. Dezember 2015

    Veränderte Anforderungen an ArbeitnehmerInnen / #Dossier_Arbeitswelt #8

    Die Arbeitswelt verändert sich. Die größten Entwicklungen und Veränderungen haben wir bereits beleuchtet: dabei ging es um die Flexibilisierung von Arbeit, Coworking, die Jobsuche im Netz und Veränderte Berufsbilder.

    ArbeitnehmerInnen sind von diesen Veränderungen also auf vielfältige Weise betroffen. Gleichzeitig ändern sich auch die Anforderungen von Umwelt und Arbeitgebern an die ArbeitnehmerInnen. Für alle Beteiligten gilt es daher, die vielseitigen Entwicklungen zu hinterfragen, ihnen zu folgen und damit die Zukunft der Arbeitswelt mitzugestalten.

    Katja Piwerka beschreibt die Entwicklung in einem Artikel so: „Noch vor wenigen Jahren war die Arbeitswelt von fixen Strukturen und unflexiblen Abläufen geprägt. Zahlreiche technologische Innovationen und einen rasanten Wandel zur Informations– und Wissensgesellschaft später sind diese Attribute jedoch nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr bestimmen heute Tablets, Laptops und Smartphones unser mobiles Leben und Arbeiten und werden so zum Motor für Produktivität und Kollaboration.“

    → Weiterlesen


  • Blog · Dossier 1 - Bildung · Dossiers10. Februar 2015

    Im Kleinen wie im Großen: Vermittlung digitaler Kompetenz / Dossier_Bildung #1

    Es ist schon seltsam: Wenn es um die Digitalisierung geht, dann sprechen alle von einer Revolution. Unser Bildungssystem, das die Menschen befähigen sollte, von der Digitalisierung zu profitieren und den Wandel aktiv mitzugestalten, ist allerdings weit entfernt von revolutionären Umbrüchen. Der gesellschaftlichen Realität des 21. Jahrhunderts steht ein Schulsystem gegenüber, das in seinen Grundzügen jenem des 19. Jahrhunderts entspricht. Obwohl niemand bestreitet, dass sich hier etwas ändern muss, hat sich die Politik so tief in ideologischen Stellungen eingegraben, dass sich im Großen gar nichts mehr bewegt. → Weiterlesen


  • Blog31. Januar 2015

    Round-Table „Das neue Arbeiten im Netz“ am 20.1. im AzW Podium

    Im Rahmen der Präsentation des Leitfadens „Das neue Arbeiten im Netz“ haben Mitwirkende am Nachschlagewerk gemeinsam mit AMS Vorstand Johannes Kopf über die Anforderungen und Auswirkungen der veränderten Arbeitsweisen diskutiert. Die Beteiligten haben sich der Fragestellung aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln genaehert. In einem Punkt herrschte Einigkeit am Podium: Es braucht verantwortungsvolles Handeln auf allen Seiten, damit die am Arbeitsmarkt geforderte Flexibilität und Kompetenz zum Vorteil aller eingesetzt werden kann. → Weiterlesen

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